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Sonntag. 10. April, 6.40 Uhr

Etwas später als sonst, da in den Meldungen der Nacht geschmökert. Bunte Mischung: 70 Tote bei Tempelbrand in Indien / Aufzuchtstation für Eichhörnchenbabys / Privates Bierbrauen neues Trend-Hobby / Verschwundener Fünfjähriger gefunden / Dalton-Pädagogik / Steffny warnt vor überehrgeizigen Marathon-Eltern … ach ja, Steffny. Den gibt es also auch noch. Ex-Marathonläufer, damals Bester in Deutschland, Bruder des Ex-Leichtathletikchefs des Sportinformationsdienstes Manfred Steffny, mit dem ich einmal aus irgendwelchen Gründen Trouble hatte. Ich weiß nicht mehr, warum, es muss sich wohl um Doping gehandelt haben. Ich weiß nur noch, dass Manfred St. damals sehr sportlich auf meine Kritik reagiert hatte.

Bei Bild online finde ich die Marathon-Eltern wieder. Bild bei Bild: Wie sie ihre widerstrebenden Kinder an der Hand über die Ziellinie zerren. Den Text lese ich nicht, dafür müsste ich mich bei Bild plus registrieren lassen. Kostet nur ein paar Pfennig, mache ich aber nicht. Die Bezahlschranke. Auch bei der Süddeutschen gibt es so etwas. Manchmal kommt der Hinweis: Sie haben zehn Artikel gelesen, wenn Sie mehr lesen wollen … will ich nicht.

Die Dalton-Pädagogik. Hat die was mit den Daltons zu tun? Nee. Gemeinsamer Unterricht von Vier- bis Vierzehnjährigen. Ach ja. Pädagogik. Früher (heute nicht mehr?) gab es für Lehramt-Studenten das Propädeutikum, dafür musste man Psychologie, Philosophie und Pädagogik mitstudieren, schmalspurhaft. Jeweils eine Vorlesung und dazu ein Seminar mit Referat und mündlicher Prüfung. Mein Referat: Pädagogik. Note Sehr gut. Es ging um “Jugendliche Rechtsbrecher”. Ich erwähne es aus zwei Gründen: Erstens: Die jugendlichen Rechtsbrecher sind später auch in meinen Kolumnen aufgetaucht (ich gucke gleich mal im Archiv nach). Zweitens: Wenn ich mich scheinbar selbst lobe, dann meistens nur, um die Fallhöhe zu vergrößern: die mündliche Prüfung. Jeder wusste, dass es um die Vorlesung ging, die der Pädagogik-Guru Mieskes in jedem Semester hielt. Morgens um halb acht. Ich immer mit der Vespa von Wetzlar nach Gießen, aber ich kam immer zu spät, und kurz vor dem Germanistischen Seminar bog ich ab in die Kneipe (Stefanseck), die schon geöffnet war, frühstückte eine Cola, drückte auf der Musikbox Lieblingslieder und las Zeitung. Auch andere schwänzten, lasen aber vor der Prüfung das Script der Vorlesung, das man seit vielen Semestern  für ein paar Pfennig kaufen konnte. Habe ich nicht gemacht. Wie bei Bild plus. So schließt sich der Kreis. Unterschied: Bei Bild plus hat die Verweigerung keine peinlichen Folgen. In die Prüfung ging ich als reiner Tor, heraus kam ich als einzigartiger Depp der Uni. Liebe Kinder, gebt fein acht, so endet, wer es ähnlich macht.

Vom Propädeutikum … was heißt das eigentlich übersetzt? Hat mich nie interessiert? … hatte ich trotzdem was fürs Leben: Die Philosophie-Vorlesung hielt ein junger Assistent, sehr witzig, sehr ungewöhnlich, gar nicht akademisch bedeutungsschwanger. Name: Marquard, Odo. Später einer der Größten seines Metiers in Deutschland, zumindest der Unkonventionellste. Ich durfte ihn persönlich kennenlernen, er schenkte mir für eine Sonderseiten-Serie (“Die andere Seite von …”), zu der auch ein Fragebogen gehörte, das herrliche und vor allem exklusive Bonmot zu Kohl, der damals noch als “Birne” verlacht wurde: “Wer Kohl unterschätzt, wird überschätzt.”

