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Sport-Stammtisch (vom 9. April)

Als die junge Abgesandte eines Fernsehsenders zum Schluss der Pressekonferenz »reingrätschte« (auf das Verb war sie erkennbar stolz) und fragte, ob sie einen Präsentkorb überreichen dürfe, der nach Recherchen bei früheren Nachbarn zusammengestellt worden sei und daher seine Lieblings-Leckereien enthalte, hätte man gerne gewusst, wie Jürgen Klopp reagiert, wenn ihm ein Mann diese Frage stellt. So aber blieb er Gentleman, doch seine Mimik sagte alles. Nun haben wir den aberwitzigen Klopp-Hype zum Glück endlich hinter uns.
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In Liverpool wird das Drumherum keine größere Rolle mehr spielen. Die Chancen dort gleichen dem Ergebnis hier. In den anderen »deutschen« Rückspielen spricht einiges dafür, dass von beiden Siegern der sensationelle ausscheiden und der mühselige weiterkommen wird. Oder? Wer sagt denn, dass Real zu Hause auch diesmal wieder alles furios klar macht? Dass die Bayern in Lissabon so überirdisch spielen wie in der ersten Saisonhälfte?
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Zinedine Zidane war ein großer Spieler und ist als Trainer ein Lehrling, nach ersten Eindrücken ein recht limitierter. Pep Guardiola ist ein großer Trainer, aber für ihn gilt in München das Gleiche, das für Armin Veh in Frankfurt galt: Wenn eine Mannschaft im Saisonverlauf immer schwächer wird, hat sie vor allem ein Trainer-Problem. Vorteil München: Auch schwächelnd immer noch stark genug für alles.
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Aber diese Wolfsburger! Keine teure PR-Kampagne könnte das Image derart wirkungsvoll aufpolieren wie diese 90minütige Leidenschaft vom Mittwoch. Die entzückt sogar Fußball-Traditionalisten. Herrlich, wie Ronaldo ausrutschte, auf den Hintern fiel und sich empört umsah, wer ihn da gefoult hatte. Die Szene war nicht nur Slapstick, sondern Momentaufnahme einer galaktischen Verdutztheit.
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Nicht mal Slapstick, sondern nur noch armselig, wie Marcelo mit dem Kopf stieß und sich danach am Boden wälzte. VfL-Trainer Hecking meinte zwar vorwurfsvoll, »das hat er doch gar nicht nötig« – aber wäre es weniger mies, wenn er es nötig hätte? Immerhin hat Marcelo schon genug gebüßt. Vor zwei Jahren wurde ihm eine Strafe auferlegt, deren existenzielles Ausmaß lebenslänglich wirkt. Haben sie bei Brasiliens 1:7 in die aufgerissenen Augen eines verschreckten Kindes namens Marcelo geschaut, das verzweifelt über den Platz irrte?
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Was Marcelo getan hat, gilt im Fußball als eher lässliche Sünde, viele tun es, nur nicht jeder derart frech und schauspielerisch untalentiert wie einst Norbert Meier (Sie erinnern sich an die Szene mit Albert Streit?). Auch zur aktuellen Diskussion um die ungeschriebene Fairness-Regel, den Ball ins Aus zu spielen, wenn ein Spieler verletzt am Boden liegt, fällt mir eine fußballhistorische Begebenheit ein: 1996, Kaiserslautern führte im Abstiegsduell gegen Leverkusen mit 1:0. Kurz vor Schluss warf der Leverkusener Sergio den Ball beim Einwurf nicht wieder den Lauterern zu, sondern leitete einen Angriff ein, der zum 1:1 führte: Leverkusen blieb drin, der FCK stieg ab.
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Auch diesmal war Leverkusen beteiligt (beim »Plastico« gegen Wolfsburg), mehr Aufregung gab es aber in Hoffenheim, wo Kölns Manager Schmadtke vor Wut mit einem Kaugummi warf. Man sollte die ungeschriebene Fairness-Regel, die oft nur unfaire Taktik ist, endlich mit der geschriebenen Regel beenden, dass nur der Schiedsrichter entscheidet, ob ein Spiel aus Verletzungsgründen unterbrochen wird.
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Na ja, die Welt hat andere Probleme. Panama-Papers. Briefkastenfirmen in Steueroasen für Schwerreiche. Wir sind nicht überrascht, aber empört und fordern Konsequenzen und harte Strafen. Wofür? Das ist nicht ganz klar, denn was ist strafbar und was nicht? Was ist Steuerhinterziehung, was Steuervermeidung? Parallelfrage: Was ist verbotenes Doping, was erlaubte »Leistungsoptimierung«?
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Im Sport weiß ich: Doping ist das, was auf der Dopingliste steht, aber das, was nicht darauf steht, also erlaubt ist, wird manchmal viel betrügerischer ausgenutzt von den Cleveren, den Reichen, den bestens Vernetzten usw. Bei den Steuern weiß ich es nicht, vermute aber, dass es ähnlich ist.
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Anderes Thema. Loveparade, keine Anklage zugelassen. Aber irgendjemand muss doch Schuld sein! Politik, die Polizei, der Ordnungsdienst … man will es einfach nicht akzeptieren, keinen Schuldigen finden zu können. Und auch hier die Verbindung zum Sport und ähnlichen Katastrophen (Heysel!). Fast immer der Auslöser: der (nachdrängende) Mensch in der Masse.
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Die Ameise stellt sich auch in Panik noch vorbildlich diszipliniert in der Schlange hinten an. Das hat für alle Ameisen den Vorteil, schneller aus der Gefahrenzone zu kommen, denn das Tempo der Schlange ist um so größer, je weniger der einzelne drängelt. Die Ameise hat es seit Millionen von Jahren in den Genen, beim Menschen muss es im Kopf funktionieren – und mit durchdachten Fluchtwegen. Aber bei der Suche nach Schuldigen sollte man nie sich selbst vergessen. Als auslösender Faktor.
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Schwieriges Thema. Wie so vieles derzeit in der Welt. Wie erholsam, dass es den Fußball gibt. Dessen aktuellen Großskandal, einen in über 50 Bundesliga-Jahren noch nie erlebten, können wir gerade noch verkraften: Schmadtkes Kaugummiwurf. Aber hoffentlich eskaliert das nicht, sonst wirft demnächst noch einer mit Wattebäuschen. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle