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Sport-Stammtisch (vom 13. Februar)

Gegen den Strom schwimmen? Mehrheitsmeinungen anpieksen? Klar. Gerne. Macht Spaß. Ist ein Grundprinzip meiner Kolumnen. Fast immer mit Ironie, vor allem mit einem »Selbst…« davor, um anzudeuten, dass sich hinter dem scheinbar selbstgewissen Autor ein zweifelndes Schreiberlein verbirgt. Aber ich treibe es nicht so weit, dass ich selbstverliebt gegen den Mainstream paddle und plötzlich feststelle, dass der Strom Niagara heißt und mich auf alle Fälle die seinen runterreißen wird.
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Einer jedoch tut das tollkühn. Der Heldenhafte heißt Wolfram Eilenberger, ist Chefredakteur des Philosophie-Magazins und von der deutschen Handball-Freude derart angeekelt, dass er sich in einem Beitrag auf Zeit online ausko … sorry, übergeben muss. »100 Prozent kartoffeldeutsche Leistungsbereitschaft« widern ihn an. Nur Weiße im Team, niemand mit Migrationshintergrund … pfui bäh! Zum Beweis spuckt er die Vornamen der Spieler aus: Hendrik, Finn, Erik, Christian, Steffen, Jannik, Niclas, Steffen, Fabian, Simon, Tobias, Johannes, Carsten, Andreas, Rune, Martin. Sie sind für Eilenberger »die gesellschaftlich-politische Alternative« für Deutschland, denn »wenn Fußball Merkel ist, ist Handball Petry«.
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Wenn ich mir vorstelle, ich hätte das Pamphlet geschrieben … es wäre finaler Masochismus. Aber vielleicht ist das ja die Erklärung – Eilenberger schreibt in der elitären Zeit, nicht in dieser Kolumne aus dem Handkäsland. Die Zeit pflegt damit ihre Verachtung für den Handball, den sie schon früher als »Sport für Bauerntölpel« denunzierte, als »brutale Freizeitbeschäftigung für Grobmotoriker. Ein Sport, bei dem man hauptsächlich feste werfen muss, und anscheinend wirft man besonders fest in der deutschen Provinz. Die anderen Spiele dort heißen Freiwillige Feuerwehr oder Kaninchenzüchten.«
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Leider musste ich nun doch wieder schmunzeln. Aber auf das feste Werfen in der Provinz komme ich gleich zurück! Vorher fische ich aus dem Shitstorm im Netz die schöne Reaktion von Christian Ciemalla auf handball-world.com heraus. Zuerst macht er Eilenberger mit dem »fehlenden Migrationshintergrund« lächerlich: »Dieser Logik folgend wäre im Handball übrigens Katar Integrationsweltmeister, vielleicht erklärt Dir das jemand aus der Sportredaktion.« Dann macht er den Lächerlichen platt, und die Zeit dazu, denn er zählt die Vornamen aus deren Redaktion auf: »Jochen, Maria, Markus, Martin, Christoph, Meike, Kirsten, Christian, Katharina, Monika, Alexander, Karsten, Kai, Philip, Astrid, Sascha …« – Heißt die Chefredakteurin etwa Frauke?
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Unwidersprochen: Die Handballer liefern einen Gegenentwurf zum Fußball, gegen dessen Entwicklung selbst – nein, vor allem – die heißesten Fans Sturm laufen. Erst in Liverpool, dann in Stuttgart, wo die BVB-Fans nach ihrem stummen Protest gegen die erhöhten Ticketpreise Tennisbälle aufs Spielfeld warfen. Was im übrigen, nach diversen hirnlosen Attacken von Ultras, ein hübsch verspielter Einfall war.
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Den Fans stinkt die Beutelschneiderei, zumal sie auf allen Ebenen abgezockt werden. Dreiste Ablösesummen, unanständige englische Fernsehmilliarden oder die von »Football Leaks« veröffentlichten Millionenverträge werden ja nicht von der EZB-Geldpresse finanziert, sondern von den Fußball-Freunden im Stadion, vor dem Bildschirm oder beim Shopping.
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Die kaltschnäuzige Verarsche steckt auch im Vertrag von Toni Kroos. Er hat bei Real Madrid ein Grundgehalt von 6000 Euro. Nur 6000? Fast so wenig wie ein Handball-Europameister? Wirklich? Wirklich! Aber dazu kommen zehn Millionen Euro Prämie pro Jahr. Warum? Ganz fies und einfach: Kroos’ Grundgehalt »liegt knapp über dem Mindestsatz (5321,25 Euro) im Fußballer-Tarifvertrag in Spanien. Im Falle einer Berufsunfähigkeit würde die Sozialversicherung 3500 Euro zahlen« (Quelle: Bild), den popeligen Rest (2500) übernähme Real Madrid, das die Prämien-Millionen sparte, die von einer weiteren Versicherung übernommen würden. Wenn wir alle uns fragen, wer nun diese finanziert, erhalten wir die Antwort: Immer der, der fragt.
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Man möchte sie mit Bällen bewerfen! Aber nicht so verzärtelt wie die BVB-Fans, die Tennisbälle auf den Rasen kullern lassen, sondern auf unsere Art. Mit knallharten Handbällen und so feste, wie wir in unserer kartoffeldeutschen Leistungbereitschaft nur können.
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Und wenn Wolfram Eilenberger wirklich Mumm hat, stellt er sich uns Handballern entgegen wie Andreas Wolff den Spaniern. Er würde die schärfsten Schüsse halten. Müssen. Kein Ball landete im Tor, denn zielen können wir auch. Nur: Wir in der Handkäs-Provinz sind viel zu friedliebend, um einem arroganten Großstadt-Philosophen Gewalt anzutun. Lieber streicheln wir unsere Kaninchen.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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