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Montagsthemen (vom 11. Januar)

Heute kürt die FIFA den Weltfußballer des Jahres. Den Welttorhüter kennen wir ja schon: Manuel Neuer. Wer sonst? Dazu hätte es keiner Wahl bedurft, schon gar nicht die der Föderation für Fußball-Historie und -Statistik (IFFHS). Hinter dieser Organisation, vermutete ich schon im ausgehenden 20. Jahrhundert, verbergen sich ungefähr so viele Menschen wie hinter dem Kürzel »gw«.
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Der Mensch hieß Alfredo W. Pöge. 1984 gründete er die IFFHS in Leipzig, wurde – deshalb? – aus der DDR ausgewiesen und lebte seitdem in Wiesbaden. Über Pöge und seine IFFHS, die aberwitzigste Fußball-Rankings bastelt, habe ich mich von Beginn an amüsiert. Zum Beispiel, als die IFFHS einen gewissen Archibald Stark zum besten Torjäger aller Zeiten kürte. Stark hatte in der Saison 1924/25 für den FC Bethlehem Steel in den USA 67 Tore geschossen.
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Mit meinem Spott stand ich lange allein. Adidas sponsorte die Wahl, eine Hotelkette stieg ein, sogar echte Weltstars kamen zur bombastischen Gala in Fulda, die vom ZDF-Sportstudio übertragen wurde. Während ich mich mit der Naivität des reinen »Anstoß«-Toren wunderte, zelebrierte die Fußball-Welt dieses Brimborium, und jede Zeitung druckte jede der kuriosen IFFHS-Weltbestenliste ab.
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Erst spät keimten Zweifel auf. Zuerst verzichtete »dpa« auf IFFHS-Ranglisten, dann spottete der »Spiegel«, dann fast alle, aber ich nicht mehr, denn im Mainstream wird Spott bösartig. Spott hatte ja auch nicht Herr Pöge verdient, denn es gibt viele ebenso harmlose und unsinnige Hobbys wie die der Fußball-Statistikerei. Nicht Pöge war peinlich, sondern alle, die seinen Rankings öffentliche Aufmerksamkeit verschafften.
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Anfangs hatte ich sogar vermutet, Alfredo W. Pöge sei ein Wolpertinger, also ein dicker Hund, den es gar nicht gibt. Doch es gab ihn wirklich, er soll 2013 in seiner Wahlheimat Wiesbaden gestorben sein. Was auch meinen Spott widerlegt, dass sich hinter der IFFHS so viele Menschen verbergen wie hinter dem Kürzel »gw«, denn die IFFHS-Wahlen gibt es immer noch, seit Pöges Tod geführt von Saleh Salehem Bahwini aus Saudi-Arabien. Ja, wirklich!
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Und dennoch drucken und plappern auch heute noch viele Medien die IFFHS-Wahlen ab und nach. Sogar der FC Bayern verkündet auf seiner Homepage die frohe Neuer-Botschaft. Da springe auch ich über meinen Schatten: Weltbester IFFHS-Klub 2015 war der FC Barcelona, vor Juve, Neapel und den Bayern. Neugierig geworden, scrolle ich als hessischer Lokalpatriot in der im Internet einzusehenden Rangliste weit nach unten, bis Platz 197 und Nasaf Qarshi aus Usbekistan, doch weit und breit keine Spur von unser aller Eintracht. Das muss sich ändern. Jungs!
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Auch Bakary Jatta steht noch auf keiner IFFHS-Rangliste. Kein Wunder, denn er hat noch nie für einen Fußballklub gespielt. Jatta ist 17, kommt aus Gambia, gilt offiziell als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling mit dem rechtlichen Status der Duldung. Also Afrika, männlich, jung, Flüchtling, geduldet – da wissen wir doch gleich Bescheid, oder!?
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Nach der seltsamen Begrüßungsorgie mit beseeltem Blumenempfang am Bahnhof und politischen Jubelrufen, die noch im letzten afrikanischen Dorf als »Kommt, wir schaffen das!« freudig vernommen wurden, schwingt das deutsche Gemütspendel jetzt in die andere Richtung. Leidtragende werden Migranten sein, die schon lange hier sind, sich zu integrieren versuchen oder es bereits sind. Sie leiden unter dem Wahnsinn, den die Politik angerichtet hat, die nun am liebsten alles abschieben möchte, was sich abschieben lässt. Das werden oft genug die Falschen sein bzw. die Richtigen, die unser Land brauchen könnte. Der Mob der Un-Kultur von Köln und anderswo ist clever und flexibel genug, um Abschiebung weniger fürchten zu müssen als eine integrationswillige Familie. Das schlimmste Schicksal droht Kindern, die hier zur Schule gehen, schon deutscher fühlen als mancher Deutsche, aber mehr denn je von Abschiebung in ein ihnen fremdes Land bedroht sind.
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Um Bakary Jatta müssen wir uns aber keine Sorgen machen. Er hofft nach einem glänzend verlaufenen Probetraining beim HSV sogar auf einen Profivertrag, in Hamburg oder anderswo, was an Jay-Jay Okocha erinnert, der ebenfalls als 17-Jähriger mutterseelenallein nach Deutschland kam. Ich tausche einen Okocha gegen tausend, ach was, gegen hunderttausend aggressive Dumpfbacken aller Schattierungen zwischen Schwarz und Weiß. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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