Finde ich die jugendlichen Rechtsbrecher? Moment bitte. Ah, hier sind sie. Habe sie schon mehrmals wiederverwertet. Zum Beispiel kurz nach dem 11. September 2001 und vor einem Fußball-Länderspiel in Frankreich. Thema: Sport und Sprache. Bitte sehr:

Nichts wird wieder sein, wie es einmal war. Aber Bomben und Granaten, von Sturmtanks abgeschossen und als Volltreffer im Tor einschlagend – wird es sie nach dem 11. September 2001 tatsächlich nicht mehr geben? Wir sind sensibilisiert, wir werden uns bemühen, man wird uns überwachen, und wir werden in der Hektik des Redaktionsalltags immer wieder einmal scheitern. Und manchmal wollen wir auch scheitern; denn den »Gegner«, die »gegnerische« Mannschaft, das »Besiegen« und die »Niederlage«, auch eine »vernichtende« wie das 1:5 gegen England, werden wir in der Sportsprache nicht . . . nun ja: ausrotten können und wollen. Zwar könnte die Sportsprache eine kritische Überprüfung durchaus vertragen, aber wir sollten sie auch vor den eifernden Sprachreinigungs-Fundamentalisten schützen, die in den Sportjournalisten schon immer nur die Schlachtenbeschreiber vom Ersatzkriegs-Schauplatz Sport gesehen haben und weiter sehen werden, egal wie sehr wir uns um unmartialische Sprache bemühen. Wir haben uns immerhin schon merklich gebessert. Selbst in den schlimmsten »Revolverblättern« (wie Boulevardzeitungen von manch einem Pazifisten genannt werden) wäre heute undenkbar, was 1935 im »Reichssportblatt«, sozusagen dem »Kicker« dieser Zeit, im Vorbericht zu einem Fußball-Länderspiel zwischen Deutschland und Frankreich zu lesen war. Da soll der Torwart »eiserne Wacht« halten, die Halbzeiten heißen »Kampfabschnitte«, und der Schreiber hört »wohl schon halb unbewusst das Knattern der Gewehre, das Geratter der Maschinengewehre und den Donner der Geschütze«, und er erinnert

sich: »Auch damals lag der Sonnenschein auf den Moselbergen, als wir nach Frankreich fuhren. Und überall liegen die großen Militärfriedhöfe und mahnen euch, dass man die Männer nicht vergessen soll, die ihr Leben für euch gelassen haben.« Dagegen wirkt Töppi wie eine Friedenstaube, die an einer Beruhigungspille geknabbert hat, und man schließt erleichtert seinen Frieden mit den Wontis und Waldis unserer modernen Fernsehwelt. Aber natürlich kann es nicht schaden, wenn wir uns intensiv darum bemühen, uns noch weiter vom gedankenlosen 1:0-Journalismus und seinen Kriegsjargon-Relikten zu lösen. Und da am Samstag einige (aber erstaunlich und erfreulich wenige) jugendliche Krakeeler die Gedenkminute in den Bundesliga-Stadien gestört haben, schauen wir mal kurz in ein erziehungswissenschaftliches Standardwerk (»Jugendliche Rechtsbrecher – Wege zur Vorbeugung« von Sheldon und Eleanor T. Glueck), um die richtigen und vor allem friedlichen Worte zu finden. Nachdem uns die Autoren das gedankliche Rüstzeug . . .  Entschuldigung . . . die theoretische Basis mitgegeben haben, kommen sie im Schlussabsatz zu ihrem Fazit – und das schlägt wie eine Bom . . . schon gut, hier ist es: »Die spezifischen Treffer auf dem Wege zu einer Vorbeugung sind in den vergangenen Artikeln entwickelt worden. Sie propagieren klar definierte Zielscheiben, auf die ganz spezifische Maßnahmen treffen sollen, um die Garbe der vernichtenden Schüsse auf die allgemeinen wirtschaftlichen und sozialen Übelstände so dicht wie möglich zu machen. Dieser Geschosshagel wird mit der Bitte im Herzen abgefeuert, dass ein paar Kugeln irgendwie ins Schwarze treffen.« (20. 9. 2001)   ***   Peng! Statt solcher Rohrkrepierer dann doch lieber 1:0-Journalismus, bei dem das Tor auch mal ein Volltreffer sein darf. Einer? Ach was: Bitte zwei, drei viele deutsche Volltreffer heute in Paris!

 

Zurück in die Gegenwart (in der “Volltreffer in Paris” doppelt daneben sind). Montagsthemen. Die Eintracht geht mir echt an die Nieren. Nicht wegen der Eintracht, die Zeiten sind vorbei, in denen ich mitfieberte wie … der Bub, der gestern im Stadion war und richtig down sein muss. An ihn denkend, werde ich ein wenig Aufbauarbeit leisten. Wir heißen euch hoffen! Außerdem auf dem Zettel: Aus der Lamäng wie die La Ola / Grand National und “Ich glaube, mich tritt ein Pferd” / Frauenfußball und Synchronschwimmen. Klingt kryptisch. Aber ich freue mich schon darauf. Bis dann.

 

Baumhausbeichte - Novelle