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Montagsthemen (vom 7. März)

Wenn zwei Mannschaften torlos unentschieden spielen, taucht in Wort, Bild und Ton unweigerlich die »Nullnummer« auf, eine der leider zahlreichen Nullstrom-Automatismen der Sportsprache. Und jetzt diese Nullnummer! Bayern München schlägt Borussia Dortmund in einem torlosen Unentschieden der Extraklasse am Ende deutlich nach Punkten. Wenn beide diese Form international halten, kann der FC Bayern die Champions League und muss der BVB die Europa League gewinnen. Atemberaubend in Spannung und Tempo, sensationell im fußballerischen Können, beeindruckend in der praktischen Umsetzung von Strategie und Taktik. In England müssen sie staunen, in Turin zittern, und selbst in Barcelona grübeln, ob ein Messi alleine den Unterschied machen kann.
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Wenn überhaupt, dann war das Frankfurter 1:1 eine Nullnummer. Allerdings nur für die Eintracht, nicht für Ingolstadt. Zum Trainer ist alles gesagt, die Dinge nahmen ihren Lauf, Veh ist Geschichte. Wie immer in solchen Fällen halte ich mich da an den sanften Kirchenrebellen Eugen Drewermann (gibt’s den eigentlich noch?), der bei der EM ’96 ziemlich unsanft geschimpft hatte, dass nicht einmal Pferde, sondern nur Kroaten auf Menschen treten, die am Boden liegen. Nebenbei angemerkt: Ein typischer Fall von Rassismus, aber das ist jetzt nicht das Thema.
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Was den Fans stinkt, hat weniger mit dem Trainer zu tun, als mit dem Fisch, der wie der Eintracht-Adler … vom Kopf her … undsoweiter. Ja, es fällt schwer, dies unverblümt auszusprechen, denn es geht auch um menschlich angenehm wirkende, teilweise hoch verdienstvolle Persönlichkeiten. Doch jahrelanger Stillstand, kurzzeitig unterbrochen von wetterwendischen Hochs und Tief, die nichts am Klima ändern, kann nicht ursächlich an wechselnden Trainernamen liegen, sondern muss viel eher mit Konstanten wie einem Irrlichternden, einem Überforderten und einem von der Zeit Überholten eine Etage höher zu tun haben.
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Noch zwei, drei Etagen höher geht es um des Kaisers Bart, obwohl er keinen hat. In Medien-Deutschland arbeiten sich alle an Franz Beckenbauer ab, und da soeben die deutschen Bartmeister gekrönt wurden, habe ich recherchiert bzw. bei »dpa« gelesen, dass »um des Kaisers Bart« gestritten wird, wenn es um Dinge geht, »die des Streitens nicht wert sind«. Wenn ich Franz Beckenbauer jemals etwas geglaubt habe, dann seine Wurschtigkeit, sich nicht um lästige und ihn überfordernde Nebengeräusche zu kümmern. Jede Wette, dass er nie ins Kleingedruckte vorgestoßen ist! Dafür hatte er Gefolgsleute vom Fach, in Robert Schwan sogar einen, der nicht ihm, sondern dem er bedingungs- und arglos folgte. Aber zugegeben: Mein Verständnis für Beckenbauer mag mit dem für mich zu tun haben, lästige Formalien ebenfalls lieber zu ignorieren.
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Da wenigstens mein Langzeitgedächtnis noch funktioniert, kann ich immerhin die verschwörungstheoretischen Mutmaßungen um die ominösen 6,7 Millionen widerlegen – mit meinen Erinnerungen an die angeblich dafür erfundene und nie geplante WM-Eröffnungsgala. Doch die sollte tatsächlich stattfinden, angeregt von Andre Heller. Der Wiener Kultur-Tausendsassa hatte in seiner Villa am Gardasee in angeregter Runde den Herren Schröder, Schily, Beckenbauer und Blatter die Gala-Idee schmackhaft gemacht. Wie ging’s weiter? Da muss ich ins gw-Archiv schauen. »Heller hatte, von Flatulenz-Musikern angefangen, schon alles auf die Bühne gebracht, was Wind macht. Und Schröder und Schily, obwohl selbst keine unbedeutenden Windmacher, hatten besonders viel (Rücken-)Wind nötig, so kurz vor der Bundestagswahl. Die gab’s fatalerweise schon ein Jahr früher, Schröder und Schily hatten plötzlich andere Sorgen« (Mai 2006). Und die Gala fiel aus.
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Ja, klar, zugegeben, die Geschichte hat »so einen Bart«. Dazu die Info zur Bartmeisterschaft: »In der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert kam das nackte Kinn in Mode. Viele alte Männer blieben aber beim Vollbart, der zum Symbol für eine rückwärtsgewandte und konservative Haltung wurde. Witze oder Vorstellungen, die einen (langen) Bart haben, sind darum als langweilig und altbekannt zu verstehen.«
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Nach den Bartmeisterschaften und vor dem morgigen Internationalen Frauentag bedauere ich, seit je her bartlos, progressiv und vorwärtsgerichtet, dass die Gleichberechtigung noch längst nicht verwirklicht ist. Ich fordere daher die Quotenregelung auch bei den deutschen Bartmeisterschaften!
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Ich bitte meine liebste Zielgruppe um Entschuldigung, denn dieser müde Altmänner-Gag hat wirklich soooo einen Bart.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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