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Montagsthemen (vom 4. Januar)

Zweitausendundsechzehn. Unglaublich. Erst vorgestern wähnte sich das Kind in der Zukunft, 1958, im »Geophysikalischen Jahr«, was geheimnisvoll futuristisch klang. Gestern noch bangten wir jahrelang einer symbolischen Zahl entgegen: 1984 (Orwells Big Brother is watching us heute mehr denn je). Später spielte die Zahl 2000 im Frankfurter Fußball eine traumtänzerische Hauptrolle, bleibt aber bis heute unerreichbare Zukunft. Und jetzt: 2016. Fasse es, wer kann. Und erstmals wird es für unsere, für meine Wohlstands- und Friedensgeneration ums Eingemachte gehen.
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Heute fliegt Eintracht Frankfurt ins Trainingslager. Morgen erster Trainingstag. Später als bei den meisten anderen, zum Beispiel bei den Lokalrivalen Mainz und Darmstadt, die schon seit Samstag trainieren. Je länger die Winterpause zum Reparieren von Versäumnissen und zum Wiederaufbau genutzt wird, desto punkteträchtiger verläuft sie. Da kann der Eintracht-Fan nur hoffen, dass der Kader um Stendera, Meier und Co. too big to fail ist.
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Im »Kicker«-Interview behauptet Heribert Bruchhagen, der Abstieg 2011 »kam völlig unerwartet«. Doch mit seinem Segen durfte Wellness-Coach Skibbe eine Mannschaft mit kleinem, leichten Akku formen. Als alle Dämme zu brechen drohten, holte Bruchhagen Daum, eine Panik-Reaktion, und, altes »Anstoß«-Karma: Wer panikt, steigt ab. Daum überlud den kleinen Akku mit Crash-Training, »was jeder halbwegs Kundige schon vorher hätte wissen müssen« (»Anstoß« vor dem Abstieg 2011).
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Bruchhagen behauptet auch, Schaaf sei 2015 freiwillig gegangen, »es war sein Wunsch«. Typischer Fall von Euphemismus. Von Frankfurts Fußball-2000-Szene böse gemobbt, zog Schaaf notgedrungen die Konsequenzen. Da scheint bei Bruchhagen der Wunsch nur Vater des Gedankens zu sein, Schaaf sei freiwillig gegangen.
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Ende der Besserwisserei. Kürzlich höhnte ich über Stefan Effenberg nach der Suspendierung von drei Spielern in Paderborn, es sei ein bekannter Aktionismus von scheiternden Egomanen, die Schuld nur bei anderen zu suchen. Mittlerweile wissen wir aber, dass die Suspendierung vom Präsidium beschlossen wurde und Effenberg sie widerstrebend verkünden musste. Sorry, Effe. Für ihn und sein altes Image im neuen Beruf aber um so schlimmer, dass er sich von Provinzgockeln enteiern ließ.
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Die Rallye Dakar beginnt. Mit einem schweren Unfall. Wie sonst? Früher führte die »Dakar« durch Afrika, heute durch Südamerika, aber immer durchs wilde Absurdistan. Dabei kam es auch zu spaßigen Situationen, zum Beispiel, als ein VW in der Wüste im Wasserloch stecken blieb. Um das zu toppen, müsste demnächst ein deutsches Boot beim America’s Cup mit Dürreschaden kentern.
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Spätestens nach dem ersten Toten beginnen die Betroffenheits-Diskussionen. Und die gibt es immer, denn im Dakar-Schnitt wurde pro Woche ein Negerkind totgefahren. – Zusammengezuckt? Früher verurteilten wir die Tatsache des Totfahrens, heute nur noch den unkorrekte Gebrauch des N.-Wortes. – Stichwort Heidenspaß: Im echten Dakar ist Glockengeläut verboten, weil es die Gefühle der Moslems verletzt. Wir haben Verständnis. Hauptsache, bei uns ruft der Muezzin vom Minarett.
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Gehört die Rallye Katar verboten? O, kleiner Freudscher Verschreiber. Nach Katar sind ja die Bayern unterwegs. Trainingslager. Tradition, seit Beckenbauer die frohe Botschaft verkündet hat, dort keine Sklaven angetroffen zu haben.
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Zu Erfreulichem. Griechenland. Ja, Griechenland! Unbekannte haben vom Grabstein des »Sorbas«-Autors Nikos Kazantzakis in Iraklion dessen Zitat »Ich hoffe nichts, ich fürchte nichts, ich bin frei« entfernt. Das Positive daran: Die Grabschänder haben das Zitat mit einem Herzen ersetzt. Seien wir also 2016 so frei, vieles zu hoffen, weniges zu fürchten und auf das Herz zu setzen.
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Zu viel Pathos? Dagegen hilft ebenfalls Alexis Sorbas, der auf die Frage »Are you married?« antwortet: »Am I not a man? And is not a man stupid? I’m a man. So I married. Wife, children, house, everything. The full catastrophe.« – Mögen Sie 2016 vor schlimmeren Katastrophen als dieser verschont bleiben! (gw)
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(www.anstoss-gw.de gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle