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Sonntag, 20. Dezember, 6.30 Uhr

Meldungen der Nacht: Anke Engelke wird 50, Udo Jürgens ist seit einem Jahr tot, beim “Tatort” gab es 2015 111 Tote … nein, nicht zwei Millionen und ein paar (manchmal buchstäblich) zerquetschte, sondern … im Jahr 2015 gab es 111 Tote. Ich weiß nicht, ob in dieser Statistik schon der nächste Schweiger-”Tatort” berücksichtigt ist. Wahrscheinlich zählen die Tele-Statistiker noch und kommen mit Schweigers Leichen doch noch auf die zwei Millionen und die Zerquetschten.

Als ich die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung reinhole und auf die Titelseite blicke, blinkt Minibruchteile einer Sekunde lang der mitleidige Gedanke auf: Das hat der arme Kerl aber wirklich nicht verdient! “Gabriel erklärt Austritt beim Parteitag” lese ich da, zwar auf Seite 1, aber nur als kleiner Zweispalter, sogar nur in der Unterzeile, über die das Blatt auch noch die hämisch zustimmende Schlagzeile stellt: “Wann sonst?” Bevor sich die Gedanken in die Hirnkurven legen und zum Beispiel fragen können, warum diese Hammer-Meldung so klein und so spät kommt, blinkt die Entwarnung auf und erleuchtet mich: “Gabriel erklärt Auftritt beim Parteitag”. Ach so.

Gabriel, früher Siggi Pop, hat mit der SPD mehr seinen Schaff als Merkel mit der CSU. Als er noch Siggi Pop (wirklich wahr: Pop-Beauftragter der SPD) war und auch später noch irrlichterte, stand er in meiner Hitparade ganz unten. Als ich dann über seine Kindheit und den üblen Vater las, änderte sich das, mittlerweile ist er unter meinen Top Ten bis Five, auch weil er nicht mehr zuckt und zappelt. Womöglich teilt er aber bald das Schicksal jener Menschen aus dem Sport, die Lieblinge meiner Kolumnen wurden, denen ich aus Sympathie ganze Serien widmete … und die prompt kläglich, krachend oder langsam und schließlich fast unbeachtet scheiterten. Eine schwarze Serie, über deren Hintergrund ich oft nachgedacht habe. Reiner Zufall? Oder weckt bei diesen öffentlichen Personen meine Sympathie, dass ich unbewusst das latente Scheitern in ihnen spüre? Was meint Berti dazu? Oder Jan? Oder Torsten? Oder … die Reihe ist noch lang.

Noch ein Blick auf die FAS-Titelseite: “Mythos Stradivari  – Warum klingt die eine Geige gut, die andere mäßig?” Was weiß denn ich? Ist mir auch egal. Was aber hier aufblinkt: Zuerst “Mythos”, denn dieses Wort lässt in mir sofort ein Bild aufleuchten: Wir zwei in einer Taverne an der Paralia, Tisch direkt am Strand, die Sonne geht hinter dem Meer unter, und wir trinken unser Feierabend-Bier in der Ägäis. Marke “Mythos”. Nie und nirgends sonstwo habe ich solch ein herrliches Bier getrunken. Ein einziges Mal habe ich versucht, in Deutschland ein “Mythos” zu trinken. War sehr, sehr enttäuschend. Beim “Mythos” schmeckt wohl nicht das Innedrin in der Flasche so gut, sondern das Drumherum: Griechenland, Ägäis, die Inseln, der Strand, das Meer, der Sonnenuntergang. Ach ja.

Zweites Aufblinken: “Stradivari.” Versetzt mich in die Kindheit. Als mein Vater mit einer Geige nach Hause kam. Einer Amati. Amati und Stradivati … quatsch, lieber Herr Freud:…  Stradivari seien die berühmtesten Geigenbauer der Welt gewesen. Die Amati, die Stradi-Vati auf den Kachelofen legte (es war Sommer), sei viele tausend Mark wert. Ich staunte andächtig und vergaß die beiden Wörter nie: Amati und Stradivari.

War ich ein Kind aus besseren Kreisen? Gar ein Millionärssöhnchen? Sollte ich auf der Amati Geige spielen lernen? Schön wär’s gewesen. Oder vielleicht auch nicht, wenn man den Lebensweg so manches Millionärssöhnchens miterlebt bzw. mitgelesen hat. “Meine” Amati hatte der Vater, dessen Beruf mir als Kind sehr peinlich war (Gerichtsvollzieher), gepfändet und ihres Wertes mit nach Hause genommen, um sie nicht aus den Augen zu lassen.

So. Wieder einmal ungeordnet und spontan mit müdem Kopf wach- und warmgeschrieben, ohne dass Verwertbares für die “Montagsthemen” rausgesprungen wäre. Oder? Nachher mal nachlesen. Aber jetzt rumort es im Haus. Gleich gibt’s KKK. Mit viertem Ka? Schaumerma.

Baumhausbeichte - Novelle