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Montagsthemen (vom 18. April)

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne (Hermann Hesse, »Stufen«)
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»Das fängt ja schon gut an!« Schlimme Schlappe für Nowitzkis Dallas zum Playoff-Auftakt. Das fing so schlecht an, dass jeder das gegenteilig Gemeinte im Gesagten versteht, auch wenn Ironie für ihn ein fremder Sprachkontinent sein sollte.
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»Das fängt ja schon gut an!« Ohne bittere Ironie, sondern in echter Vorfreude schwelgten BVB-Fans in Liverpool und Eintracht-Fans in Leverkusen, ehe sie in einen Abgrund der Bitternis fielen. Vor einer Woche klagte der Hesse in mir, dass die Dinge ihren Lauf nehmen, weil die Eintracht keinen »Lauf« habe und der »Genosse Trend« nicht ihr Freund sei. Nach dem 0:3 vom Samstag fiel ihre Prozent-Chance auf den Nicht-Abstieg deutlich unter die aktuelle Umfragequote der SPD, und der Trend ist nicht nur kein Freund, sondern der argböse Feind. Wer sonst als dieser sorgt dafür, dass nicht Kittel, sondern Kampl trifft und eine bis dahin äußerst ansprechende Partie von aufblühender Hoffnung in schwermütige Hoffnungslosigkeit dreht? Und dass Todfeind Trend zu allem Überfluss und -druss auch noch die Konkurrenten reihenweise siegen lässt, der Eintracht also nicht nur keinen kleinen Lauf gönnt, sondern ihr einen gewaltigen Einlauf verpasst, beweist nur, welch ein Dreckskerl er sein kann. Ein echter Ziegendingsbums.
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Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe / Bereit zum Abschied sein und Neubeginne, / Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern / In andre, neue Bindungen zu geben.
(Hesse zum Abstieg in die 2. Liga)
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Noch einmal zum wundersamen Geschehen an der Anfield Road. Das sei gar nicht so wundersam gewesen, meint Walter Lochmann aus Bad Vilbel, der meine Mystik vom Samstag »erdet« und auf einen »spielentscheidenden« Wechselfehler von Tuchel (Ginter!) verweist. Ich verweise auf die ungekürzte Zuschrift unseres Lesers in der »Mailbox« des gw-Blogs »Sport, Gott & die Welt«.
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Walter Lochmann, »Anfang der 70er Mitgründer und Vorsitzender des BVB-FanClubs ›Mittleres Ried‹ in Leeheim am Kühkopf (jetzt Riedstadt)«, zieht auch eine verblüffend logische Bilanz: »›Chancen‹ auf diesen Europapokal gibt es – hoffentlich – die nächsten Jahre nicht mehr, so dass dieser Pokal halt in der Historie fehlt.« Das unterschreibt jeder BVB-Fan, denn die Betonung liegt auf »diesem«, den Franz Beckenbauer einst »Verliererpokal« getauft hat.
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Und sonst? Shakespeares 400. Geburtstag wird gefeiert, ein sehr besonderes Ereignis, weil man nicht mal weiß, ob das Geburtstagskind überhaupt gelebt hat. Dass Horst Hrubesch gestern seinen 65. Geburtstag feierte, dafür ist er selbst der lebende Beweis. Dass ihn dpa bedauert, weil er seinen Geburtstag fern der Heimat in Brasilien feiern muss, um als Trainer der DFB-Olympiamannschaft vorbereitend nach dem Rechten zu sehen, treibt uns Krokodilstränen in die Augen: Ooooch, der Arme! Geburtstag in Rio!!!
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Was würde Hrubesch zu dem Mitleid sagen? Wahrscheinlich wieder das, was ihn auf einen vorderen Platz in meiner Zitatenrangliste gebracht hat: »Ich sage nur ein Wort: Vielen Dank!«
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Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, / Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben. (…) Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
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Nein, lieber Hesse, der Hesse in mir protestiert. Einem Anfang in Liga 2 wohnt kein Zauber inne. Noch ist Frankfurt nicht verloren.
 (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle