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Sport-Stammtisch (vom 16. April)

Von mir wird hoffentlich nicht erwartet, das Unfassbare fassbar zu machen. Mögen andere zum Fußball-Lehrbuch greifen und vorgeben, in einem Geheimkapitel fündig zu werden. Ich aber will gar nicht erst versuchen, fußballtheoretisch zu ergründen, was an der Anfield Road geschehen ist. Die einzig mögliche Erklärung hat der Journalist Freddie Röckenhaus ja auch schon Tage zuvor in der Süddeutschen Zeitung geliefert: Die Spielweise der »bisweilen limitiert wirkenden Liverpooler« sage »nur eins aus: Wir sind alle drei Köpfe größer als ihr und wir wollen euren Skalp!« – Im Fußball gewinnt man eben nicht nur mit Fuß und Köpfchen, sondern auch mit großem Herzen und breiter Brust.
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Oder mit Ronaldo. Armes Wolfsburg. Die einen in Bernabeu drei Köpfe kleiner als auf dem Maßband ablesbar, der andere drei größer. Man macht sich über Rolando gerne lustig, und er wirkt ja auch wie ein gockelstolzer Erpel, ein albernes Showmännlein mit gegeltem Bürzel – aber er ist auch ein unvergleichlicher Fußballer, eine Urgewalt. Als Real vor einigen Wochen gegen den Stadtrivalen Atletico verlor, eckte Ronaldo wieder einmal an: »Würden alle auf meinem Niveau spielen, wären wir vielleicht Tabellenführer.« Ja, er ist ein fürchterlicher Angeber, aber: Er hat doch recht! Real wäre mit elf Ronaldos unschlagbar – natürlich nicht mit elf Original-Ronaldos, sondern mit zehn anderen, die auf ihren jeweiligen Positionen Ronaldo-Niveau hätten. Und wer ihm übergroße Eitelkeit vorwirft, dem hält Ronaldo ein portugiesisches Sprichwort entgegen: »Wer zu bescheiden ist, ist eitel.« Auch da ist was dran.
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Zurück an die Anfield Road. Liebe Eintracht-Fans, habt ihr gesehen, wie Liverpool trotz des scheinbar hoffnungslosen 1:3-Rückstandes inbrünstig angefeuert wurde? Nehmt euch mal ein Beispiel! So hätte man vielleicht auch das Spiel gegen Hoffenheim noch drehen können – aber stattdessen wurden die immerhin bemüht und wacker kämpfenden Eintracht-Profis nach dem Schlusspfiff mit Verachtung gestraft.
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Am meisten beeindruckte mich aber das würdige Verhalten der Zuschauer vor dem Spiel. Während der Gedenkminute für Hillsborough, die sogar wirklich eine ganze Minute dauerte, hörte man keinen Ton von den Rängen. Hierzulande gibt es immer ein paar Deppen, die bei ähnlichen Anlässen in die Stille reinkrakeelen.
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Nach Hummels’ Zauberpass und Reus’ feinfüßigem Tor hätten die überforderten Engländer aufgeben können, Dortmund schien einfach eine Fußballnummer zu groß. Doch was dann geschah, ließ nicht nur die spanische Sporttageszeitung Marca an Wunder glauben: »Sogar ein Teil der Rollstuhlfahrer, die auf ihren Plätzen hinter dem Tor von Dortmund saßen, sprangen aus ihren Stühlen, als Lovren traf. »
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Na ja, dass Gelähmte vor Begeisterung aus ihren Rollstühlen springen, solch einen Satz würde ich nicht zu schreiben wagen, auch wenn er nur das Fußball-Wunder der Anfield Road symbolisieren soll. Überhaupt haben wir in Deutschland eine große Menge an Sprach-Tabus, an die wir uns strengstens halten. Selbst die Satire nimmt Rücksicht. Oder haben Sie von ihr schon einmal ein derart derbes »Schmähgedicht« über, sagen wir, Benjamin Netanjahu gehört? Der Mann ist schließlich auch nicht ohne.
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Nein, ich mische mich nicht in die Diskussion über jenen Satiriker ein, den etwa 95 Prozent der Deutschen (plus 1 = gw) noch nie im Fernsehen gesehen haben, geschweige denn, dass sie das Schmähgedicht und das Rumgeeiere davor und danach in der Sendung erlebt hätten. Aber eine Meinung dazu, die hat jeder.
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Wer sich von wem oder was auch immer beleidigt fühlt, möge Anzeige erstatten, den Rest erledigt das Gericht. Wenn aber mich einer »Ziegenficker« schimpfte, hielte ich es nicht mit Erdogan, sondern mit Gottfried Benn. In einem Brief an Ernst Jünger schrieb er einmal über lästige Kritiker: »Über mich können sie schreiben, dass ich Kommandant von Dachau war oder mit Stubenfliegen Geschlechtsverkehr ausübe, von mir werden sie keine Entgegnung vernehmen.«
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Ich pflege übrigens im Verkehr mit Stubenfliegen – jetzt nerven sie wieder – die sadistische Variante. Ttssss … klatsch.
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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