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Alte Hüte – noch wie neu (“35 – 25 – 15 – 5″ vom 21. April)

Vor 35, 25, 15 und vor fünf Jahren: Kleine Texte aus »gw«-Kolumnen, die heute nachdenklich stimmen können oder schmunzeln lassen. Oder beides.
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(Fast auf den Tag genau vor 35 Jahren ging es um ein frühes »gw«-Feindbild, den Bundesausschuss Leistungssport/BAL und ein Bundestrainer-Seminar zum Thema »Leistungsdiagnostik«:) Unsere Sport-Apparatschiks vom BAL bleiben stur auf ihrer Schiene, die geradewegs in den Osten führt. Denn starre Übernahme leistungsdiagnostischer Optimal-Forderungen hat nur in den Zwangs-Systemen des Ostens Erfolg. Mein Idealbild des Sportlers aber ist der unabhängige, selbstbewusste, eigen- und nicht fremdmotivierte Athlet. Er kennt seinen Körper besser als jeder Biomechaniker und benutzt zusammen mit seinem Trainer leistungsdiagnostische Zahlen nur als Basis und verlässt sich vor allem auf Erfahrung, Auge und Eingebung. (22. April 1981 / Sehr idealistisch! Wenn es heute um den Gegensatz von Fußball-Nostalgikern und »Laptop-Trainern« geht, argumentiert »gw« nicht mehr ganz so sportromantisch wie vor 35 Jahren.)
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(Wir bleiben »drüben«. Zehn Jahre später und kurz nach der Wende schwappte eine erste Welle der Gewalt von Osten her durch den gesamtdeutschen Fußball. Verschwörungstheorie von »gw«:) Es ist schon merkwürdig, dass zu den Heimspielen des ehemaligen Stasi-Klubs FC (Dynamo) Berlin weniger Zuschauer kommen, als randalierende »Fans« zu den Auswärtsspielen mitreisen. Kann man sich bei dem Niveau der Masse der Krawallmacher vorstellen, dass die Logistik der Gewalttaten von innen heraus entwickelt wird? Wer hat ein übergeordnetes Interesse an Krawall und Verunsicherung? Wer hatte Macht und Einfluss, die Ostmark-in-DM-Verwandlung als sprudelnde Geldquelle zu benutzen und in eigene dunkle Kanäle versickern zu lassen? Worin könnten stramme sozialistische Einheitsparteiler besser investieren als in die Chaotisierung des verhassten bürgerlich-kapitalistischen Siegersystems? (23. März 1991 / Nur eine absurde Verschwörungstheorie zu Wende-Zeiten – oder Fragen, die man heute wieder stellen könnte? Allerdings zu einer anderen üblen Welle, die aus dem deutschen Osten kommt.)
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(Zu grimmig? Themawechsel: Ein portugiesischer Schiedsrichter interpretierte vor 15 Jahren das Bild vom »Mann mit der Pfeife« auf ungewöhnliche Weise neu:) Unser zumindest unordentlicher Portugiese muss mit einem ordentlichen Verfahren rechnen, da er nach dem Spiel und vor zwei Polizistinnen, die die Kabinen bewachten, mehrmals das Handtuch fallen ließ. Ihm bleibt nur die Hoffnung, dass das ordentliche Gericht nicht so alttestamentarisch urteilt wie das sportdisziplinarische: Das hat ihm die Pfeife abgenommen. (Mit einem pubertären Grinsen geschrieben und im nächsten Absatz nachgehakt:) Manchmal stolpert man im Polizeibericht über die Überschrift »Exhibitionist zeigte sich«, und dann fragt man sich, was er denn sonst tun soll. Wenn er Exhibitionist ist, zeigt er sich, zeigt er sich nicht, ist er kein Exhibitionist. (24. Februar 2001)
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(Und wer nicht zockt, ist kein Zocker. Oder kein Fußballer?) Profis eines Bundesligisten stehen am Gepäckband des Flughafens und warten. Die Fußballer langweilen sich. Da sammelt ein Nationalspieler bei seinen Kollegen jeweils 500 Euro ein, und schon wird’s spannend: Im Topf sind über 5000 Euro, und die gewinnt, wessen Koffer zuerst auftaucht. (Es folgten einige ähnliche Anekdötchen und die Frage, ob ein direkter Weg vom Zocken zum kriminellen Betrug führt. Nein!, meinte »gw« und wurde wieder idealistisch:) Echte Sportler besitzen ein eingebautes Stoppschild und würden für kein Geld der Welt auch nur einen Zentimeter an sportlicher Leistung preisgeben. Es gibt leider immer weniger Stoppschilder, aber immer mehr Umleitungen. Trainiert dafür wird beim Poker, dem angesagten und von Höchstprominenten propagierten Internet-»Sport«, bei dem gewinnt, wer seine ihm gegebene Leistung am besten manipuliert, wer andere blufft, man könnte auch sagen: Wer am geschicktesten betrügt. (20. Januar 2011 / Noch so ein alter Hut? Sieht aber sehr neu aus und passt noch prima. Wie die Faust aufs Auge.) (gw)
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(www.anstoss-gw.de/  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle