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Sport-Stammtisch (vom 6. Februar)

Wir sind der Handball. Was im Handkäsland jeder wusste, weiß nun auch das Drumherumland. Aber wer wusste es zuallererst? Spinoza! Das ist kein Wetzlarer Neuzugang aus Spanien, sondern ein holländischer Philosoph mit portugiesischen Wurzeln. Doch zu ihm später.
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Angelique Kerber und die Handballer erfreuen nicht nur die Herzen der Sportfreunde. In politischen Leitartikeln tauchen sie als personifiziertes »Wir schaffen das!« auf, als Mut machendes Beispiel für »die Erkenntnis, dass man über sich hinauswachsen kann« (»Welt«). Na ja, der Sport wurde schon immer zweckentfremdet, diesmal von Menschen, die bisher einen Handball nicht von einem Fußball unterscheiden konnten.
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Ob die Chinesen das können? Dass die nur der Fachwelt bekannten Martinez und Teixeira für 42 bzw. 50 Millionen ins Reich der Tischtennisbälle wechseln, ließe daran zweifeln, aber irgendwie muss die Wettmafia ja ihr Geld waschen. – Liebe Triaden, bevor ihr mich hochnotpeinlich befragt: Das war nur ein Scherz, mein bescheidener Beitrag zu den Karnevalssitzungen heute Abend. Narrhallamarsch! Ritzamba!
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Keinen Ritz am Ba, sondern einen blutigen an der Hüfte hat sich Ansgar Brinkmann zugezogen, als er mit dem Longboard durch Dänemark surfte. In Internet kursiert ein Video: Brinkmann nach dem schweren Sturz (»Beton verzeiht nicht«), im T-Shirt, es regnet, und er hat eine Dose Jack Daniels in der Hand. Das Fußball-Magazin »11Freunde« vermutet darin eine tiefere Botschaft des Ex-Eintrachtprofis, doch der sagt: »Totaler Quatsch! Das macht man halt mal.«
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»Wir nicht«, merken »11Freunde« an. Brinkmann: »Warum nicht? Was ist los mit euch? Vielleicht seid ihr, seit ihr vier Jahre alt seid, in einer Schablone gefangen und zieht das jetzt durch bis zur Rente.«
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Die Geschichte fällt mir ein, weil sich Brinkmann auf seinen Profistationen einen Ruf wie Donnerhall erarbeitete, aber überall Publikumsliebling war. Ganz so weit ist Änis Ben-Hatira noch nicht. Ihm donnerhallt aber aus Berlin der Ruf des erziehungsresistenten Straßenschlägers nach. Mit diesem Handicap tritt er in Frankfurt an, doch auch eine letzte Chance kann man nutzen. Sportlich hat das ehemals große Talent jedenfalls einiges zu bieten. Und ein Kontrastprogramm zum braven Alex muss ja auch nicht schaden. Als Ersatz oder Ergänzung, wie Veh will, zum wilden Haris.
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Sind nicht nur die »11Freunde«, sondern wir alle in einer Schablone gefangen? Macht das Gehirn mit unserem Willen, was es will? Wieviel Willensfreiheit hat der Mensch? Keine, behauptete vor einigen Jahren die Hirnforschung, die herausgefunden haben wollte, dass das, was der Mensch scheinbar frei entscheidet, von seinem Gehirn schon zehn Sekunden vorher festlegt worden sei. Der Hirnphysiologe Benjamin Libet wies in einem berühmten Experiment angeblich sogar nach, dass selbst bei der scheinbar spontanen Entscheidung, eine Bewegung auszuführen, diese bereits eine Sekunde vor der Ausführung im Gehirn nachweisbar sei.
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Ich hielt das für Quatsch, quätscher geht’s nicht. Nicht, weil ich neurologisches Wissen hätte, das tendiert gegen null. Aber als Sportler konnte ich  den deterministischen Gehirnwindungsmechanikern einfach nicht glauben. Jetzt kippt auch eine Studie der TU Berlin die Libet-Doktrin. Ich hab’s ja gewusst. Mehr als zehn Sekunden vorher.
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Es hätte aber gar nicht dieser Studie bedurft, sondern nur ein paar Minuten Zuschauen beim Handball-Finale. Man stelle sich bloß vor, Andreas Wolffs Gehirn würde schon jeweils eine Sekunde vorher die jeweilige Parade festlegen und anordnen – da weiß der Werfer oft nicht einmal, dass oder wohin er werfen wird. Deutschland wäre im Finale untergegangen.
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Dennoch ist das Thema nicht durch. Nicht für Religion und Philosophie. Und da kommt Spinoza ins Spiel. Er behauptet ebenfalls, dass es keine Freiheit der Entscheidung gebe, und begründet das mit einem Beispiel: Wir sind alle Handball. Er kannte zwar diesen Sport noch nicht, daher begnügte er sich mit einem Stein. Wir bleiben aber am Ball: Spinoza vergleicht den Menschen, der glaubt, einen freien Willen zu haben, mit einem geworfenen Ball, der glaubt, er selbst bestimme die Flugbahn und die Stelle, an der er landet.
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Da täuscht sich der Ball, will uns Spinoza sagen. Hingeworfen in dieses Dasein zieht er seine vorherbestimmte  Bahn, und an der Stelle, an der er landet, wartet schon … Andreas Wolff. (gw)
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(www.anstoss-gw.de gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle