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Sport-Stammtisch (vom 23. Januar)

Boris Becker ist Trainer, nicht Berater von Novak Djokovic. Hoffentlich. Denn Djokovic war schlecht beraten, als er Gerüchte über seine Beteiligung an den Manipulationen als »reine Spekulation« abtat. Sprachungeregelt heißt das: Das müsst ihr mir erst einmal beweisen!
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Mit den Wetten steigt auch die Zahl der Straftaten. Das ist keine Anspielung auf ein gewisses aktuelles Problem, sondern eine nüchterne Feststellung. Vor einigen Jahren lud die Wett-Lobby einflussreiche »Entscheider« in ein Luxushotel auf Sylt ein. Einziger Tagesordnungspunkt: Propagierung eines liberalisierten Marktes für Sportwetten und Online-Poker. Auf dem Programm stand ein Grundsatzreferat über die »Potenziale von Online-Poker« und dessen Wandlung »vom Nischendasein zum Volkssport«. Referent: Boris Becker. Kein Scherz!
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Volkssport also. Hauptargument der Befürworter einer Liberalisierung ist ihre Behauptung, dadurch die illegale Zockerei auszutrocknen und Wettbetrug zu verhindern. Aber umgekehrt ist richtig! Oder sinkt die Totschlagquote, wenn wir Gewaltanwendung legalisieren?
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Doch die Zockerei ist nicht aufzuhalten. Ohne sie  bliebe in der Bundesliga manche Trikotbrust ungesponsort, und Olli Kahn müsste sich andere »gute Hände« für sein Werbezubrot suchen. Homer wusste schon vor 2800 Jahren: »Mancher Menschen Weltanschauung ist nur eine Geldanschauung.« Wer glaubt, hier schreibe ein moralisierender Biedermann, der von Tuten und Blasen und Zocken keine Ahnung hat, dem sei der Online-Anstoß »Sport, Gott & die Welt« empfohlen (Link   »Sport-Leben«, etwa bis zum zweiten Drittel des langen Textes scrollen).
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Zocken und Geldanschauung – es wäre interessant zu wissen, was Uli Hoeneß heute davon hält. Dass er bald freikommt, findet nur eine Minderheit von Befragten in Ordnung. Die Mehrheit aber würde Hoeneß am liebsten noch länger »wegsperren«. Ich nicht. Immerhin hat er schon länger gesessen als andere Ersttäter und viel länger, als jene ein Gefängnis von innen sehen werden, die in Köln … ach, lassen wir das.
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Lieber Fußball. In England spielt Klopps Liverpool schon so ähnlich wie Klopps Dortmund. In der letzten Hinrunde. Sie rennen wie die Hasen, spielen meist überlegen, versemmeln aber zu viele Chancen und haben keinen Plan B. Das kann sich natürlich alles noch zum Positiven ändern, siehe BVB-Rückrunde, aber bei mir klingelte die Alarmglocke, als ich von Jürgen Klopp den Satz las, den ich einmal die »armseligste aller Trainer-Phrasen« nannte: »Ich kann die Tore ja nicht selbst schießen.« Schade. Hätte ich einem wie Klopp nicht zugetraut.
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Einem wie Löw habe ich zugetraut, Kevin Großkreuz derart gnadenlos in den Senkel zu stellen. Das hat Methode beim Bundestrainer. Wer nicht zu den braven Bubis gehört, schwächelt und/oder nicht mehr zu gebrauchen ist, wird abserviert und bekommt einen Tritt gratis. Siehe Ballack, Kuranyi oder Schmelzer. Großkreuz noch kleiner zu machen, als er schon ist, gehört sich nicht für einen Trainer von Welt.
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Endlich mal ein tolles Vorabendprogramm im Fernsehen! Immer, wenn Handballer ihre großen Turniere bestreiten, fragt sich die Sportwelt aber auch: Wie ist es bloß möglich, dass diese Jungs fast täglich spielen, während Fußballer schon über  eine »englischen Woche« jammern? Wenn man hört, dass ein paar Tage Trainingslager die Basis für die Rückrunde liefern sollen, wobei sogar Freizeit und Tandaradei nicht fehlen dürfen (gelle, Pep?!), könnte man populistische Vorurteile pflegen. Aber dazu ist die Sache zu komplex.
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Nur in Tagen wie diesen genießen die Handballer außerhalb Mittelhessens und anderen wenigen Hochburgen so viel positive Aufmerksamkeit. Zuvor und danach macht man sich gerne lustig über uns, auch über die Namen unserer Hotspots. Die »Süddeutsche Zeitung« juxte einmal über »Dutenhofen und Münchholzhausen: Man muss sich diese Wörter auf der Zunge zergehen lassen.« Und die »Zeit« beschimpfte Handball als Sport »für Bauerntölpel«, eine »brutale Freizeitbeschäftigung für Grobmotoriker. Ein Sport, bei dem man hauptsächlich feste werfen muss, und anscheinend wirft man besonders fest in der deutschen Provinz. Die anderen Spiele dort heißen Freiwillige Feuerwehr oder Kaninchenzüchten.«
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Derartige Diskriminierung erlebte auch ich als Handballer, der leider in der Tat hauptsächlich nur feste werfen konnte. Überschrift in einer Kasseler Zeitung: »Der rote Bulle schlug zu.« Körperliches Merkmal einer Minderheit (Rothaarige) und Verbalinjurie aus der Tierwelt – das würde sich heutzutage keine Zeitung mehr erlauben. Außerdem war es Notwehr: Ein Kasseler trat mir absichtlich auf den Fuß, und ich hab ihn nur ein bisschen gestumbbd.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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