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Das Alphorn-Dilemma (“Anstoß” vom 14. Januar)

Als deutsche Sportlerin des Jahres stand die Kugelstoßerin Christina Schwanitz zum Jahreswechsel im Rampenlicht und nutzte die große Bühne zum Rundumschlag gegen »das deutsche Sportsystem«, in dem der Fußball alles überstrahle und der Rest kaum zähle. Stimmt zwar – aber das hat nichts mit dem Sportsystem zu tun, sondern mit dem Geschmack der Massen. Schwanitz bedauert, »dass man in der heutigen Zeit, wo man Weltniveau bietet, nicht davon leben kann«. Aber warum sollte man bzw. frau davon leben können, eine Eisenkugel möglichst weit zu stoßen, was nur eine im Vergleich zum Fußball verschwindend geringe Zahl von Sportfreunden interessiert?
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Vor nicht allzu langer Zeit beklagte auch der Geher André Höhne die »Missachtung« seines Sports. Im Gehen wird zwar manchmal (regelwidrig) gelaufen, aber die Disziplin ist, wie Schwanitz’ Kugelstoßen, nicht gerade überlaufen. Und dennoch verdiente Höhne den Lebensunterhalt für sich, Frau und Sohn in einer Sportfördergruppe der Bundeswehr und fürchtete nur, dass dies nach dem Karriere-Ende nicht mehr der Fall sein könnte. Jahrelange familiäre Rundumversorgung als Missachtung?
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Auch Schwanitz, die Arme, muss ihren Lebensunterhalt als Sportsoldatin verdienen. Wie die große Mehrzahl deutscher Olympioniken – bei den Winterspielen in Sotschi standen drei Viertel der deutschen Mannschaft im Sold von Bundeswehr, Polizei oder Zoll. Gemeinsamkeit: Dienstzeit ist Sportzeit.
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Stolz auf »seine Truppe«, verriet der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Jung schon 2006 einige deutsche Wintersport-Erfolgsgeheimnisse: Die Bundeswehr habe im Jahr »fast 27 Millionen Euro für die Sportförderung« ausgegeben, vor allem für Sportarten, die »ohne staatliche Hilfe nicht die Chance hätten, Spitzensportler hervorzubringen. Wenn wir die Bundeswehr nicht hätten, stünden wir im Medaillenspiegel auf Platz dreizehn.« Aha! Na und?
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Ist es Missachtung von Randsportarten, wenn deren beste Vertreter sich nicht auf Afghanistan vorbereiten müssen, sondern für Olympia trainieren dürfen? Diese »Grundausbildung« der Sportsoldaten bezahlen wir mit unseren Steuern, ihre Gagen und Prämien zum größten Teil ebenfalls – mit Fernsehgebühren (Senderechte) sowie mit all den Produkten von Sponsoren, die ihre Ausgaben in ihre Waren einpreisen.
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Schwanitz & Co. jammern also auf hohem Niveau. Doch das hat Tradition, immer mit Blick auf den Profifußball, und war schon Thema einer meiner ältesten Kolumnen  (»Angebot und Nachfrage im Spitzensport«/1976!). – Es folgen einige Auszüge.
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»Viele Menschen sind gerne bereit, die Darbietungen bewunderter Spitzenkönner zu honorieren – seien es Musiker, Maler, Dichter, Artisten oder Sportler. Da sich die Nachfrage nicht auf alle Gebiete gleichmäßig verteilt, ist es selbstverständlich, dass ein Spitzentenor Spitzengagen erhält, selbst der genialste Alphornbläser aber keine Millionen scheffeln kann. Auf den Sport übertragen: Die Nachfrage nach einem Franz Beckenbauer ist nun einmal größer als die nach einem Gewichtheber, Kanuten oder Geher, selbst wenn dessen Leistung noch über Beckenbauersche Dimensionen hinausgeht. Jeder kann und darf Sport treiben, niemand wird zu Spitzenleistungen gezwungen. Wer dennoch Einmaliges vollbringen will, muss sich, wie in allen anderen Gebieten auch, über die Risiken im Klaren sein. Der Erfolg kann süß sein, Misserfolg sehr bitter. Chancen und Gefahren spornen aber auch zu großen Leistungen an.«
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Dem ist auch heute nichts hinzuzufügen – außer den vielen Steuer-, Sponsor- und öffentlich-rechtlichen Millionen, die mittlerweile Christina Schwanitz und anderen »Alphornbläsern« ihre Lebensabschnitts-Leidenschaft finanzieren.
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Dass deren Leistungen oft mehr Bewunderung und Honorierung verdienen als das Gekicke manches Fußball-Millionärs, steht auf einem anderen Blatt. Über Geschmack lässt sich nicht streiten, oder, wie Oscar Wilde sagt: »Schönheit liegt im Auge des Betrachters.« (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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