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Schnöselbürschlingsglatt (“35-25-15-5″ vom 4. Februar)

In der Serie »35 – 25 – 15 – 5« veröffentlichen wir Texte aus »gw«-Kolumnen der Jahre 1980/90/00/10, zum besseren Verständnis kursiv vor- und nachkommentiert).
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(Als vor 35 Jahren schwere Stürze die Sportnation schockierten, geißelte das ZDF-Sportstudio den Abfahrtslauf als lebensgefährliche Sensationsshow. Gleichzeitig führte es als – wörtlich – »Leckerbissen« die schlimmsten Stürze noch einmal genüsslich vor.) Man fühlt sich an Aufklärungsfilme der frühen siebziger Jahre erinnert, als in Vorstadtkinos unter dem Deckmantel pädagogischer Aufklärung Sex-Szenen gezeigt wurden. Seht mal, was die da machen! Pfui! So etwas muss doch verboten werden! Pharisäerhafte Sprüche, ohne die damals »unanständige« Filme nicht gezeigt werden durften. Auch im ZDF weiß man, dass man die (Sensations-)Lust nicht ohne erhobenen Zeigefinger befriedigen darf. Dies ist anstößig, unschicklich, unsolide, liederlich und unzüchtig – alles, siehe Duden, Kennzeichnungen für das Hauptwort … Pornographie! (2. 2. 1981)
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(Liebe Bad Nauheimer, auch Gießen hat eine Eishockey-Tradition. Eine eher bescheidene zwar, aber immerhin. Sie war leider schon vor 25 Jahren nur noch Geschichte, als ich im Stehcafé im Seltersweg ein Gespräch alter Cracks belauschte.) »De dicke William Reinert wär beinah eingebroche«, erlauscht der Zuhörer. Er stutzt: Die drei älteren Herren reden ja über einen seiner – und zwar einen legendären – Vorgänger im Sportressort! Der Redakteur anno 91 spitzt die Ohren und erfährt, dass Reinert kurz nach dem 2. Weltkrieg der erste Torhüter der Gießener Eishockey-Cracks war, die auf einer Natureisbahn an der Eichgärtenallee dem Puck nachjagten. Die Gießener Stars hießen damals Helmut Glock, Hermann Preuß und »Fräulein Duill« (was das wohl bedeuten mag?). Ganz nobel im »Adlon« wurde 1954 übernachtet, als man bei Motor Treptow den deutsch-deutschen Sportverkehr eröffnete. Das Spiel fand in der Werner-Seelenbinder-Halle statt, Star war Hansi Sieg, eine Verstärkung aus Bad Nauheim. Handschuhe waren so knapp, dass sie beim Auswechseln ausgetauscht wurden. Die erste Ausrüstung: Unterhemden und lange Unterhosen wurden weinrot eingefärbt, darauf kam das Gießener Wappen, das zusammen mit weißen Arm- und Beinringen sowie den Rückennummern aufgenäht wurde. (6. 2. 1991 / In rot eingefärbten langen Unterhosen den deutsch-deutschen Sportverkehr eröffnet? Wirklich wahr? Na ja, das Gießener Eishockey ruht sanft, um so verklärter erscheint die Vergangenheit.)
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(Als Felix Magath zur Eintracht kam, hatte ich zunächst hoffnungsvoll versucht, in einem Schleifer den Kunsthandwerker zu sehen. Die Ernüchterung kam schnell, und als Magath vor 15 Jahren scheiterte, erinnerte mich sein Fall an Heynckes’ Abgang in Frankfurt.) Magath und Heynckes: Anerkannte Fachleute, die dem egomanischen Trugschluss zu unterliegen scheinen, ihr Rückgrat sei wichtiger als das Herz der Mannschaft. Magath wollte sich in Frankfurt einen neuen Ruf aufbauen. Er hat den alten behalten. Er ist nur ein Saison-Arbeiter, im buchstäblichen Sinn beider Wörter. (30. 1. 2001 / Und es kam noch schlimmer: Die Eintracht wollte Lothar Matthäus! Unbedingt. Wirklich!)  Nicht weil er von den Bayern kommt, nicht weil er Grabi gefoult hat, nicht weil er ein Trainer-Neuling ist – wenn man sich umhört, heißt der wichtigste Grund für die fast einhellige Ablehnung sowohl bei Fans als auch in der intellektuellen Promi-Szene: Matthäus nervt! (13. 2. 2001 / Nicht die Eintracht, sondern Matthäus sagte schließlich ab. Quizfrage für Kenner: Wer wurde neuer Trainer?)
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(Als Dietmar Hopps Wirken in Hoffenheim hart kritisiert wurde, gab ich kontra und würdigte ihn als echten Mäzen. Hopp wollte/will Hoffenheim in der Bundesliga etablieren, aber nicht unendlich wachsen lassen. Das gab mir den Anstoß für einen Satz, der mir, mit Verlaub, von Jahr zu Jahr besser gefällt:) 
Unendliches Wachstum, dieser Fetisch von schnöselbürschlingsglatten Flachseelen des Neo-Liberalismus, funktioniert nur zu Beginn von Schneeball-Systemen, denen früher oder später arglos-gierige Einsteiger zum Opfer fallen (5. 1. 2011 / Es folgten und folgen noch viele Opfer / Ach ja, die Quiz-Auflösung: In Frankfurt kam es zu einem Trainer-Missverständnis namens Dohmen. Dazu mehr in der nächsten 35-25-15-5-Folge) (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle