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Sport-Stammtisch (vom 2. April)

Es geht nicht um alles, sondern um nichts, meinte ich vor den beiden Testspielen der Nationalmannschaft. Für die deutsche Fußballwelt war dann gegen England alles nichts. Da aber nichts älter ist als das vorletzte Spiel, bestimmt nun die »Alles«-Euphorie des letzten die EM-Prognosen. Die wirken ebenso so rosig wie zuvor düster. Aber so viel Spaß diese Wasserstandsmeldungen auch machen, insgeheim wissen wir doch alle: Im Hinblick auf die EM-Chancen sagen beide Testspiele nichts aus. Weder so noch so.
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Natürlich ist dieses 4:1 von Deutschland gegen Italien dennoch ein kleines historisches Ereignis – so wie jenes 4:1 von Italien, nach dem Fußball-Deutschland Trauer trug. Hundert Tage später verzückte uns ein gewisses »Sommermärchen«. Und 2016? Frankreich, Belgien, Polen und auch England scharren mit den Stollen, selbst die gedemütigten Italiener sind nie abzuschreiben, Spanien sowieso nicht. Und Deutschland? Möglich ist alles – und nichts.
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Auch bei Mario Götze ist alles möglich. Trotz der plötzlichen Lobhudeleien hat Mehmet Scholl sicher recht, dass er nicht mehr der »Pfeil« aus Dortmunder Zeiten ist. Trotzdem  kann Götze wieder den Unterschied ausmachen. Wie vielleicht auch Marco Reus, obwohl er ebenfalls früheren spritzigen BVB-Zeiten buchstäblich hinterherhinkt. Wenn ich Reus sehe, denke ich unwillkürlich an den früheren Zehnkämpfer Frank Busemann: das Talent zu gewaltig für den zarten Körper. Noch ein Unterschied: Götze hat sein Tor für die Ewigkeit bereits geschossen. Das kann ihm niemand mehr nehmen.
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Für den Augenblick genossen, bot das 4:1  Fußball vom Feinsten. Marke »ff« eben, »feine Füßchen«, mit Spielzügen wie aus dem Effeff.  – Wie aus dem Effeff? Woher kommt diese Buchstabenkombination, die ich aus frühester Kindheit als Reklame im Metzgerladen (»ff Fleisch- und Wurstwaren«) kenne? Nicht bei Wikipedia, sondern im eigenen Bücherschrank werde ich fündig: »Die alten Juristen citierten häufig das Corpus juris, von dem ein wichtiger Theil, die Pandekten, noch mit ff bezeichnet werden. Wer die Pandekten recht häufig citierte, galt für einen gelehrten Juristen. Etwas aus dem ff thun, hiess also ursprünglich: etwas gründlich und mit Geschicklichkeit thun« (K. F. W. Wander, Sprichwörter-Lexikon, 1867). Aber warum »ff«? Weil’s ein schludriges griechisches »pi« (für Pandekten) ist, mit den vertikalen Strichen unsauber über den einen horizontalen gezogen, so dass es wie »ff« aussah.
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Von den Pandekten in die Neuzeit des Sports: Drohnenrennen. Drei Akteure sitzen stumm und starr im leeren Stadion, nur die Finger am Joystick sind in Bewegung. Liveübertragungen im Internet. Premiere war im Stadion des NFL-Klubs Miami Dolphins. Die »Drone Racing League« soll »eine Art Formel 1 für eFans werden« (Quelle: FAZ). Aber warum so bescheiden? Ich befürworte sofortige Aufnahme ins olympische Programm. Darin wimmelt es doch von unzeitgemäßen Langweilern. Zum Beispiel Zehnkampf. Der geht über zwei endlose Tage, mit jämmerlichen Leistungen im Vergleich zu den Usain Bolts der Leichtathletik. Also: Drohnen rein, Zehnkampf raus! Das wäre auch ein echtes Zeichen der Zeit und dennoch irgendwie olympische Tradition – vom altgriechischen Pankration zur spätrömischen »Panem et circenses«-Dekadenz.
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Entschuldigung für die böse Ironie an solch einem beschwingenden Frühlingstag. Zur Entspannung komme ich noch einmal auf das »ff« zurück, beziehungsweise auf mehr davon. Es folgt ein Experiment, das ich vor Jahren schon einmal im Frühling mit den »Anstoß«-Lesern gemacht habe. Wichtige Bedingung: Spontan, ohne Bedenkzeit zügig lesen und gleichzeitig zählen. Wie viele »F« kommen im folgenden Text vor? Schnell, schnell. Auf geht’s:
FINISHED FILES ARE THE RESULT OF YEARS OF SCIENTIFIC STUDY COMBINED WITH THE EXPERIENCE OF YEARS
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Wie viele »F« haben Sie gezählt? Bei mir waren es im ersten Versuch drei. Angeblich kann das Gehirn das Wort »OF« nicht spontan verarbeiten, so dass es normal ist, wenn man drei »F« zählt. Wer auf Anhieb alle sechs »F« findet, gilt als Genie.
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Wer sieben »F« zählt, hat geschummelt oder muss das kleine Einmaleins wiederholen.
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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