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Im Körperversteck (“Mein progressiver Alttag” vom 19. März im Gießener Seniorenjournal)

Die Leser der Gießener Allgemeinen kennen »gw« vor allem als Anstoß-Kolumnist. Seit Gerd Steines sich vor drei Jahren von der Redaktion in den Ruhestand verabschiedet hat, lässt er uns regelmäßig an seinem »progressiven Alt-Tag« teilhaben.
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Es ist nur ein Moment. Ein Schatten, der durch den Kopf huscht. Zähne geputzt, gegurgelt, ausgespuckt, Kopf gehoben … und plötzlich sieht mich dieser fremde alte Mann an. Wer ist das?
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Es ist wirklich nur der Bruchteil einer Sekunde, in dem ich nicht weiß, wer mich im Spiegel anschaut. Vor und nach diesem Zeitstrahl, der mich unvermittelt trifft, kenne ich diesen alten Mann gut genug. An sein Gesicht habe ich mich nicht nur gewöhnt – es gefällt mir sogar. Natürlich nicht im ästhetischen Sinn, so verblendet bin ich nun doch nicht. Aber dieser scheinbar gelassene, altersgereifte Graukopf ist das ideale Versteck. Schließlich gibt es nicht nur siebzehnjährigste Leimener, sondern auch vierzehnjährigste Gießener. Denn wie Alec Guinness, der große englische Schauspieler, komme ich mir wie ein Hochstapler vor, weil ich einen Erwachsenen spiele und wie Alec stets fürchten muss, dass man mir auf die Schliche kommen könnte. Das alte Gesicht im Spiegel schützt vor Enttarnung.
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Der Junge in mir schaut in seinem Körperversteck interessiert zu, wie absurd sich das Gesicht im Lauf der Jahre verändert. Und nicht nur das Gesicht. Über galoppierenden Großzehenschiefstand und fortschreitende Arthrose im Daumengrundgelenk habe ich in meinem progressiven Alt-Tag bereits ausführlich berichtet und auch Broiler-faltige Hautlappen in den Armbeugen nicht verschwiegen. Habe ich eigentlich schon meine zunehmende Hörschwäche erwähnt? Ach so, ja, diese peinliche Geschichte mit der hübschen jungen Hörgeräte-Akustikerin, deren professionelle Freundlichkeit ich einer gewissen Silberrücken-Attraktivität zuschreiben wollte. Bis sie mich tags darauf nicht einmal mehr erkannte.
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Nun kommt verfärbende Verwelkung an der Nagelspitze des Zeigefingers hinzu. Es fing damit an, dass ich beim Nägelschneiden einen kleinen schwarzen Punkt an der Spitze des zu lang gewachsenen Nagels entdeckte. Nach dem Schneiden war der Fleck weg, der Nagel wuchs wieder makellos – bis er vorne erneut einen schwarzen Punkt produzierte. Im Lauf der Maniküre-Monate materialisierte sich der Makel immer früher, mittlerweile verunziert er schon die extrem kurz geschnittene Nagelspitze.
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Aber was macht’s? Wäre es der kleine Finger und ich ein alter Chinese, nur dann hätte ich ein Problem damit. Bekanntlich gilt ein mehrere Zentimeter langer Kleinfingernagel mancherorts in China immer noch als Statussymbol, und da wäre es mir recht peinlich, wenn – je länger der Nagel, desto dicker wird der Fleck – vorne ein schwarzes Etwas prangte, das zudem den Anschein erwecken könnte, Ohrenschmalz oder Nasenpopel zu sein; denn im zweiten Daseinszweck wird der langen Fingernagel zur pulenden Reinigung von Ohr und Nase genutzt. Aber diese Sorgen habe ich nicht, zur Not gehe ich ins Nagelstudio und lasse mir ein fesches Muster verpassen.
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Als ich mein geheimes Alter erreichte und daran hängen blieb, hielt ich die Möglichkeit, so alt zu werden, wie ich nun schon geworden bin, für weitaus unrealistischer, als dass Jesus am Jüngsten Tag leibhaftig von der Himmelsleiter herabsteigt und Gericht hält (natürlich mit Freispruch und Paradies für mich; an Jungfrauen als Zugabe wagte ich nicht zu hoffen und wusste auch nicht, dass dafür ein anderer zuständig ist).
Nun ist die phantastischere Variante eingetreten. Ich bin alt. Und das ist mit Humor eigentlich recht gut zu ertragen. Bis jetzt.
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Aber geht mit Humor wirklich alles besser, sogar alles am Altern? Was, wenn zu den belanglosen Zipperlein, über die ich mich lustig mache, schwere Krankheiten kommen? Am Ende auch solche, die … nun ja … am Ende kommen? Oder »Männergeschichten« – schließlich komme ich in das  Alter, in dem selbst die härtesten Machos zu Sitzpinklern mutieren, weil sie gar nicht mehr so lange stehen können, wie es läuft. Und rinnt. Und tröpfelt.
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Kann ich auch noch unter Schmerzen über mich selbst lachen? Schwarzer Humor treibt in der Theorie mit dem Entsetzen Scherz – aber in der Praxis auch mit entsetzlichem Schmerz?
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Einer kann das. Hans Zippert (u.a. “Zippert zappt” in der Welt), ein Meister des fein justierten Humors. In »Der Tag, an dem mich der Schlag traf« schreibt Zippert nicht über Zipperlein, sondern über den Schlaganfall, der ihn vom Rad fegte. Unnachahmlich. Nachzulesen im Internet (Suchwörter: »Zippert« und »Schlaganfall«). Ein idealtypisches Beispiel für die Definition von »gutem Humor«, die der Wiener Autor und Schriftsteller David Schalko im SZ-Interview gibt: »Bei gutem Humor muss es immer auch ein bisschen um Leben und Tod gehen.«
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Ob ich es Zippert nachmachen kann bzw. muss oder bei Zipperlein bleiben darf? Nur die wenigsten ereilt im hohen Alter einigermaßen gesund und munter ein gnädiger Udo-Jürgens-Sekundentod. Alle anderen werden leiden. Statistisch gesehen auch ich. Werde ich darüber schreiben können und wollen? Mein progressiver Alt-Tag wird mich auf die Probe stellen.  (gw)

Baumhausbeichte - Novelle