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Sport-Stammtisch (vom 30. Januar)

Der Stoff, aus dem der »Anstoß« ist, soll den großen Sport – wie momentan Handball und Tennis – nur streifen und Zeitungsleser anlocken, die den Sportteil uninteressiert überblättern. Das jedenfalls war mein Ziel, als ich diese Kolumne erfand, tief im vergangenen Jahrhundert. Übrigens auf einer griechischen Insel, die den Themen-Spagat symbolisiert, denn vor mir lebte dort Sappho, und nach mir kamen die Flüchtlinge: Lesbos.
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Beginnen wir also mit einem absurden Theater, in dem sich Stefan Effenberg und Hannes Wader, Paderborn und die Türkei, sexuelle Belästigung, Emanzipation und ein blaugeädertes Unding die Hauptrolle teilen. Szene: Trainingslager des Zweitligisten Paderborn in der Türkei. Ein volltrunkener Fußballprofi lässt nachts an der Bar kurz die Jogginghose runter (Jogginghose? So viel zum modischen Stil) – oder ein, hahaha, schelmischer Mitspieler zuppelt sie ihm runter, noch laufen die hochnotpeinlichen Ermittlungen. Man sieht, da (siehe Stil) unterhosenfrei, Popo und Pimmel. Frau nicht, oder sie will es klugerweise nicht sehen. Dafür schauen zwei mitgereiste Reporter ganz genau hin und melden den Skandal in die Heimat. Sexuelle Belästigung! Klasse Thema, vor allem in diesen Tagen. Das fetzt, das klickt.
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Die »sexuell belästigte« Frau fühlt sich nur durch die Berichterstattung belästigt. Sie hat Stil, thront souverän über den männlichen Armseligkeiten, und wäre ihr der PPP (Popopimmelproll) wirklich zu nahe gekommen, hätte sie eher im Sinne von Hannes Wader gehandelt. Der alte Barde sang einst das Lied vom Exhibitionisten, der sich im Bett verkriecht und schämt – denn als er sich einigen Kindern »in schamverletzender Weise« genähert hatte, liefen die Knilche johlend auf ihn zu und »riefen, er solle sich mit seinem blaugeäderten Unding wegscheren«.
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Nun muss sich der Profi wegscheren. Beinahe hätte auch der Trainer gehen müssen. Wäre ich Sportchef in Paderborn, müssten alle gehen. Weil: Den wahren Skandal hat niemand thematisiert. In den wenigen Tagen des Trainingslagers hat Effenberg seinen Spielern zwei volle Tage frei gegeben, so dass die Nächte an der Bar (es war nicht nur eine) mehr Zeit beanspruchten als das Training. Beinahe hätte ich gesagt: Das gibt’s nur im Fußball. Aber ich vermute, das gibt’s nur in Effes Paderborn.
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Und ich vermute, dass diese Kolumne ganz nach dem Geschmack von Heinz Jürgen Burger ist, der idealtypisch den Leser verkörpert, den ich nicht vorbeiblättern lassen möchte: »Ich teile Ihre Leidenschaft für den Sport nicht, bin aber trotzdem ein treuer Leser Ihrer Kolumne.« Im »Sport-Stammtisch« vom vergangenen Samstag hat ihn das letzte Wort »besonders begeistert: gestumbbd. Köstlich! Ich (Jahrgang 1948) habe dieses Wort jahrzehntelang nicht mehr benutzt oder auch nur gehört. Und in Schriftform ist es mir sowieso noch nie begegnet. So kann man – zumindestens mir – mit einem einzelnen Wort ein Schmunzeln ins Gesicht zaubern.«
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Auch Werner Haaser (Gießen) schmunzelt: »Mir fiel sofort eine eigene Begegnung mit dem Wort ein: In den 80ern war ich Stammgast in der ›Brezel‹ im Riegelpfad, wo ein Frank bediente, der gerne ein T- oder Sweat-Shirt trug, auf dem stand ›net stumbe‹. Zu der Zeit hatte ich täglich mit britischen und amerikanischen Programmierern zusammengearbeitet und war ganz auf Englisch gepolt. So dachte ich viele Monate, dass das ›net stumbe‹ irgendein englischer Begriff, vielleicht aus der Musikszene, sein müsse, bis mir eines Tages meine hessischen Augen aufgingen.«
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Nicht ganz einverstanden »mit Ihrer Laudatio zu Marcel Reif« ist Wolfgang Happich, denn »dem wissenden Leser fällt ein für einen Reporter wichtiger, wenn nicht der wichtigste, fehlende Punkt auf: Objektivität. Leider fehlt diese Eigenschaft dem Reporter und Kommentator Marcel Reif.« Ähnlich sieht es Barbara Tomsch aus Reichelsheim: »Ein arroganter Pinsel ist er sicherlich – aber umfassend gebildet? Ich erinnere mich an eine Ratesendung, in der er an Stelle von Besitzern eines Lotto-Loses Fragen beantwortete; er lag dabei reichlich oft daneben.« Ja, auch ich erinnere mich. War fast so peinlich wie ein Quiz-Versagen des ähnlich schlauen Harald Schmidt (erinnern Sie sich, wie sehr ihn das sichtbar wurmte?). Aber ich sollte nicht spotten, denn in ähnlicher Situation würde ich jeder Beschreibung spotten.
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Die »schmunzelnde Leserin« aus »Ihrer liebsten Zielgruppe« legt ihrem handgeschriebenen Brief eine Karte bei. »So sieht Emanzipation aus!«, erklärt sie. Ich drehe die Karte herum, lese ein Wort (»Frauen-Power«) und sehe ein Foto: Mann und Frau Hand in Hand, von hinten, er groß und kräftig, sie fast zwei Köpfe kleiner. In der jeweils freien Hand trägt er einen Sechser-Pack, sie einen vollen Zwanziger-Kasten.
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Herrlich. Dass beide wirken, als seien sie im Osten der Republik heimisch, ist sicher nur ein dummes Vorurteil von mir. Ähnliches gilt für zwei seltsame Verleser, die mir jüngst unterlaufen sind. Als das Unwort des Jahres verkündet wurde, las ich statt »Gutmensch ist das Unwort des Jahres« verblüfft: »Gutmensch ist der Unmensch des Jahres.« Na ja, wenn man’s vom Ende her denkt …
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Genauso erstaunt war ich, als der FC Bayern München den Flughafen Doha als neuen »Platini-Partner« vorstellte. Das »i« hatte sich voll Freud eingeschlichen, denn der geschasste UEFA-Boss war samt Verwandtschaft als Partner von Katar reines Platin wert. Aber Vorsicht, FC Bayern: Doha ist kein sicherer Hafen mehr. Fragt Platini, fragt Coe. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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