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Montagsthemen (vom 25. Januar)

Ohne gegnerische Einwirkung sackt Jerome Boateng zusammen. Nach ersten, seltsam vagen Diagnosen heißt es, er werde lange ausfallen. Ungefähr so lange ist auch die mysteriöse Verletztenliste der Bayern. Beisst sich »MW« jetzt auf die Zunge, der schnellste langhaarige Dreiundsiebzigjährige der Welt? Warum verlangt Pep Guardiola von den Bayern-Ärzten, »verletzte Spieler so schnell wie möglich in Bestform« zu bringen? Weil seine »Super-super«-Spieler nur Figuren in einem Playstation-Ego-Match sind? Wie lange noch können sich die Bayern selbst schwächen, bis ihr dem gemeinen Fußball entschwebtes Können auf das der internationalen Gegnerschaft abgesunken sein wird? Reicht es bis zum einzig wichtigen Endspiel? Oder nur bis zum Halbfinale? Oder gar …?
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Obwohl der HSV im Rahmen seiner limitierten Kräfte rackerte und die Bayern sich unter ihrem Niveau abmühten, war ich froh, den mühseligen Kick live gesehen zu haben; denn in der Halbzeitpause trat der Bundestrainer vor die Kamera und gab zu, sein Nachtreten gegen Kevin Großkreuz sei »schlechter Stil« gewesen. Da konnte ich noch schnell den Computer anwerfen und den »Sport-Stammtisch« für Samstag, in der ich Löws schlechten Stil kritisiert hatte, mit der aktuellen Anmerkung ergänzen, dass das Zugeben schlechten Stils guter Stil sei. Und das verdient, am Montag wiederholt zu werden.
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Schlechten Stil zugeben ist guter Stil – das klingt ähnlich paradox wie: »Es ist schwierig, eine Brille ohne Brille zu finden.« Nämlich die Ersatzbrille für die beim 5:4-Jubel zu Bruch gegangene von Jürgen Klopp. Damit hatte er die Lacher wieder einmal auf seiner Seite. Mich sowieso. Dennoch will ich  nicht verschweigen, dass die Verletzten-Lage in Liverpool der von München ähnelt. Da Klopp aber ganz sicher kein Ego-Player an der Konsole ist, muss es mehrschichtigere Gründe  geben als mein genannter. Oder ist am Ende alles nur Zufall? Warum sind Müller oder Lewandowski nie verletzt?
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Fragen über Fragen. Für von sich selbst überzeugte Antworten müssen Sie andere befragen. Zum Beispiel jene, die herausgefunden haben, dass die Bayern mit am wenigsten trainieren. Aber wie misst man das? Bei dem, was hinten rauskommt, ist immer am wichtigsten, was man vorne reinsteckt. Zum Beispiel die aktuelle statistische Erkenntnis, dass die 62 Reichsten reicher sind als der Rest der Welt. Die Zahl 62 beruht aber bei näherem Hinsehen auf nicht nachprüfbaren Annahmen.  Im Grunde bestätigt die Statistik nur, was die Welt  seit Äonen weiß: Die reichsten Reichen sind so unermesslich reich, wie die ärmsten Armen unfassbar arm sind.
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Bemerkenswert auch: Wer 3000 Dollar besitzt, sei reicher als die Hälfte der Welt. Was man daraus für die Flüchtlingskrise schließen könnte, lasse ich lieber ungeschrieben. Das wird mancher  in seinem Sinne interpretieren: Wieder einer, der die Wahrheit verschweigt! Aber aus über 40-jähriger Berufserfahrung weiß ich: Es gibt keine »Lügenpresse«, sie steckt auch nicht mit der Politik unter einer Decke. Nur: In all den Jahren hat sich eine privilegierte Gemeinschaft der Gleichgesinnten formiert, die das Recht der Bevormundung auf ihrer Seite wähnt. Nun mucken die Bevormundeten auf, mal dumpf, mal gescheit, mal empört, mal ängstlich, mal alles zusammen.
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Aber auch ich habe etwas verschwiegen. Zur Rallye Monte Carlo gehört seit Jahrzehnten die legendäre »Nacht der langen Messer«. Eines Jahres rief ein Leser an und verbat sich diesen Begriff, weil er von den Nazis für die Judenverfolgung geprägt worden sei. In vorauseilender deutscher Befangenheit vermied ich fortan konsequent die »Nacht der langen Messer«, was jedoch zu verbalen Eiertänzen führte, da wir als einzige deutsche Zeitung über die »Nacht der langen Messer« berichteten, ohne sie wörtlich zu erwähnen – obwohl die »Night of the Long Knives« schon bald zweitausend Jahre auf dem angelsächsischen Buckel hat.
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Auf mich trifft also auch der unsterbliche Spruch von F. W. Bernstein zu: »Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche.« Tierisch näher fühle ich mich jedoch dem Lurch von Heinz Erhardt. Da mein »Anstoß«-Motto  seit einigen Jahren unerwähnt blieb,  sei es in Erinnerung gerufen: »Mal trumpft man auf, mal hält man stille, / mal muss man kalt sein wie ein Lurch, / des Menschen Leben gleicht der Brille: / Man macht viel durch.« (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle