Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Montagsthemen (vom 4. April)

Ein Bundesliga-Spieltag mit niedriger Schlagzahl, fast im Ruhepuls. Für uns Hessen am wichtigsten: Frankfurts Eintracht  verliert mit Anstand und gibt sich und uns leise Hoffnung für das Hopp-oder-Topspiel gegen Hopfenheim (man könnte es auch mit zwei »f« oder zwei »p« schreiben, aber das ist gehoppt wie gesprungen). Zweite hessische Hoffnung: Darmstadts hartnäckige Eichhörnchen klauben wieder ein Pünktchen auf, um am Ende das anfangs unvermeidlich Scheinende zu vermeiden. Was im Erfolgsfall rein sportlich jeden Bayern-oder BVB-Triumph in Europa übertreffen würde.
*
Ansonsten: Durchatmen, bevor wir durch die kommenden Sportmonate hetzen, in denen es bis Rio keine Ruhepause gibt. Gelegenheit also, um zwischen den Schlagzeilen zu lesen. Einige »Traditionsklubs« schließen sich zum »Team Marktwert« zusammen, um bei der Verteilung der Fernsehgelder mehr vom Kuchen zu fordern, von dem ihnen die Fußball-Kapitalisten nur Krümel übrig lassen. Begründung: »Tradition« sei ein Marktwert, der sich auszahlen müsse. Aber wer in diesen Kategorien denkt, sollte auch wissen, dass der Marktwert an der Börse nicht an frühere Hausse-Zeiten gekoppelt ist, sondern an die aktuelle »Performance«. Daher schreibt sich das »Team Marktwert« der gescheiterten Traditionalisten nur eigenhändig ein Armutszeugnis aus. Zumal auch Bayern, BVB oder Schalke Traditionsklubs sind, aber nichts mit dem »Team Marktwert« zu tun haben wollen. Na ja, bei Schalke muss man, trotz aller Sympathie, wohl ein »noch« hinzufügen.
*
Mit dem kommenden TV-Vertrag will die DFL zwischen einer und 1,5 Milliarden erlösen, was ihr gegönnt sei, wenn um den Löwenanteil gepokert wird, die Liverechte für Pay-TV-Sender. Da handelt es sich um frei verhandelbare Fantastillionen zwischen Geschäftspartnern, um Angebot und Nachfrage, wobei die Nachfrager ständig mit einem Bein in Leo Kirchs Grab stehen. Altes »Anstoß«-Stichwort: Die Refinanzierung nicht refinanzierbarer Investitionen und die Quadratur des Kreises. Ihr Problem.
*
Zu unserem Problem wird es, wenn ARD und ZDF um Nebenrechte für »Sportschau« oder »Sport-Studio« mitbieten, und zwar buchstäblich weit über Gebühr. Fußball gehört nicht zum öffentlich-rechtlichen Auftrag der Grundversorgung, ebenso wenig wie Opernpremieren oder Stones-Konzerte. Mitbieten ja, aber nicht über Gebühr, also mit gesellschaftlich erträglicher Schmerzgrenze.
*
Mit den Fußball-Traditionalisten haben die besten Tennisspielerinnen und jetzt auch die US-Fußballerinnen eine Gemeinsamkeit … na ja, eigentlich mit uns allen: Sie und wir wollen mehr Geld, als wir bisher bekommen. Dazu fallen mir immer wieder nur die Alphornbläser ein, die seit Jahrzehnten ihre tiefen Töne durch die »gw«-Kolumnen tuten: Da sich die Nachfrage nicht auf alle Gebiete gleichmäßig verteilen kann, sackt der Spitzentenor Spitzengagen ein, aber selbst der genialste Alphornbläser kann keine Millionen scheffeln. Das ist ungerecht, klar. Aber so ist die Welt. Nachsatz für empörte Feministinnen: Ich bejuble alle Frauen, die Männer und auch deren Geld-Kuchen im quotenfreien Wettbewerb vernaschen. Ich bin schließlich im Matriarchat erster und willigster Diener meiner liebsten Zielgruppe.
*
In zweiter Linie fühle ich mich als williger Diener des Sports, und als solcher bin ich ausnahmsweise völlig ironiefrei empört über diese  Abqualifizierung  in einem sid-Artikel: »Die tränenreichen Ausreden von Nathalie Weinzierl nach ihrem WM-Debakel waren genauso nichtssagend wie ihre Leistungen. Der Mannheimerin gelang es mit Rang 35 im Kurzprogramm der Damen tatsächlich, den 28. Platz des Oberstdorfers Franz Streubel in der Herren-Konkurrenz noch zu unterbieten.«  – Unfair, arrogant und unbarmherzig. Da scharfrichtert einer (ja, ein Mann, aber das tut hier nichts zur Sache) ganz im Sinne jenes Eiskunstlauf-Verbandschefs, der einmal bedauert hat: »Nach der Wende haben wir von den Resten der DDR gelebt, doch dann wurde es versäumt, Nachwuchs zu züchten.«
*
Den verhinderten Nachwuchs-Züchtern möchte man heute wie damals zurufen: Geht doch nach drüben und züchtet dort! Aber seit einem Vierteljahrhundert ist drüben auch hüben, und das ist trotz allem auch gut so.  (gw)
*
(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle