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Trotz-Demos (“Anstoß” vom 25. Februar)

Regel- und meinungstechnisch ist alles und von allen gesagt, von Wutreden-Rudi auch geschrien. Man ist sich einig: So etwas wie die späte Trotzphase des Leverkusener Trainers Roger Schmidt hat »die Welt noch nicht gesehen«. Nein, stimmt nicht, ungewohnt bescheiden beschränkt man sich auf die »Bundesliga-Welt«, doch das ist für manchen sowieso gehupft wie gesprungen, also doppelt gemobbelt. Oder, wie der Philosoph sagt: Die Welt ist alles, was der Fußball-Fall ist.
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Doch die Welt hat schon seltsamere Steh-, Sitz- und Liegestreiks gesehen. Obwohl die Sportmedien keine Gelegenheit auslassen, auf jeden Pups das Echo einer Statistik oder Rangliste folgen zu lassen, bleiben die Vergleiche diesmal aber aus. Weil hier das Suchen im Netz an seine Grenzen stößt? Wie soll man sie auch finden, jene diversen Trotz-Demos, wenn die dazugehörigen Namen und Sportarten fehlen? Der echte Sportfreund findet jedoch in seinem Kurz-, Mittel- und Langzeitgedächtnis Anhaltspunkte, vergleichbar den »Wellen«, auf denen Netzsucher surfen. Ohne Welle dümpeln sie nur.
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Was zu beweisen wäre. Zunächst auf der Basis des Kurzzeitgedächtnisses. Da war doch mal was, London 2012, Olympia, die Weinende auf der Planche? War das nicht in einem Gefecht mit Britta Heidemann? Wer das im Gedächtnis hat, erwischt die richtige Welle und findet schnell den passenden Namen: Shin A Lam. Und schon haben wir das Bild vor Augen, wie die Südkoreanerin nach ihrer Niederlage im Halbfinale in Tränen ausbrach und aus Protest im Sitzstreik fast eine Stunde auf der Planche verharrte.
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Auf das, was ein knappes Jahrzehnt früher geschah, komme ich sogar ohne Welle, denn ich kann mich noch gut an die ärgerliche Szene bei den Leichtahletik-Weltmeisterschaften 2003 in Paris erinnern. Jon Drummond, einer aus der damaligen US-Truppe von Muskel- und Macho-Egomanen im Sprint, wurde nach einem Fehlstart gemäß gültiger Regel disqualifiziert, legte sich aber aus Protest 45 Minuten lang vor die Startblöcke und verhinderte so den Neustart. Damals notierte ich: »Dass seine miese und unfaire (weil andere Sportler beeinträchtigende) Show bei den Zuschauern sogar gut ankam, bestätigt Pessimisten in ihrem Weltbild von der uninformierten, manipulierbaren Masse.« – Na ja, das ist auch heute ein Thema, aber ein anderes.
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Im Langzeitgedächtnis erwische ich keine echte Welle. Es plätschert nur: Boxen … ein Asiate im Ring … große Aufregung … Sitzstreik. Aber wer, wann und wo? Dann dämmert es: War das nicht 1988 in Seoul, als es auch den Skandal um Roy Jones jr. gab? Als bei Olympia gemauschelt, gemotzt, bestochen und betrogen wurde? Und schon surfe ich auf der richtigen Welle: Der Südkoreaner Byun Jong-Il verlor gegen den Bulgaren Alexandar Christow zu Recht nach Punkten, woraufhin eine Meute südkoreanischer Begleitpersonen den Ring stürmte. Nachdem sich der Tumult gelegt hatte, blieb Byun im Ring sitzen. Und sitzen. Und sitzen. 67 Minuten lang. Und das ist nun wirklich ein echter Trotz-Weltrekord.
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Apropos Roy Jones jr., einer der besten Boxer aller Zeiten. In Seoul war er erst 19, gewann alle Kämpfe souverän, hatte im Finale auch den Koreaner Si-Hun Park klar im Griff, verlor aber nach Punkten. Ein Skandal, der als schlimmstes Fehlurteil in die olympischen Annalen einging. Niemand zweifelte daran, dass die Punktrichter bestochen waren, eine Untersuchung des IOC verlief aber im Sande. Früher war eben alles besser … vor Aufklärung geschützt.
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Zu Roy Jones jr. fällt mir noch ein, dass der US-Amerikaner seit 2015 russischer Staatsbürger ist. Aber auch das ist ein anderes Thema.
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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