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Sonntag, 24. Januar, 7.20 Uhr

Von wegen “senile Bettflucht”.  Eine Stunde später als sonst aufgewacht. Verschlafen! So wirkt auch unser Dorf hier oben auf dem Berg. Kleinster Teil der Großgemeinde, weit ab vom Schuss und von den Widrigkeiten der Welt … denkste!

Es brodelt. Auf dem Kirmesplatz am Dorfrand wird seit dem Wochenende hektisch gearbeitet. Bis in die Nacht. Der Platz ist in Windeseile planiert worden, offenbar wird sofort gebaut. Nur was?

In dem Dorf überlappen die Verbreitungsgebiete von drei Lokalzeitungen, außerdem gibt es ein Gemeindeblättchen mit offiziellen Mitteilungen. Baumaßnahmen wie die mysteriöse auf dem Kirmesplatz werden monatelang vorher lang und breit bekakelt, zumindest im Gemeindeblättchen, aber nachrichtlich auch in den Zeitungen erwähnt.

Diesmal nichts.

Die Gerüchteküche kocht. Die Dumpfbacken-Demo-Szene und die neue Partei hätten ihre helle Freude. Was im Dorf getuschelt, gesagt und getönt wird, würden sie sich nicht trauen.

Alle glauben zu wissen: Die Flüchtlinge kommen, schon am Dienstag ziehen sie ein, niemand sagt uns was, die Lügenpresse nicht, die Gemeinde nicht, die stecken sowieso alle unter einer Decke.

Ohnmächtige Wut, befeuert von Schreckensszenarien. Leute, passt auf eure Hunde auf! Lasst die Katzen nicht mehr raus! Das sind noch die harmlosesten Befürchtungen.

Die Lügenpresse lügt nicht, und sie steckt nicht mit der Politik unter einer Decke. Das kann ich aus über 40-jähriger Berufserfahrung versichern. Aber ich weiß auch: In all den beschaulichen Jahren hat sich eine Art Nomenklatura entwickelt, eine Gemeinschaft der Wissenden, die das Recht der Bevormundung auf ihrer Seite wähnt. Da wird in Details gestritten, dass die Fetzen fliegen, aber im Großen und Ganzen ist man sich einig.

Wird der Kirmesplatz vielleicht nur offiziell zum  Parkplatz umgewidmet, als der er gewohnheitsrechtlich schon immer genutzt wird? Möglich. Aber nicht sehr wahrscheinlich, denn das wäre schon lange bekannt, da, siehe oben, vorab lang und breit bekakelt.

Wahrscheinlich werden in der Tat Flüchtlingsunterkünfte gebaut, still und heimlich, um die Bevölkerung nicht aufzuschrecken. Woran man sieht, wie weit weg die Institutionen von ihren Bürgern sind. Warum greifen die Zeitungen, leider auch meine, das Thema nicht auf? Dass sie vom Brodeln wissen, weiß ich. Sonst weiß ich, der Rentner auf dem Berg, nichts.

Es gibt keine Lügenpresse, und die Presse steckt nicht mit der Politik unter einer Decke. Aber wie ungeschickt! Wie unsensibel!

Ein Kommunikations-Desaster. Hier im Kleinen, dort und überall im Kleinen und daher auch im Großen.

Es könnte böse enden.

Wir schaffen das, dass es uns schafft.

So, Apokalypse abgehakt. Jetzt Business as usual. Montagsthemen. Was soll ich schreiben? Noch keine Ahnung. Noch kein blasser Schimmer. Aber das wird schon. Wie immer. Ich schaffe das.

 

Baumhausbeichte - Novelle