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Sonntag, 7. Februar, 6.15 Uhr

So früh? Ja, dank der Vorzüge seniler Bettflucht. Ich bin sogar schon länger “hier bei der Arbeit” (früher Holger Geschwindners ständige Begrüßung am Telefon), denn vor dem Schlafen und vor dem Blog habe ich bereits die Rohfassung der “Montagsthemen” geschrieben. Weil: Nachher geht’s  nach langer Zeit wieder einmal ins bergige Bergische Land, nach Halver, in den Wald. Hundetraining mit Schussfest-Schusstest. Mit mir als Chauffeur und Begleitschutz.

Das frühe Aufstehen macht mir nichts mehr aus. Das war früher ganz anders. Ich erinnere mich an Schüler- und Jugendwettkämpfe mit dem TV Wetzlar, Treffpunkt Sonntag früh um vier am Stadion, um mit dem Bus nach, zum Beispiel, zu den hessischen Schüler-Mannschaftsmeisterschaften in Obersuhl zu fahren. Direkt an der Zonengrenze. Wettkampfbeginn acht Uhr. Alle wie Zombies, schlaftrunken. Erst auf der Rückfahrt ging’s rund. Witze-Marathon. Dem Hauptwitzeerzähler ging bald der Stoff aus, er holte sich Anregungen von Nichtwitzeerzählern wie ich es war und bin, und dabei lernte ich früh, dass man bei guten Witzen nicht übertreiben darf. Ich flüsterte ihm meinen pubertären Lieblingswitz ins Ohr, er ging zum Mikrofon und legte noch einen drauf, aber Masse macht keine Klasse. Mein geflüsterter Witz, der in einem “Konsum” spielt (für Spätgeborene: ein Lebensmittelgeschäft, in dem man Mitglied sein konnte und “Märkchen” sammelte): Kommt ein junges hübsches Mädchen in den Konsum und sagt zum ebenso jungen Verkäufer: “Ich hätte gerne zwei Eier.” Er fragt pflichtgemäß: “Mitglied?” Sie, errötend: “Nein, ohne.” – Die witztötende Übertreibung des Witzbolds am Mikrofon: Er machte aus den zwei Eiern gleich zehn. Dennoch lachte sich der Bus schlapp. In dem Alter reichten schon  die beiden Wörter “Mädchen” und “Eier”.

Auch in etwas reiferen Zeiten meines unreifen Daseins blieb ich Spätaufsteher, ich erinnere mich an ähnliche Zombiegefühle bei sehr frühen unserer frühen Griechenlandflüge, Ende 80er, Anfang 90er Jahre. Premiere 1986, München – Rhodos (zum  Inselhopping über Karpathos, Kos und zurück). Um vier Uhr aufgestanden und halb im Schlaf mit dem Zug nach München gefahren zu sein, war das größte Abenteuer. Und jetzt (Vorsicht, noch so’n früher Lieblingswitz, aber ohne Pubertäres): Frühlingserwachen ist nicht mehr das Gegenteil von spät rechts einschlafen, sondern beides heute der Normalfall. Gestern bis in die Nacht an der Kolumne geschrieben, heute vor dem Blog fertig gebosselt, hellwach und munter.

Was ich heute versäumen werde: Gegen Mittag zieht der dörfliche Karnevalszug um die Häuser, um sich danach dem großen Zug der Großgemeinde anzuschließen. Als vor ein paar Tagen die Faschingszeitung an den Haustüren verkauft wurde, für zwei Euro, und ich fünf Euro gab (“Rest ist Spende”), drohte mir der Verkäufer an, sich fröhlich mit “Helau” verabschiedend: “Dafür werfe mir Ihne auch besonners viele Bongbongs vor die Dür!”

So, gleich noch leichtes Feilen an der Kolumne. Wenn Sie den Schlusssatz lesen und denken, der lügt ja, der war doch eine Sportkanone, dann sollten Sie wissen, dass ich mich in unserem Viertel der “Bande” mit den Älteren angeschlossen hatte (Gleichaltrige waren nicht nur kleiner, sondern für mich auch noch Kinder), und dass in diesem Alter (ich war sieben, die anderen neun, zehn, elf) jedes Jahr in der Entwicklung dreifach zählt. So kam es also in all meiner armseligen Wahrheit zu der Erfahrung im Schlusssatz (demnächst online in den Links rechts, Stichwort “gw-Beiträge Anstoß”):

Es sind nicht nur Dicke, die beim Wählen zuletzt genommen werden. Ich war schlank und wurde manchmal gar nicht genommen. Seitdem hasse ich ungerade Zahlen.

Schlaftrunkene Leser könnten rätseln: Was hat das mit ungeraden Zahlen zu tun? Werden Sie wach, dann macht es Klick!

 

Baumhausbeichte - Novelle