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Sonntag, 31. Januar, 6.30 Uhr

Vor einem Vierteljahrhundert dachte ich, in einem Vierteljahrhundert werde es keine gedruckte Tageszeitung mehr geben. Klingt heute fast seherisch, obwohl es sie noch gibt. Aber wenn ich mir anschaue, wie ich meine Vorausschau begründet habe, sehe ich, wie sehr ich daneben lag. Ich hatte meine Vermutungen zusammen mit strategischen Planungen dem Verleger vorgelegt, kurz nachdem ich in die Chefredaktion aufgenommen worden war. Ich hatte ihm, mit dem ich ein sportkameradschaftliches Verhältnis pflegte, sogar die Wette angeboten, dass  zum Zeitpunkt meines beginnenden Rentenalters keine Zeitung mehr in die Briefkästen gesteckt werde. Die Wette habe ich schon vor drei Jahren verloren.

Meine Begründungen damals klingen zum Teil zwar auch heute noch aktuell, doch hat sich die Zeit sehr viel langsamer gewandelt als vermutet. Ich dachte an die demographische Entwicklung, dass es zum einen immer mehr Menschen gibt, die eine andere Muttersprache haben und schon von daher keine deutsche Zeitung lesen werden, zum anderen, dass immer mehr deutsche und nichtdeutsche Menschen eine Unterschicht bilden, die bildungs- und zeitungsresistent sein wird. Ist zwar eingetroffen, aber noch (hoffentlich) lange nicht im befürchteten Ausmaß.

Fortschritts- und technikgläubig dachte ich, dass der langwierige Produktionsprozess zwischen Redaktionsschluss  und Zustellung keine Zukunft habe und dass sich der Abonnent die Zeitung morgens zu Hause an einem von uns geleasten Gerät ausdrucken lassen wird, auf wiederverwendbarem Papier, das belichtet und nach der Lektüre wieder ins Gerät geschoben wird. Vor allem aber dachte ich, Hintergrund und Antreiber der Entwicklung werde auch sein, dass es niemanden mehr geben wird, der frühmorgens durch die Straßen geht und Zeitungen in Briefkästen stopft, weil auf die paar Mark Zusatzverdienst niemand mehr angewiesen sein wird. Woran ich überhaupt nicht gedacht hatte, ist das Internet.

Zu meinen Irrtümern gehört auch die Vermutung, dass es nach der Jahrtausendwende eine Hyperinflation geben werde, geben müsse, um die Staatsverschuldungen elegant und brutal aus dem Weg zu schaffen. Doch Inflation erwies sich als die geringste Gefahr, und die monströsen Staatsverschuldungen werden achselzuckend hingenommen.

Noch grotesker als ich hat sich Herman Kahn getäuscht, ein US-Zukunftsforscher, dessen Buch “Ihr werdet es erleben”, ein Bestseller, ich vor einem halben Jahrhundert verschlungen habe. So gut wie alles, was er vorhergesehen hat (zum Beispiel, dass es keine dunkle Nacht mehr geben wird, weil die Nachtseite der Erde von Satelliten aus künstlich beleuchtet wird), ist nicht eingetreten, und was eingetreten ist, hat er nicht im Ansatz vorhergesehen. Zum Beispiel die Völkerwanderung.

An all das will ich denken, wenn ich wieder von apokalyptischen Vermutungen heimgesucht werde. Vielleicht wird ja alles doch nicht so schlimm, so katastrophal, so gesellschaftsumwälzend wie befürchtet.

Die Befürchtungen stecken auch im in der vergangenen Woche gesammelten Material für die dienstägliche Zitaten-Kolumne “Ohne weitere Worte”. Bisher kaum Sport, fast nur Flüchtlingskrise. Das muss ich bis morgen umgeschichtet haben. Eine Stelle aus einem “Zeit”-Artikel würde ich aber gerne ins Blatt bringen, denn sie verbindet Sport mit Merkel. Leider ist sie (die Stelle) viel zu lang, und ob ich sie mit gekennzeichneten Auslassungen – also der (…)-Methode – blattgerecht und ohne Sinnveränderung zurechtredigieren kann, weiß ich nicht. Hier die ungekürzte Stelle:

Im Boxsport gibt es eine alte Weisheit: “You can get the boxer out of the ghetto, but not the ghetto out of the boxer.” Jahrelang trainiert er brav, bringt seinem Manager viel Geld ein, sagt nur die Sprüche, die ihm aufgeschrieben werden, und plötzlich, BAMM!, beißt er seinem  Gegner ein Ohr ab, verprügelt den Ringrichter und fährt danach mit seinem Lamborghini im Central Park ein Rudel Dalmatiner-Welpen tot. So was gilt neuerdings auch in der Politik: “Du kriegst die Frau aus dem Pfarrhaus, aber du kriegst das Pfarrhaus nicht aus der Frau.” Jahrelang betreibt sie  empathielose Realpolitik, lässt sich von darbenden griechischen Rentnern so wenig rühren wie von Ukrainern, die nach Waffen verlangen, und plötzlich, BAMM!, fängt sie unvermittelt an zu lächeln, macht Selfies mit Syrern und holt Millionen Flüchtlinge ins Land. Plötzlicher Ausbruch angestauter Mitleidsgefühle – so etwa wird derzeit Angela Merkels merkwürdige Flüchtlingspolitik erklärt, die in Europa fast niemand mehr unterstützt.” (Autoren: Matthias Krupa und Bernd Ullrich).

Während des Abschreibens fällt mir ein, wie ich das lange Zitat “Ohne weitere Worte”-tauglich machen kann. “Ihr werdet es erleben!”

Bevor ich an die “Montagsthemen” gehe, möchte ich meine Ansichten zur Flüchtlingskrise, die ich zuletzt im Blog mehrfach und weitschweifig dargelegt habe, in einem Satz zusammenfassen, der klar machen soll, dass es nicht um  die Verallgemeinerung “Flüchtlinge” geht. Also:

Mehr Mitgefühl für unfreiwillig Geflüchtete, die Schlimmes erlebt haben, mehr Härte gegen kriminelle Schmarotzer, mehr Kosten-Nutzen-Abwägung bei Menschen, die aus wirtschaftlichen Gründen kommen.

Und das können wir wirklich schaffen. Aber nur in diesem Dreiklang.

 

Baumhausbeichte - Novelle