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Montagsthemen (vom 29. Februar)

Topthema der letzten Tage, vor Syrien und den Flüchtlingen, im Fernsehen sogar noch vor Rodeln: der neu gekrönte Infant der Fifa und was nun alles besser wird. Ist die Vermutung gestattet, dass alles bleibt, wie es war? Jedenfalls alles, was am Sport wesentlich ist, also unter- bzw. außerhalb seiner Nomenklatura?
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Montagsthematisch bleibt nur die Randnotiz, dass Blatter mit seinem von ihm favorisierten Nachfolger erst kürzlich beim Glühwein zusammen saß und dass Infantino die Wahl auch mit dem sportlich absurden, aber stimmlich stimmigen Plan gewonnen hat, die WM auf 40 Teilnehmer aufzublähen.
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Sie saßen beim Glühwein zusammen? Blatter behauptet es. Auch das glaube ich ihm nicht. Zusammen »gesessen«? Mit Glühwein? Na ja, in der Schweiz scheint mittlerweile alles möglich. Auch sprachlich. »Ausschaffungsinitiative«, welch ein apartes Schwyzerdütsch. Sollte Blatter nicht in die USA »ausgeschafft« werden?
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Kleiner Scherz. Entschuldigung. Kein Scherz, dass der samstägliche Bundesliga-Spiel»tag« diesmal mehrheitlich davor und vor allem danach stattfand. Zur Strafe bleibt diese Kolumne heute fußballspielfrei. – Entschuldigung? Auch so ein sprachliches (Un-)Ding. Als Aussage anmaßend, da man um Entschuldigung nur bitten und sie nicht behauptend vorweg nehmen kann. Ich bitte daher auch um Entschuldigung, dass ich geflunkert habe. Fußball bleibt nicht zur Strafe außen vor, sondern weil »meine« beiden Topspiele (Eintracht und Klopp-Finale) erst abgepfiffen wurden, als diese Kolumne schon längst geschrieben sein musste.
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Jetzt aber zu dem, was am Sport unter- bzw. außerhalb seiner Nomenklatura wesentlich ist. Welche Freude, Julian Reus und vor allem Tatjana Pinto sprinten zu sehen! Überhaupt machte es Spaß, diesen in die Nische Eurosport abgeschobenen Sport wieder einmal in voller Länge zu genießen (mit den öffentlich-rechtlichen Rodeljunkies müsste man in diesem Zusammenhang einmal richtig Schlitten fahren!). Als Tatjana Pinto fassungslos weinte, steckte auch dem Zuschauer ein Kloß in der Kehle. Welch eine Geschichte! Mutter tot, Vater unter Mordverdacht, Sport als Therapiehilfe für das Unverkraftbare, und jetzt diese sensationelle Zeit.
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Apropos Zeit: Pinto und Reus sind saubere Athleten einer neuen Generation. Den latenten Zweifel an allen außergewöhnlichen Leistungen sollten wir einmal vergessen, denn er ist ein Sargnagel des Sports. Vergessen sollte man aber auch die ständigen Forderungen, die Rekorde früherer Jahre zu annullieren. Reus brach einen alten DDR-Rekord, Pinto kam sogar Marita Koch nahe, der Personifizierung des Problems. Womöglich wackelt demnächst der Drechsler-Rekord im Weitsprung oder durch David Storl sogar der Kugelstoß-Weltrekord – eine Annullierung früherer Rekorde brächte logischerweise auch neue in Verdacht.
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Unterhalb der Rekord-Aufmerksamkeit gab es bei den Hallenmeisterschaften erfreulich viele persönliche Bestleistungen junger Athleten. Diese sind unterhalb der öffentlichen Wahrnehmung der Kern der Leichtathletik, in der es viel weniger um den Kampf Mann gegen Mann geht als um den Kampf man gegen sich selbst. Wo sonst als in der Leichtathletik sieht man enttäuschte Sieger und jubelnde »Verlierer«?
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Jedenfalls nie im Boxen oder beim Tennis, da geht es nur um »Mann gegen Mann«, auch bei den Frauen. Ein anderer Unterschied hat sich erst in den letzten Jahren entwickelt. In der Leichtathletik mischen die jungen Talente immer früher in der Spitzenklasse mit, was im Boxen trotz PR-Kampagne (Feigenbutz!) nicht funktioniert und im Tennis die Ausnahme bleibt.
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Und da kommt dann doch wieder der Fußball ins Spiel, in dem die Profis immer jünger werden, viel auffälliger noch als in der Leichtathletik. Bald herrschen in der Bundesliga Verhältnisse wie im Kunstturnen der »Frauen«, auch was die Verweildauer im Sport betrifft. Im Tennis dagegen gilt Alexander Zwerev mit seinen 18 Jahren als große Ausnahme, wenn er jetzt im Daviscup debütiert. Warum ist das hier so und dort anders? Na ja, das muss man die ganz Schlauen fragen, nicht mich. Wie alt war eigentlich der siebzehnjährigste Leimener, als er in Wimbledon gewann? (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle