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Sport-Stammtisch (vom 26. März)

Heute geht es nicht um Alles, sondern um Nichts, von daher spielt es keine Rolle, dass Max Kruse keine Rolle spielt. Eigentlich. Doch für ihn steht mehr auf dem Spiel als dieses belanglose gegen England. Was hat er eigentlich getan, um derart vom Bundestrainer abgestraft zu werden? Die 75 000 Euro im Taxi und der Zoff mit einer Bild-Redakteurin waren doch schon abgehakt? Ja. Aber dann kam eine Aktion hinzu, die Draxler als »nicht strafbar, aber abgrundtief bescheuert« bezeichnet. Und »abgrundtief bescheuert« ist noch sehr, sehr dezent ausgedrückt. Draxler, natürlich nicht Kruses Mitspieler Julian, sondern Sport-Bild-Chefredakteur Alfred, nennt aber undezent beim Namen, worum es geht: »Ein Filmchen, das wie eine Lawine durchs Internet gejagt war, auf dem Kruse beim Onanieren zu sehen ist.«
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Da hat Kruse ja noch Glück gehabt, dass Joachim Löw im Grunde ein Softie und kein alttestamentarischer Gott ist. Jedenfalls wurde der Namensgeber dieser Tätigkeit härter bestraft, denn Onan »ließ es auf die Erde fallen«, das »gefiel dem HERRN übel, und er tötete ihn« (1 Mose Kapitel 38). Kruse ließ es nicht auf die Erde, sondern ins Internet fallen, da er beim Selfie vom »Selfie« wohl auf den falschen Knopf gedrückt hat.
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So ändern sich die Zeiten. Früher fanden wir die aufregenden Dinge nicht im Internet, sondern in der Bibel. Zum Beispiel Hesekiel 23. Da trieben »einer Mutter Töchter Hurerei in Ägypten«, »ließen ihre Brüste begreifen und den Busen ihrer Jungfrauschaft betasten«. Hübsche Wortwahl. Klingt heute aber  eher rätselhaft. Doch bevor ich das »Betasten des Busens ihrer Jungfrauschaft« in aktuelle Umgangssprache übersetze, verlasse ich das schlüpfrige Thema.
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Von zwei Draxlers zu zwei Dasslers. Haben Sie gestern den RTL-Film über Adolf Adidas und Rudolf Puma gesehen? Nein? Ich auch nicht. Ich weiß daher auch nicht, ob die Szene vorkam, an die ich mich noch gut erinnere und die den Streit der Brüder auf die Spitze trieb: 1960, Olympia in Rom, Armin Hary gewinnt Gold in Adidas und winkt bei der Siegerehrung mit Puma-Schuhen ins Publikum.
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Einem späteren Sportler, der mir persönlich sehr gut bekannt ist, blätterte der  Repräsentant einer dieser Dassler-Firmen einst zweitausend Mark in drei Streifen nebeneinander auf den Tisch. Das Argument zum Schuh-Wechsel überzeugte. Doch dann schlug der enttäuschte Repräsentant des bisherigen Ausrüsters, vor, ihm die Treue zu halten, dem Kollegen von der anderen Marke das Geld zurückzugeben, das er natürlich zur Verfügung stelle. Gute Idee! Der Sportler erhielt diese zweitausend  und behielt die zweitausend des anderen. Viertausend für nichts, und niemand,nahm es ihm krumm, sogar der Drei-Streifen-Hinblätterer nicht (die ganze Geschichte und noch viel mehr ist im »Sport-Leben« von »Sport, Gott & die Welt« nachzulesen, Web-Adresse siehe unten). Nicht korrekt. Aber vergeben, vergessen, verjährt.
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»Politisch nicht korrekt und vielleicht etwas übertrieben« ist laut Novan Djokovic die Behauptung des Turnierdirektors von Indian Wells, Frauentennis sei nur ein Anhängsel des Männertennis. Der Mann musste zurücktreten. Djokovic hält ihm mit seiner verständnisvollen »Kritik« treuherzig die Stange, fordert ebenfalls höheres Preisgeld für Männer, lobt aber auch gönnerhaft die Frauen, die im Leistungssport mit mehr Problemen kämpfen müssten als Männer, zum Beispiel mit »ihren Hormonen«. Ich weiß zwar nicht, ob Djokovic sportlich etwas von seinem Trainer übernommen hat, aber verbal agiert er fast schon wie Boris Becker in seinen peinlichsten Zeiten.
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Warum überhaupt haben einige wenige  Erfolg und viele andere nicht?  »Menschen ohne Anstand sind erfolgreicher als andere, nicht nur im Job. Psychologen erkennen bei einer skrupellosen Persönlichkeit die ›dunkle Triade‹, eine Kombination von Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie. Solche Charaktere sind schwer zu stoppen – auch weil alle anderen zu anständig sind, um sie aufzuhalten.« (Welt am Sonntag vom 6. Dezember 2015). Den WamS-Artikel habe ich aufbewahrt, auch weil ein Test dazu gehört. Meine Werte für Narzissmus (1), Machiavellismus (1,3) und Psychopathie (1) erreichen nicht einmal annähernd die Durchschnittswerte (5,2 – 3,7 – 2,4). Als Erfolgs-Versager bin ich also schwer zu übertreffen.
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Zum Test gehören Fragen wie: »Ich neige dazu, keine Gewissensbisse zu haben.« Eine Zahl zwischen 1 (trifft überhaupt nicht zu) und 9 (trifft vollkommen zu) muss angekreuzt werden. Bei mir natürlich die 1. Erst beim Schreiben dieser Kolumne fiel mir ein: Wie war das noch damals mit den drei hingeblätterten Streifen …?
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Versuchen Sie’s doch auch einmal, die Fragen sind leicht im Internet zu finden. Stichworte: »Welt« und »Fanny Jiménez« (Name der Autorin). Und nicht: »Kruse onaniert« – da werden Sie bei Youtube zwar ebenfalls fündig, aber das wollen sie ganz bestimmt nicht sehen.
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle