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Montagsthemen (vom 22. Februar)

Gemeinsamkeit von Pep Guardiola und Armin Veh: Beide stecken in Problemen, die sie selbst mit herbeigeführt haben. Der eine ohne Rücksicht auf seine Spielfiguren (Stichwort: Playstation), der andere …
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… nein, lieber nicht. Ich will nicht in den Chor der späten Veh-Kritiker einstimmen. Ich hatte meine Bedenken schon angemeldet, als Veh noch der Liebling von Fans und Medien am Main war. Jetzt nachzutreten, das wäre unfair. Das überlasse ich den Wendigeren. Denn die »haben keine Wurzel in sich, sondern sind wetterwendisch« (Markus 4,17), oder wie es in der bayerischen Bibel-Übersetzung heißt: »Aber sö habnd kaine Wurtznen, sundern seind schwibl.«
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Etwas muss man ARD und ZDF lassen: Sie sind kein bisschen schwibl, denn sie halten auch in diesem Winter, der nur in Celsius ein hochgradiger ist, monatelang tagein-tagaus von früh bis spät am Wintersport fest. Seit Jahrzehnten schon, denn bereits 1991 notierte Walter Kempowski in seinem »Somnia”-Tagebuch: »Diese Skiabfilmerei dauert jedes Jahr Monate. Dass sich das Leute überhaupt angucken.« Auch wunderte er sich über eine Sportart namens Biathlon, bei der sogar Frauen mitmachen, »ohne dass feministische Friedensvereine bisher Einspruch erhoben haben«. Auch um die Umwelt sorgte sich Kempowski: »Die herausschnellenden Patronenhülsen aus den Sportgewehren. Ob sie das hinterher wieder aufsammeln?«
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Ich weiß es auch heute noch nicht, »und dass ist peinlich«, womit ich aber nur den Bürgermeister von Quickborn zitiere, der auf Facebook zu erklären versucht, wie er im Internet auf eine Pornoseite geraten konnte. Aber viel peinlicher sollte ihm das »dass« sein. Mein Lieblingsfehler, ebenfalls nur bei anderen, bleibt aber die Subjekt-Objekt-Verwirrung. Wie auf »Bild online« unter einem alten Foto des heutigen Linken-MdB Dr. Diether Dehm »mit Kati Witt, die Dehm damals managte«. Wer wen? Der Dehm die Witt. Klar.

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Dem Dehm ist jetzt das geglückt, wovor uns Erich Kästner gewarnt hat: »Was auch immer geschieht: Nie dürft ihr so tief sinken / von dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken.« Zur Sache: Der Intendant Claus Peymann wollte einmal dem früheren RAF-Topterroristen Christian Klar ein Praktikum als Bühnentechniker besorgen. Dehm, der wie Peymann unter ADA leidet (Aufmerksamkeits-Defizit-Angst), setzt noch einen drauf und beantragt für den von ihm angeheuerten Büro-Hiwi Klar einen Bundestags-Hausausweis. Natürlich abgelehnt, aber Dehm hat sein Ziel erreicht: Deutschland nimmt übel und trinkt Dehms Kakao.
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Statt auf Dehm reinzufallen, sollte man über vorzeitige Freilassung und besondere Schwere der Schuld nachdenken. Aber nicht hier, nicht in einer kleinen Sportkolumne. Da wundern wir uns lieber über eine andere rechtliche Relativierung: 300 000 Euro Strafe für den russischen Fußball-Nationalspieler Dmitri Tarasow für das Vorzeigen eines T-Shirts mit dem Konterfei von Wladimir Putin, 30 000 für Stefan Effenbergs 1,4-Promille-Fahrt, 7000 für Franz Beckenbauer wegen seiner Rolle im FIFA-Skandal. »Woher soll er das Geld nehmen? So kleine Summen hat er gar nicht im Haus« (»Zippert zappt«/Welt).
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Dafür gibt es den dreifachen Dehm-Tusch. Wie am Samstag in Sinsheim nach den Hoffenheimer Toren. »Was wollen wir trinken, sieben Tage lang, / was wollen wir trinken, so ein Durst.« Die alte Hymne bewegter linker Herzen. Gesungen von der holländischen Gruppe Bots. Deutscher Text von Diether Dehm, der neben eher unpolitischem Liedgut wie »Tausend Mal berührt« auch die noch bewegtere Friedenshymne »Das weiche Wasser« geschrieben hat.
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Dehm war Stasi-Informant, der begnadete Polemiker Henryk M. Broder hat ihn mal ein »linkes Würstchen« geschimpft, das »jenseits der Mauer die dicke Salami« spielen wollte – und immer, wenn Hoffenheim im eigenen Stadion ein Tor schießt, ertönt für die Spieler des Milliardärs Dietmar Hopp die Hymne des Antikapitalisten Dehm. Da Hopp den Hintergrund des Hoffenheimer Tor-Liedes kennen dürfte, erhält er einen Bonuspunkt für Selbstironie.
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Kempowski sowieso. Als er weg vom ewigen Wintersport zappt und bei »Eurosport« landet, entdeckt er mit dem Freiklettern »eine der schönsten, weil menschlichsten Sportarten« überhaupt. Denn, und das ist auch mein Wort zum Montag: »Wir sind doch alle Freikletterer.«
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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