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Video Games (“Wer bin ich?” vom 17. März)

Entdeckt wurde ich als Bassist einer Rockband. Ich hatte mich sogar bei Metallica beworben, doch die wollten mich nicht. Zum Glück? Ich weiß nicht. Für einen Job bei dieser legendären Gruppe hätte ich auf meine Karriere verzichtet, aber auch die war ja nicht so ganz ohne. Als mich einige Typen aus der Szene auf der Bühne sahen, warben sie mich ab. Ganz gewiss nicht wegen meiner Kompetenz als Bassist. Sie erkannten sofort mein besonderes Talent. Mein Stern ging strahlend auf. In meiner Sportwelt der größte überhaupt.
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Ich habe keine Medaillen und Rekorde gesammelt, bin aber weltweit bekannter als viele Weltrekordler und Olympiasieger. Auch in einem anderen Metier wollte ich einmal nach ganz oben, aber das klappte leider nicht, obwohl der eine oder andere Sportkumpel von mir dort erfolgreich quereingestiegen ist. Nun begnüge ich mich damit, einen Kandidaten zu unterstützen. Welchen? Ist doch klar!
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Als ich von meiner ersten Sportart – einer mit Ball – in meinen sportlichen Lebensjob überwechselte, brach ich mir gleich in der ersten Trainingsstunde ein Bein. Überhaupt ist bei uns das Training gefährlicher als der Wettkampf. Es ist so ähnlich wie bei den Kunstturnern (ich bin keiner, kann keiner sein mit meiner Figur): Wer einen superschweren Teil einstudiert, fällt im Training hundert Mal auf die Schnauze, bevor er ihn im Wettkampf perfekt zeigen kann.
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Einmal wollte ich dem Moderator einer Fernsehshow live eine Technik zeigen, doch der unsportliche Dussel verletzte sich dabei und verklagte mich – ich musste ihm 2,5 Millionen zahlen. Spötter behaupten, das habe mich auf die Idee gebracht … stimmt nicht … ist Quatsch.
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Eine dumme Geschichte. Manche meinen: oberpeinlich. Nein, nicht die »Neger«-Sache. Die ist nur dumm gelaufen, und ich verstehe sie immer noch nicht. Vor vier Jahren habe ich öffentlich das »N«-Wort ausgesprochen, kaum jemand kümmerte sich darum, aber drei Jahre später machte das Internet einen Skandal daraus, und ich musste mich mit jahrelanger Verspätung entschuldigen. Mein Vertrag wurde aufgelöst, und plötzlich war ich verfemter als ein Lance Armstrong. Vielleicht spielt dabei auch die wirklich dumme Geschichte eine Rolle. Meine Ex-Frau hasst mich jedenfalls, und nicht nur dafür. Wir hatten uns gerade getrennt, ich war fix und fertig. Einer meiner besten Kumpel wollte mich trösten, lud mich zu sich nach Hause ein, wo sich später seine Frau um mich kümmerte. Im Schlafzimmer. Und zwar derart intensiv, dass fünf Jahre später ein Video dieser speziellen Mitmenschlichkeit im Internet über fünf Millionen Mal angeklickt wurde. Wie ich jetzt weiß, hat dieser wirklich »gute Freund« das heimlich gefilmte Video mit Zustimmung seiner Frau gedreht, als Rücklage für die Rente. Zur Erpressung kam es nicht, aber zur Veröffentlichung eines Ausschnitts auf einem Internet-Portal. Das verklage ich momentan auf ein paar Fantastillionen Schadenersatz, dagegen sind die 2,5 Millionen für den Moderator nur Peanuts.
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Auch wenn ich so tief gefallen bin wie Armstrong oder euer Jan, nehmen mich immer noch einige Sportler zum Vorbild. Einer, der auch eine ähnliche Frisur wie ich hatte (jetzt nicht mehr), jubelte nach Siegen wie ich, ein anderer, ein Fußball-Nationalspieler, heißt so wie ich bzw. mein Vorname. Auch meine Videos werden die Zeit überdauern. Nun ja, das eine leider, aber die vielen anderen, auch die Video-Spiele, werden zum Glück bleiben. Irgendwie ist bei mir alles Show: Leben und Sport, beides ein irrer Comic-Strip. Wer bin ich? (Einsendeschluss: Dienstag, 22. März) (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle