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Sport-Stammtisch (vom 12. März)

Dortmund zerpflückt Tottenham, Klopp schlägt van Gaal, und in Frankfurt kommt mit Kovac keiner der alten Buddys, kein Kumpel der Macher und auch nicht der Medien, sondern ein Unbelasteter von weit draußen, und das auch noch im Niko-Robert-Doppelpack. Alles auf Null, und dann bitte durchstarten!
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Der dritte Kovac heißt vorne Joe und hat hinten ein »s«, und auf einem Video im Netz sieht man, wie der US-Kugelstoßer eine tiefe Kniebeuge mit 350 Kilogramm auf den Schultern schafft. Zwar nur eine, wie man sportneudeutsch sagt, Zubringerübung, aber zusammen mit einem 24-Meter-Stoß im Training (ebenfalls im Internet zu finden) ein Indiz für Rekorde und Goldmedaillen. David Storl muss sich warm anziehen, beziehungsweise: Er muss mächtig anziehen, um in Rio gegenhalten zu können.
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In meiner Sportwoche zwischen Kovac und Kovacs, also zwischen Mehrheits- und Minderheits-Interessen, spielt aber die ständige Existenz-Dialektik des Sports die Hauptrolle: Erfolg und Moral, Wahrheit und Lüge, Doping und Gesetz, Anstand und Anstands-Loses. Man stelle sich bloß vor, der Topmanager eines großen Konzerns arbeitet an seinem freien Tag (freier Tag des CEO? Ein Witz an sich) für einen Konkurrenten, zu dem er bald wechseln wird, und was er da arbeitet, richtet sich gleichzeitig gegen einen dritten Konzern. Unmöglich? Nicht im Fußball, denn der hat seinen ganz speziellen Pep, in München sogar einen mit Nachnamen.
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Lüge clever, Wahrheit dumm? Siehe Bremer Gelbe-Karten-Posse. Wäre Maria Scharapowa eine Schwester im Geiste von Zlatko Junuzovic, hätten wir eine Weltpremiere der sportlichen Wahrheit erlebt: »Ich habe Meldonium eingenommen, wie viele andere auch, um meine Leistung zu steigern. Leider habe ich die Mitteilung verschlampt, dass das, was vor dem 1. Januar zum ›sauberen‹ Sport gehörte, ab 1. Januar mieses Doping ist.« – Folgerung: Doping ist nicht primär ein moralisches Problem, sondern ein sportregeltechnisches und im Meldonium-Fall sogar nur ein kalendarisches.
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Könnte Otto Normalsportfan einmal Mäuschen spielen hinter den Kulissen des großen Sports, wäre er entsetzt, dass alle »dopen«, jedenfalls nach seinem Selbstverständnis. Selbst Sportler, die nie mit dem Reglement in Konflikt geraten, arbeiten auch mit Mitteln, die nichts mit Talent und Training zu tun haben. Im Unterschied zu wirklich dopenden Sportlern nutzen sie ihre Manipulationsmöglichkeiten aber nur im jeweils aktuell legalen Bereich.
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Das Kalender-Dopingmittel Meldonium beweist auch die Absurdität des Anti-Doping-Gesetzes. Was Doping ist und was nicht, legt quasi ein privater Verein immer wieder aufs Neue fest, und der Staat hechelt dem wechselnden Regelwerk des Sports gesetzlich hinterher, als Hund, mit dem der Schwanz wedelt wie er will.
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Um Missverständnissen vorzubeugen: Scharapowa hat gegen die Regeln verstoßen und muss regelgerecht bestraft werden. Aber bitte ohne ethisch-moralische Begleitmusik. Das gilt sogar für einen, der selbst gerne und jederzeit auf der ethisch-moralischen Tastatur spielte und jetzt mit Crystal Meth erwischt wurde, also mit Pervitin. Damit dopten schon die Nazis ihre Soldaten und die DDR ihre Sportler, und ohne Pervitin wäre Jean-Paul Sartre nicht Nummer eins der Existentialisten-Weltrangliste geworden. Jener Grünen-Politiker reiht sich also in eine bunte Schar von Vorgänger-Dopern ein. Zum Lobe des Sports sei betont: Im Gegensatz zur Politik spielt Pervitin hier keine Rolle mehr. Zu leicht nachweisbar.
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Oswald Spengler behauptet in seinem gleichnamigen Werk, der »Untergang des Abendlandes« sei aus natürlichen Gründen nicht zu verhindern. An Sport und Doping dachte er dabei noch nicht. Aber die Parallelen sind unübersehbar. Doch wer liest schon noch Spengler? Zumindest die nicht, die an eine Verschwörung der »Lügenpresse« glauben. Läsen sie ihn, wäre er ihr Held, denn Spengler bezeichnete schon vor 100 Jahren die Wahrheit als »ein Produkt der Presse. Was sie will, ist wahr. Ihre Befehlshaber erzeugen, verwandeln, vertauschen Wahrheiten. Drei Wochen Pressearbeit, und alle Welt hat die Wahrheit erkannt.«
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Drei Wochen? Schön wär’s. Ich mache seit mehr als drei Jahrzehnten Pressearbeit in Sachen Doping, und außer mir hat noch niemand die Wahrheit erkannt. (gw)
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(In  ironiefreien Zeiten merke ich lieber an, dass ich mich soeben selbst verkackeiert habe / www.anstoss-gw.de / gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle