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Sport-Stammtisch (vom 19. März)

Wer vorgibt, ein Fußball-Experte zu sein oder gar diese Sportart letztgültig zu verstehen, möchte doch bitte vergleichen, was er nach einer Stunde des Hinspiels, nach dessen Schlusspfiff, nach einer Stunde des Rückspiels, in der letzten Nachspielminute und nach der Verlängerung »analysiert« hat. Wer seine fünf gedanklichen Momentaufnahmen im Nachhinein fachlich auf einen überzeugenden Nenner bringt, ist tatsächlich ein echter Kenner – oder ein Hochstapler.
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Nach dem 0:2 wirkte Guardiola derart hoffnungslos, dass er schon an seinen vorzeitigen Abgang zu denken schien. Die Bayern siegten am Ende nicht im andächtig bestaunten Pep-Stil, sondern so, wie sie seit je her siegen: Meist mit Können, wenn das nicht reicht mit Willensstärke, und im Notfall mit viel Glück.
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Bayern bleibt nun mal Bayern. Und Sammer Sammer. Uli Hoeneß öffentlich vorzuwerfen, »dummes Zeug« zu reden, wäre in der sprachgeregelten Fußball-Branche selbst dann ungeheuerlich, wenn Hoeneß tatsächlich dummes Zeug geredet hätte. Aber in seiner Laudatio auf Jupp Heynckes behauptete er nur, Guardiola wünsche sich das Triple. Ja, was denn sonst? Möchte er, möchte Sammer das etwa nicht? Bleibt nur die Frage, die ihn seit Beginn seiner Amtszeit begleitet: Was macht Sammer konkret bei den Bayern, außer Sammer zu sein? Und was macht Sammer, wenn Hoeneß zurückkommt? Erst nix, dann nix mehr?
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Apropos sprachgeregelt: Jeder wusste, dass die Bayern Heynckes abservierten, weil sie unbedingt Guardiola wollten, und dass Heynckes darüber stinksauer war. Aber wehe, das hätte jemand expressis verbis gesagt – Hoeneß hätte ihn gevierteilt. Und jetzt, in seiner bemerkenswerten und viel gelobten Rede zu Heynckes’ 70. Geburtstag, gibt er lapidar zu: »Du warst sauer, verständlicherweise.« Es kommt halt immer darauf an, wer wann was wie sagt.
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Den richtigen Ton haben die Zuschauer in Dortmund getroffen, indem sie auf die üblichen Töne verzichteten. Bewegend, wie sie gegen Ende des Spiels »You’ll never walk alone« anstimmten. Der Nummer-eins-Hit (1963) von »Gerry & The Pacemakers« trat von Liverpool aus seinen Siegeszug durch die Fußballstadien an, stammt aber aus dem Broadway-Musical »Carousel« von 1945, und die erste Single-Version sang … Frank Sinatra!
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Selbst die gröhlfreudigsten Fans  schwiegen, da sie das »memento mori« spürten. Jeder kennt diese Momente des Innehaltens. Die wenigsten aber im Stadion. Ich kenne sie auch durch diese Kolumne. Im vorigen Jahr las ich eine Todesanzeige. Der Name war mir vertraut – es war der Junge, der um 1980 herum den ersten Leser-Kommentar zum »Sport-Stammtisch« schrieb und ihm seither treu geblieben war.
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Ende letzten Jahres erfuhr ich, dass ein Teilnehmer aus der Spitzengruppe der »Wer bin ich?«-Rateserie  erkrankt war. Wir kannten uns nicht persönlich, schrieben uns aber einige sehr private, freundschaftliche Mails. »Ihre Glossen, Kolumnen und Kommentare haben mir schon so oft aus der Seele gesprochen. Ich verfolge sie seit über dreißig Jahren und werde das auch weiter tun«, schrieb er einmal, bat aber auch, per Beruf illusionslos, seinen Namen bei der  Veröffentlichung der »ewigen« WBI-Rangliste nicht mehr zu erwähnen. In dieser Woche ist er gestorben. Ich werde noch oft an ihn denken.
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Übergangslos zurück zur üblichen Tonlage: »Niko Kovac war die richtige Lösung«, las ich am Donnerstag.  Nanu? Ich hoffe zwar auch, dass er die richtige Lösung ist, aber schon zu wissen, dass er sie gewesen sein wird, traue ich mir nun doch nicht zu. Des Rätsels Lösung: Kovac war eines Rätsels Lösung, in dem nach dem neuen Eintracht-Trainer gefragt wurde.
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Am selben Tag erkenne ich in derselben Zeitung (der besten, die es gibt, Sie lesen sie), dass im Zuge der Kölner Ereignisse die politisch korrekte Zurückhaltung bei der Beschreibung von Tätern aufgegeben wird. Und nicht nur das: »Beide sollen osteuropäisch ausgesehen haben«, lese und staune ich. Wie sieht man osteuropäisch aus? Demnächst werde ich lesen: »Der Täter sieht aus wie ein oberhessischer Sturkopf.«
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Noch einmal zur Stadion-Hymne. Was ich nicht wusste und jetzt erst in einem Nachruf las: Der in diesen Tagen verstorbene George Martin, bekannt als der wahre »fünfte Beatle« (es gibt noch ein paar andere, zum Beispiel Pete Best), hat nicht nur die Songs der Beatles veredelt, sondern auch »You’ll never walk alone« erst zum Hit gemacht. Kenner sagen, ohne Martin wären die Beatles nur eine Band geblieben. Das kann ich nicht beurteilen. Aber ich weiß, was Donald Duck ohne Carl Barks und Dr. Erika Fuchs geblieben wäre: nur eine Ente. Aber das ist ein anderes Thema. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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