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Sonntag, 3. Januar 2016, 6.35 Uhr

Das Datum schreibe ich aus, damit mir die Zahl so richtig klar wird: Zweitausendundsechzehn. Unglaublich. Erst vorgestern wähnte ich mich in der Zukunft, 1958, im  “Geophysikalischen Jahr”, das so geheimnisvoll futuristisch klang. Gestern dauerte etwas länger, symbolisiert von einer Zahl, auf die wir jahrelang starrten: “1984″. Orwells Big Brother, der watching us ist, watcht heute mehr denn je. Danach dominierte die vollends unfassbare “2000″. Im Frankfurter Fußball bleibt sie bis heute unerreichbare Zukunft, obwohl wir das Jahr der Verheißung längst hinter uns gelassen haben. Und jetzt: zweitausendundsechzehn. Fasse es, wer kann. Und erstmals wird es für unsere, für meine Wohlstands- und Friedensgeneration ums Eingemachte gehen.

Meine Vor-Frühmorgensblogprobleme waren andere. Szene: Der Bruder des Bergdoktors öffnet misstrauisch die Tür zum Zimmer ihrer gemeinsamen Tochter (warum die beiden Brüder eine gemeinsame Tochter haben, weiß ich leider immer noch nicht) und sieht, was er befürchtet hat: Die Tochter liegt schlafend im Bett, in Schößchenstellung mit einem Jungen, dessen … sie in der Hand hält. Dessen was? “Mistgabel!”, flucht Bruder Bergbauer, der den Skandal sofort bei Bruder Bergdoktor meldet. “Aber nicht die, bei der wir ihre Hand brauchen, sondern sie legt Hand bei diesem Nichtsnutz an!”  Auf dieser Grundkonstellation aufbauend, muss ich eine 90-minütige “Bergdoktor”-Folge schreiben, bei der es um die Erbfolgeregel geht. Ruhelos wälze ich mich hin und her, bis ich langsam aus den Tiefen der Nacht auftauche und aufatme: Ich muss keine Bergdoktor-Folge schreiben, sondern nur die Montagsthemen.

Am liebsten würde ich in der Kolumne thematisieren, mit welch übermenschlicher Leidenskraft ich eine gewaltige Grippe erdulde. Jeder andere wäre schon längst auf der Intensivstation, aber ich zeige dem tückischen Infekt die Zähne. Die Zahl, die mich mehr beschäftigt als jemals 1958, 1984 und 2000 oder nun 2016, lautet: 37,4. Bei so vielen Fiebergraden delirieren andere – aber ich schreibe Bergdoktor-Episoden.

Erste Erfreulichkeit im neuen Jahr: Ich kann die Tagesaufgabe im Griechisch-Kalender lösen: Wie viele Buchstaben hat das griechische Alphabet? (24) / Welcher Laut hat fünf unterschiedliche Zeichen? (“i”, nämlich fünf) / Welcher Buchstabe wird im Wort anders geschrieben als am Ende? (Sigma, das “s”, im Wort wie ein “o” mit Tüttel oben, am Ende wie “c” mit Tüttel unten).

Aber über uns allen schwebt das Schwert des Damokles. Gestern las ich, dass die viel beschworenen syrischen Flüchtlinge mit hervorragender Schulbildung statistisch eher das Gegenteil sind: Laut einer Studie nach “Pisa”-Art von 2012 waren Achtklässler in Syrien im statistischen Schnitt auf dem schulischen Niveau von Drittklässlern in Deutschland. Als Optimist kann ich da nur hoffen, dass auch diese Erhebung  mein Misstrauen gegen Statistiken bestätigt, deren Zustandekommen (was vorne reingesteckt wird) unklar ist. Die Engländer sind da weniger optimistisch, denn an anderer Stelle lese ich, wie viele in Europa angekommene Flüchtlinge dort aufgenommen worden sind. Raten Sie mal? Hunderttausend? Nein. Zehntausend? Nein. Nur tausend? Nein. NULL! Ein paar Syrer haben sie sich dennoch geholt, die cleveren Engländer: Direkt aus Flüchtlingslagern haben sie sich die Qualifiziertesten rausgesucht und auf die Insel geflogen. Klingt fast wie eine Latrinenparole der Dumpfbacken. Ich hoffe, es ist auch eine.

Die Rallye Dakar hat begonnen, traditionell  mit einem schweren Unfall. Vielleicht ein Montagsthema mit schwarzem Humor, denn Dakar hat auch Tradition im “Anstoß”, ich muss nur ins Archiv klicken. Dazu ein bisschen  Defätistisches zur Eintracht, Darts, Boateng, Ancelotti, neuer WBI-Modus – gleich geht’s los. Aber erst, Sie wissen schon: KKK. Ohne das vierte K, denn wegen 37,4 ist Küssen verboten. Bis dann.

 

Baumhausbeichte - Novelle