Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Sport-Stammtisch (vom 27. Februar)

Als ich las, »Sexwale will sich für die Fifa-Präsidentschaft bewerben«, dachte ich: Liebe Kollegen, muss das nicht »wollen« heißen? Gestern traten aber nicht sechs Wale an, sondern nur fünf große Fische, und man muss sich die Namen auf der Zunge zergehen lassen: Jerome Champagne, Prinz Ali bin Al Hussein, Scheich Salman bin Ibrahim Al Khalifa, Tokyo Sexwale und Gianni Infantino. Eine Gemeinsamkeit verbindet sie mit anderen Weltverbandsgrößen zwischen IAAF und IOC: Wer so weit kommt, kann kein Infantilo sein.
*
Schon gar nicht in Fifa und Uefa. Was Baum und Borke alias Blatter und Platini gelang, davon können andere Sportarten nur träumen: Im Fußball gab es noch keinen Doping-SuperGAU, obwohl die kritische Masse weit überschritten war. Fuentes, Real, Barca – was war da? Als der Fußball Unangenehmes noch elegant unter den Teppich kehren konnte, hatten Leichtathleten und Radsportler schon keine Besen mehr. Teppiche sowieso nicht, die wurden ihnen unter den Füßen weggezogen.
*
In dieser Woche gewann Diana Sujew im längsten 1500-Meter-Lauf der Geschichte eine EM-Bronzemedaille. Gestartet wurde 2012 bei den Europameisterschaften in Helsinki. Nach rund vier Minuten lag Sujew an sechster Stelle. Wie üblich gab es eine voreilige Siegerehrung, verbunden mit Ruhm, Medaillen und – in dieser Disziplin bescheidenem – Wohlstand. Im weiteren Rennverlauf schieden die beiden Führenden im vergangenen Jahr aus, an diesem Donnerstag folgte die Dritte, ebenfalls nachträglich dopingdisqualifiziert, so dass Diana Sujew nun Bronze bekommt, was leider nicht mehr mit den genannten angenehmen Begleitumständen verbunden ist. Aber noch ist das Rennen nicht zu Ende, vielleicht winkt ihr in einigen Jahren ja noch Gold.
*
Da im Zeitalter des Doping-Designs nur die Dummen erwischt werden, also die Unterprivilegierten ohne die notwendigen Verbindungen, und da die am lauthalsesten auf die Erwischten Schimpfenden oft genug zu den privilegierten Cleveren gehören, wirken »Erfolge« im Kampf gegen Doping wie Augenwischerei für das naive Publikum. Man stelle sich bloß vor, der Fußball-Europameister 2016 würde erst vier Jahre nach dem Finale bekannt, und das womöglich auch nur vorläufig – nein, unvorstellbar. Auch dank guter, besenreiner Arbeit im Hintergrund.
*
Anderes unschönes Thema: Eintracht Frankfurt und Armin Veh. Egal, wie die Sache enden mag: Beide sind aneinander gescheitert, sogar mit (meiner) Ansage. Heribert Bruchhagen dementiert zwar, die Trennung nach dieser Saison sei bereits beschlossen, doch klingt die übliche Sprachblase (»reine Spekulation«) eher wie eine verkappte Bestätigung. Vielleicht bezieht sich Bruchhagens Dementi aber auch nur auf die Zeitangabe »nach dieser Saison«.
*
Meine frühe Ansage war: Dass Veh nach diesem vergifteten Abschied zurückkehrt, ist ein großes Handicap, hinzu kommt, dass Veh lieber und besser im Sonnenschein als im Schlamassel arbeitet. Und Schlamassel ist in Frankfurt garantiert.
*
Aber für diese penetrante Besserwisserei bestrafe ich mich selbst, indem ich eine andere Ansage in Erinnerung bringe: »Nun hat Schalke einen kleinen Klopp. Breitenreiter und Schalke, das passt. Schalke wird jener Klub der Saison, der zuletzt Gladbach und davor der BVB war. Bei Gelegenheit werde ich als Prophet wieder auftauchen oder zur Belustigung freigegeben.« Geschrieben im Juni 2015. Hiermit zur Belustigung freigegeben.
*
Auch bei den Fifa-Namen, die man sich auf der Zunge zergehen lassen soll, hätte ich mir besser auf dieselbe gebissen. Anderswo lässt man sich Namen wie Blatter, Niersbach, Zwanziger und andere Schmidts und Müllers auf der Zunge zergehen. Da bin ich wohl in die eigene Rassismus-Falle getappt.
*
Immerhin nur getappt, nicht mit beiden Beinen gesprungen wie jener Anwalt, der im ersten Prozess rund um die Kölner Silvesternacht einen Zeugen überschwänglich lobte: »Ich finde es sehr schön, dass ausgerechnet Sie als Afghane geholfen haben«
*
»Ausgerechnet Sie als Afghane« – da bleibt nur die Wodka-Martini-Frage von James Bond: geschüttelt oder gerührt? Entweder es schüttelt (mich), oder man ist gerührt. Denn das, was eine dunkelhäutige deutsche Hochspringerin einmal als »positiven Rassismus« kritisiert hat, diese demonstrative Überfreundlichkeit, ist schließlich auch nur . . . Rassismus. Nach Gutsherrenart.
*
Geschüttelt oder gerührt? Die Antwort trennt nicht nur Wodka-Martini-Freunde, sondern eine ganze Nation. Aber das ist ein ganz anderes Thema . (gw)
*
(www.anstoss-gw.de  gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle