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Montagsthemen (vom 28. Dezember)

Weihnachtliche Völlerei macht träge. Auch den Kopf. Und so lese ich am Tag danach, dass Klopps neuer Klub den englischen Tabellenführer besiegt hat. Schön und gut. Aber warum schreibt »Bild online«: »Liverpool langsam wie ein Klopp-Team«? Wie bitte? Sooo langsam spielten Mainz und Dortmund doch wirklich nicht! Es dauert einen Moment, bis es klingelt.
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Manche Doppeldeutigkeit klärt sich langsamer. Dass Angela Merkel für das »Time-Magazin« die »Person des Jahres« ist, erfüllt viele mit deutschem Stolz. Nur wenige schauen auf die Reihenfolge: Zweiter ein terroristischer Massenmörder, Dritter ein Durchgeknallter. – Doppeldeutig auch diese Nachricht: »2015 gab es vier Mal so viele Straftaten gegen Flüchtlinge wie im Vorjahr.« Halb Deutschland empört sich. Was wiederum die andere Hälfte entrüstet, die behauptet, es gebe vier Mal so viele Straftaten von Flüchtlingen. Ob gegen oder von oder beides, den Meinungen mangelt wie der Meldung die Substanz: Wie viele Flüchtlinge gibt es mehr als 2014? Wie hat sich die prozentuale Quote der Straftaten gegen Flüchtlinge und von ihnen verändert? Ohne diese Zusatzinformationen hat die Meldung nur Meinungssubstanz.
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Dünnes Eis. Und das bei diesen Temperaturen! Zurück zu Klopp. Stolz behauptet die »taz«, sie habe seinen Wechsel nach Liverpool »punktgenau vorhergesagt, und das vor fast allen anderen«. Dankeschön, liebe Kollegen, für das »fast«. Denn ich behaupte, Klopps Wechsel am 18. April in dieser Kolumne als allererster vorausgesagt zu haben, weil Liverpool der Klub sei, »der am besten zu ihm passt«. – Im selben Satz stand aber auch, Klopp werde »nie mehr ähnliche Erfolge feiern wie in Dortmund«. Die Substanz dieser Vorhersage werde ich gerne überprüfen. Wenn ich es dann noch kann. Klopp ist erst 48.
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Dass Pep Guardiola nie mehr ähnliche Erfolge feiern wird wie in Barcelona, gehört zu den weniger riskanten Vorhersagen. Als sein Abschied von den Bayern gemeldet wurde, spielten zwei Leser per »Mailbox« (siehe Netz-Version der »gw«-Kolumnen) Ping-Pong im Minutentakt. Zunächst mailte Janos Toth (Heuchelheim): »Gerade ist eine große Chance vertan worden. Jetzt wäre die Möglichkeit gewesen, die Bundesliga spannender zu machen: Man hätte Armin Veh bei Bayern München zwangsverpflichten müssen …« – Ralf Protzel (Bonn) antwortete augenzwinkernd fast gleichzeitig: »Der Anstoß von Janos Toth ist umgesetzt worden: Matthäus wird laut Welt neuer Bayerntrainer!« – »Welt online« hatte satirisch diese »tolle Weihnachtsüberraschung« gemeldet, »um die Bundesliga wieder spannend zu machen«.
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Na ja, das gelingt weder Matthäus noch Veh. Allenfalls Guardiola als »lame duck«. Apropos »lame duck«: Der größte Eintracht-Fan in der Familie (ach was, urbi et orbi!) hat mir zum Fest eine Quietsche-Ente mit dem Adler auf der Brust beschert. Sie schwimmt jetzt im Teich. Jedoch schon mit schwerer Schlagseite. Weitere symbolische Anmerkungen verkneife ich mir.
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Als stets den Konsens Suchender und ihn selten Findender stelle ich erfreut fest, im Medien-Mainstream den neuen Bayern-Trainer mit viel Vorschuss-Sympathie zu erwarten. Tenor: Ecce homo! Seht, das ist ein Mensch! Was allerdings keine Erfolgsgarantie ist. In diesem Geschäft schon gar nicht. An der Sprach-Barriere wird Carlo Ancelotti jedoch nicht scheitern. Er spricht zwar (noch) kein Deutsch, aber ein paar andere Sprachen, zum Beispiel Spanisch, die Muttersprache des halben FCB-Teams. Und Thomas Müller versteht sowieso alles.
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Ecce homo? Der, den Pontius Pilatus mit diesem Wort, das später Flügel bekam, dem Volk präsentierte, war da schon gefoltert und mit der Dornenkrone verspottet. Also doch noch Symbolik: Egal wie die Trainer alle heißen, sie werden als Messias erwartet, zum Schluss ans Kreuz geschlagen – und feiern oft schon drei Tage später Wiederauferstehung. Ostern ist daher der höchste Feiertag im Leben eines Fußball-Trainers, an ihn glaubt, auf ihn hofft jeder, sei er Christ, Jude, Moslem oder Atheist.
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Manche müssen aber etwas länger warten. Im Teich fragt das Quietsche-Entchen höhnisch: Was machen eigentlich Horst Ehrmantraut, Willi Reimann oder Friedhelm Funkel? Gegenfrage: Warum hast du immer Schlagseite? (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle