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Sport-Stammtisch (vom 16. Januar)

Dicks dickes Ding. Pound leitet die Untersuchungskommission, beschuldigt alle Mitglieder der Führungsebene des Leichtathletik-Weltverbandes der Mitwisserschaft im Dopingskandal, spricht aber deren Boss von aller Schuld frei. Sebastian Coe sei einfach der Beste für diesen Job. Simply the best. Ganz schön simpel. Dreistes Stück von Richard »Dick« Pound. Als hätte er in Blatters schillerndsten Zeiten ein Praktikum bei der FIFA absolviert.
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Die beeindruckende Vita von Sebastian Coe: Als Superläufer von Nike gesponsert, heuert ihn der US-Gigant später als Manager an. 2021 feiert Nike 50. Geburtstag. Als Geschenk findet die WM 2021 in Eugene statt, dem Nike-Stammsitz. Zum Zeitpunkt der »Wahl« (ohne Ausschreibung) ist Coe IAAF-Vizepräsident. In seinem »Brot«beruf im Sportmarketing sorgt er unter anderem dafür, dass Baku die grotesken Europaspiele bekommt. Auch Olympia 2012 in London gilt als sein Verdienst. Geadelt wird er aber schon viel früher, 2000, man darf vermuten, vor allem wegen seiner Goldmedaillen und Weltrekorde. Die läuft er in einem verdächtig tiefroten Bereich. Schwamm drüber – sauber! Zwei seiner Goldmedaillen gewinnt er 1980 in Moskau. Wie? Moskau? Da hat der Westen doch boykottiert? Falsch. Er hat den Boykott grimmig angekündigt. Richtig durchgezogen hat ihn, neben den USA, nur die Bundesrepublik. Und nun weiß Coe als Boss der IAAF rein gar nichts davon, dass und was seine Kollegen gemauschelt, getrickst und verbrochen haben. Simply the best.
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Aber Scheinheiligkeit ist kein Alleinstellungsmerkmal von Sportfunktionären. Als ich lange vor dem »Alphorn-Dilemma« (»Anstoß« vom Donnerstag) zum ersten Mal über eine gewisse Realitätsverdrängung unserer lupenreinen westlichen »Amateure« schrieb, die sportliche und finanzielle Nachteile gegenüber den »Staatsamateuren« des Ostens beklagten, wurde ich bei einer Athletentagung 1980 als »Nestbeschmutzer« beschimpft, der »uns noch das Finanzamt auf den Hals jagt«. Denn damals kassierten die Spitzenathleten schon Gelder von Verein, Sporthilfe, Sportschuhfirmen (andere Sponsor-Firmen gab es allerdings kaum) sowie Meeting-Veranstaltern. Die Besten kamen monatlich auf stolze Summen im höheren einstelligen Tausenderbereich – unversteuert natürlich, da »Amateure«. Damals, das heißt: Ende 70er, Anfang 80er. Heute? Da fehlt mir der Einblick, und Vermutungen lasse ich lieber.
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Düsseldorf. Kein Stadtstaat, aber Startstadt der Tour 2017. Es beginnt mit einem Einzelzeitfahren, vom Streckenprofil wie gemalt für Tony Martin. Gelb für den Deutschen in Deutschland gilt als sicher. Was ja auch der Sinn der Sache ist. Zum Glück haben wir keinen ambitionierten Bergspezialisten. Der Brodtberg, die höchste Erhebung im Regierungsbezirk Düsseldorf, misst gerade mal 379 Meter.
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Lance Armstrong wird in Düsseldorf nicht dabei sein. Aber er startet wieder. Mitte Dezember gewann er den »Woodside Ramble«, einen Volks-Geländelauf in der Nähe von San Francisco. Er lief die 35 Kilometer in drei Stunden, zwei Minuten schneller als der Zweite. Skandal? Ach was. Zwar versuchte mancher drüben und hüben, die Skandalmaschine anzuwerfen, doch keiner der Teilnehmer beschwerte sich, auch der geschlagene Zweite nicht, und langsam dämmerte es selbst den stets Empörungsbereiten, dass es hier nichts zu skandalisieren gibt. Privater Lauf, Privatsache.
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Armstrong hat natürlich besonders fies gedopt, aber nur dafür soll und muss er büßen. Zu seinen bevorzugten Dopingmitteln gehörten neben Epo auch Steroide. Über gesundheitliche Risiken wurde oft und dramatisch gewarnt. Und damit kommen wir zu einem ungelösten Rätsel der Gegenwart: Zwar gab es zuletzt kleinere Schlagzeilen über eine mögliche Thrombosegefahr bei der Anti-Baby-Pille, doch in dem halben Jahrhundert, die sie nun schon auf dem Markt ist, habe ich nie gehört, dass vor der grundsätzlichen Eigenschaft der Pille gewarnt wurde: Sie ist im Grunde genommen genauso ein Steroid wie Anabolika. Und selbst der wahnwitzigste Doper schluckt in seinem Sportlerleben insgesamt nicht so viele Steroide wie eine Frau in ihrem gebärfähigen Leben, da der Doper nur ein paar Wochen im Jahr die Pille nimmt, die Frau aber täglich.
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Über Risiken und Nebenwirkungen von »Mein Kampf« wird dagegen streng gewarnt. Nach frühen Eigenversuchen gebe ich Entwarnung. Im Bücherregal meines Vaters stand neben »In Stahlgewittern« (spannend, aber grässlich, gruselig) auch »Mein Kampf«. Ich fing an zu lesen … und hörte bald wieder auf. Ein unerträglich langweiliges Geseiere. Später habe ich noch mehrmals versucht, darin zu lesen, und bin immer wieder gescheitert. Ich konnte mich, obwohl junger Linker, nicht mal aufregen über diese verkrampfte, armselige Rumschwadroniererei eines offensichtlich Irrsinnigen. Man sollte, wie damals jedem Ehepaar, heute jedem Neonazi ein Exemplar schenken und ihn dazu verdonnern, das Zeugs von vorne bis hinten zu lesen. Wer straffällig wird, müsste zehn Seiten auswendig lernen. Es gäbe keine Neonazis mehr. Sie würden vor Langeweile sterben.
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Es gibt noch Totilas-Nachwuchs, denn der Hengst nimmt keine Pille. Allerdings ist der Kurs einer Portion Totilas-Sperma dramatischer abgestürzt als die chinesische Börse: um 70 Prozent von 8000 auf 2500 Euro. Der einst so charismatische Hengst wird in diesem Geschäft immer unattraktiver, demnächst übernimmt seine Aufgabe wieder der Gaul im eigenen Stall. Fast wie im richtigen Menschenleben.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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