Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Montagsthemen (vom 8. Februar)

Immer noch feiern die Handballer atemlos durch die Nacht, und Angelique Kerber trotzt beim FED-Cup der Müdigkeit wie ein echter Champion, der sie ja auch ist. Die Fußballer mühen sich ab, wieder Alleinherrscher in Sportdeutschland zu werden, aber das doppelt torlose Doppel-Duell an der Tabellenspitze riss niemanden aus den Fernsehsesseln.
*
Das Fernsehen bewies sowieso wieder einmal, dass es eine Wintersportart ist. Wer zählt die Disziplinen, nennt die Namen ihrer Asse? Für mich liegt der Reiz vieler Sendungen in ihrer Beschaulichkeit. Bis der nächste interessierende Biathlet am Schießstand anhält, kann man sich Gedanken über Gott und die Welt machen. Oder über das Lasern. Bemerkenswert, wie viele Spitzensportler sich die Augen lasern lassen. Wie der mittlerweile zurückgetretene Biathlon-Olympiasieger Michael Greis. Er hatte eine Sehschärfe (Visus) von 0,8, knapp unter dem normalen Wert von 1,0. Nach der OP kam Greis auf superscharfsichtige 1,6 und gab zu: »Ich sehe schärfer als mit Linsen.« Demnächst lassen sie sich Fernglaswerte einlasern, dann treffen sie immer. Aber »giltet« das? Nee, nich?
*
Auch bei der Fußball-Konkurrenz auf Sky konnte man sich angesichts homöopathischer Spannungsdosierung seine eigenen Gedanken machen. Um mich vom drohenden Eintracht-Unheil abzulenken, zappte ich zwischen Marcel Reif (Schalke) und Wolf Fuss (Berlin) hin und her. Die beiden Reporter-Stars der Privaten sind in Sprache, Stil, Temperament (und überhaupt) an Unterschiedlichkeit kaum zu übertreffen. Sie haben glühende Fans (Reif deutlich mehr als Fuss) und erbitterte Feinde (dito), aber, und diese wertfreie Annahme fiel mir während des Zappens ein: Wetten, dass es niemanden gibt, der Reif UND Fuss mag oder Reif UND Fuss hasst?! Entweder, oder. Stimmt’s?
*
Pep Guardiola. Sie kannten ihn noch gar nicht, da hatten sie ihm schon ein Denkmal errichtet. »Der beste Trainer der Welt wird Oberbayer«, kriegte sich selbst die alte Tante »Zeit« nicht mehr ein. Sie zog Highheels an und stöckelte auf den kulturgesellschaftlichen Boulevard: »Der Fußball hat das Männerbild verändert, tiefgreifender als Mode, Kino oder Literatur. Männer wurden weicher, sanfter. Der fast kahl rasierte Guardiola, der mit Anfang 40 markanter und attraktiver als mit 25 aussieht, erscheint da noch als Steigerung. Schön mit Hirn.« – Das ging aber gewaltig ins Höschen!
*
Ich hatte Guardiola schon beim Amtsantritt bedauert. Ich fragte: Wie soll dieser »Schöne mit Hirn« den Erwartungen auch nur ansatzweise gerecht werden? Zumal diese bereits unüberbietbar von dem Alten mit Herz erfüllt worden sind, der sich gerade erst verabschiedet hat, mit Triple und Zauberfußball?
*

Ich stellte auch rhetorische Fragen: Warum gilt Pep Guardiola als bester Trainer der Welt? Weil er in Barcelona auf Cruyff aufbauen konnte, der den »Barca«-Stil erfunden hat? Auf Xavi und Iniesta, deren kluges Kurzpass-Tocktocktock erst durch den Genialitäts-Irrwisch Messi Einmaligkeitsgröße erreichte? Ich folgerte, all das, was Guardiola zugefallen und zugeschrieben wurde, werde erst in München auf den Prüfstand kommen. Und wenn er Pech habe, ende er als Bayerns zweiter Klinsmann.
*
Doch jetzt, da die Denkmal-Spechte fleißig picken, stehe ich als einsamer Skeptiker, ohne mich bewegt zu haben, plötzlich in der anderen Ecke. Denn was an Kritik ausgepackt wird, zeugt von Häme und Ignoranz. Lassen wir die Verletzungshäufigkeit mal außer Acht, an der ein ans Manische grenzender Trainer nicht unschuldig sein dürfte. Doch bei der Kritik an Gewichtskontrolle oder an der Abmeldepflicht überrascht doch nur, DASS Profis überhaupt mit Übergewicht im Training aufkreuzen und DASS sie zwischendurch auf Reisen gehen.
*
Apropos zu dick. In den letzten »Montagsthemen« kalauerte ich über den WHO-Alarm (»41 Millionen kleine Kinder zu dick«): »Oder sind die dicken Kinder nur zu klein?« Meine Lösung des Problems war eine Losung: »Treibt Sport!« Da mache ich es mir etwas zu einfach, meint Detlev Oberhell. Womit er natürlich Recht hat. Unser Leser aus Bad Nauheim spricht die Verantwortung der Eltern an, auch der Lebensmittelindustrie, aber vor allem: »Dicke Kinder leben oft in einem Teufelskreis. Denn sie werden nur allzu gerne gehänselt und ausgelacht. Beim Wählen einer Mannschaft ist man oft der Letzte, der genommen wird. Und im Schwimmbad lässt man sich am besten überhaupt nicht mehr sehen. Das Ergebnis: Dicke Kinder machen weniger Sport und werden dadurch immer dicker.«
*
Meinem Sportlehrer in der Schule ist es gelungen, dickere Kinder harmonisch in den Unterricht zu integrieren. Nach dem Gerätturnen durfte Fußball gespielt werden – aber erst, wenn alle Kinder den Sprung über den Kasten geschafft hatten. Die Sportlichen sprangen zuerst locker drüber, dann gaben sie den anderen Hilfestellung, feuerten sie an und feierten sie wie die Weltmeister, wenn sie den Sprung schafften. Die dicken Kinder hatten ihr Erfolgserlebnis, die anderen waren ihnen dankbar und jubelten: endlich Fußball!
*
Übrigens: Es sind nicht nur Dicke, die beim Wählen zuletzt genommen werden. Ich war schlank und wurde manchmal gar nicht genommen. Seitdem hasse ich ungerade Zahlen.
(gw)
*
(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle