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Montagsthemen (vom 14. März)

Für Freunde des FC Bayern, die mit ihrem Pep Seltsam hadern, ist nicht das alltägliche 5:0 bemerkenswert, sondern ein anderes Ergebnis aus einer anderen Liga: 0:0. Manchester City in Norwich. Wackliger Platz vier in der Premier League. Verabschiedet sich Guardiola von den Bayern und gleichzeitig von der Champions League? Da kommt in München Vorschadenfreude auf.
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Schadenfreude auch über Max Kruse, der frühmorgens in Berlin 75 000 Euro im Taxi liegen lässt, die nun spurlos verschwunden sind. So ändern sich die Zeiten. Als ich noch frühmorgens in Berlin unterwegs war, hatte ich keine müde Mark mehr in der Tasche. Wer damals um diese Zeit mit Geldbündeln nach Hause fuhr, hatte die Scheine vorher bei unsereinem eingesammelt. Ließ er sie im Taxi liegen, verschwanden sie nicht spurlos, denn der Fahrer brachte sie angstbibbernd und schnellstmöglich zurück. Kruse sollte sich merken: Nicht Zocker sind Könige der Nacht, sondern die, die zocken lassen.
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Kaum hat Paderborn die Effenberg-Episode beendet, gewinnt der abstiegsgefährdetet Klub wieder, sogar bei einem Aufstiegskandidaten. Mir bleiben vor allem die Worte des grandios Gescheiterten in Erinnerung, mit denen er sich in der Provinz vorgestellt hatte: »Ich bin es wirklich.« Mit gewohnt breiter Brust, in der aber kein Plätzchen für Selbstironie frei bleibt. »Ich bin es wirklich« – niemand kann Effes Selbstverständnis treffender beschreiben als Effe selbst.
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Guardiola, Kruse oder Effenberg – da  wirkt Schadenfreude menschlich. Unmenschlich dagegen jene über die Waffenfetischistin in den USA, deren vierjähriger Sohn ihr in den Rücken schießt.  Doch wer denkt nicht in einem bösen Winkel seines Herzens: Geschieht ihr recht? Aber das ist ein anderes Thema.
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Menschlich anrührend, erschütternd, ist die Lebens- und Leidensgeschichte von Jonathan Heimes, mit dem Darmstadts unglaubliche Fußball-Geschichte eng verknüpft ist. Aber hat er, wie es immer floskelt, den Kampf gegen den Krebs »verloren«? Sind andere, die heil davonkommen, »Sieger«? Mit diesem Sprachgebrauch fremdele ich, seit Lance Armstrong den Krebs »besiegt« haben wollte. Triumph statt Demut, typisch Armstrong eben. »Verlieren ist wie Sterben«, sagte er ja auch – doch was halten Millionen Menschen (beziehungsweise deren Angehörige), die den Kampf nicht »gewinnen«, von diesem Brachialdarwinismus? Außerdem: Wenn schon, dann ist Jonathan Heimes ein Gewinner, Armstrong ein jämmerlicher Verlierer.
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Carl Lewis ist ein neunfacher Goldmedaillengewinner, Ben Johnson ein jämmerlicher Verlierer. So steht es jedenfalls in den olympischen Annalen. Lewis hat nun den IAAF-Boss Sebastian Coe aufgefordert, sein Amt ruhen zu lassen, da die Glaubwürdigkeit der Leichtathletik erschüttert sei. Die aber ist schon lange erschüttert, spätestens seit Seoul 1988. Damals wurde Lewis wegen des Johnson-SuperGAUs nachträglich zum Olympiasieger erklärt, hätte aber gar nicht erst teilnehmen dürfen, weil er zuvor bei den US-Trials drei Mal (!) positiv getestet worden war. Das wurde so viele Jahre lang vertuscht, bis es niemanden mehr so richtig interessierte. Merke: Wenn zwei das Gleiche tun, wie Schavan und von der Leyen … ach, quatsch … wie Lewis und Johnson, ist es nicht immer dasselbe … Netzwerk … ach, jetzt wird’s noch quätscher.
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Themawechsel. Im Blog »Sport, Gott & die Welt«, der die gw-Kolumnen im Internet begleitet, habe ich kürzlich getönt, dem rationalen Teil meines Sportkopfes sei schleierhaft, warum ich mich überhaupt für die NBA-Spiele der Dallas Mavericks interessiere, da es  nur darum gehe, ob Dallas als Sechster, Fünfter oder Siebter in die Playoffs starten werde. Seitdem hat Dallas fünf Mal hintereinander verloren, sogar der letzte Playoff-Platz acht gerät in Gefahr. So viel zu meiner Fachkompetenz.
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Ich tröste mich damit, wenigstens ein guter Mensch zu sein. Jedenfalls nach der Definition des Schriftstellers und Teleserien-Autors David Schalko. In einem SZ-Interview lese ich, dass man in Schalkos neuer Serie »Altes Geld« einen guten Menschen daran erkennt, dass er sich umdreht, wenn hinter ihm jemand »Arschloch!« ruft. Weil er sich angesprochen fühlt. Alternative: Weil er schadenfroh wissen will, um wen es geht. Aber das macht, so der Österreicher Schalko, nur ein Deutscher. Gut oder deutsch? Oder beides miteinander vereinbaren? Aber wie? Das ist nicht nur hier die Frage. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle