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Montagsthemen (vom 21. Dezember)

Was ist bloß dran an Pep, dass sich selbst die Besten unter den Sportjournalisten gar nicht mehr einkriegen? In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung schreibt Christian Eichler, wahrlich einer der Besten, über Guardiola, wie ein Teenager über Justin Bieber schreiben würde, wenn er wie Eichler schreiben könnte.
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Im Fußball hängt das Erlebnis in der Rückschau vom Ergebnis ab. Guardiolas Ergebnis ist noch offen. Ob seine Groupies im Abschiedsschmerz hyperventilierend heulen oder Guardiola den gesenkten Daumen zeigen, hängt an einem einzigen Spiel, dem letzten der Bayern in der Champions-League-Saison 2015/16. Dass im Fußball das Rationalste überhaupt, das Ergebnis, irrational wie kaum etwas anderes zustande kommt, dafür war das »Finale dahoam« der schlagendste Beweis. So großartig und überlegen hat selten ein Bayern-Team gespielt, auch später unter Triple-Heynckes und jetzt unter Guardiola nicht, aber Chelseas Zufallstreffer schrieb die letztgültige Bewertung.
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Längst Geschichte. In der Gegenwart sind die Bayern wieder einmal eine Bundesliga-Klasse für sich, was weniger sie in Hannover als die Dortmunder in Köln unterstrichen. Hier breitbrüstiges Selbstvertrauen, dort schmalbrüstiger Wankelmut. Um die jeweilige 1:0-Führung mussten FCB-Fans nie zittern, die des BVB dagegen befürchteten schon früh das dicke Ende.
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Eintracht Frankfurt hat ein frühes dickes Ende vermieden. Schon in Dortmund gab es neue Lebenszeichen, gegen Bremen sogar einen Vitalitätsschub. Die Einstellung stimmte. Noch fehlte die spielerische Klasse. Doch um sie muss man sich die wenigsten Sorgen machen, denn von ihr steckt genug im Kader. Ein Meier, ein Stendera, ein Aigner, ein Seferovic, ein Zambrano in Bestform, sie könnten in jedem Liga-Spitzenklub Stammspieler sein (na ja, Ausnahme Bayern, aber die kennen ja auch kaum Stammspieler). Die Eintracht hat genug PS, ihr »Fahrer« muss sie nur auf die Strecke bringen.
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Noch viel mehr PS standen Mourinho und stehen van Gaal zur Verfügung, beide fuhren ihre Luxusschlitten zu Schrott. Der eine muss raus, aber mit Applaus, der andere wird ausgebuht, darf aber weiter schalten und lenken. Und im Hintergrund fährt Oldtimer Ancelotti nach einjährigem Parken (einzige Gemeinsamkeit mit Guardiola) in aller Gemütsruhe nach München.
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Der Mann könnte neue Sympathien für die Bayern wecken. Alle mögen ihn, vor allem seine früheren Spieler. Wenn andere aus der Haut fahren, ruht er in sich. Ein Gegenentwurf zu den hippen Überdrehten der Branche. Als Bauernsohn weiß er: »Landwirtschaft hat viel mit Fußball gemeinsam. Man braucht Ruhe, Geduld und Planung« (Quelle: aus seinen Memoiren, zitiert in der Süddeutschen Zeitung). Allerdings: Ruhe und Geduld gehören nicht unbedingt zu den größten Tugenden der Bayern.
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Schluss mit Fußball. Was bringt die Woche? Keine weiße Weihnacht, das steht fest. Also kein »Bahn frei, Kartoffelbrei«. Zum Schlacht- und Warnruf meiner mittelhessischen Kindheit (siehe letzte »Montagsthemen«) schreibt Thomas Koch, der den »Anstoß« seit Jahren im Hessischen Ministerium des Innern und für Sport unter Beobachtung hält: »Auch wenn ich die Exklusivität Ihrer Erinnerung hiermit etwas herabmindere, schauen Sie doch in den anhängenden Link. Sie gehören sicherlich nicht zur Zielgruppe, passt aber.”  – Und was sehe und höre ich in der Sendung mit der Maus vom 6. Dezember (war nur bis 20. 12. abrufbar)? Johnny Mauser, der dicke Waldemar und Franz von Hahn, gewiss keine Mittelhessen, brettern auf einer Bratpfanne die Rodelbahn runter und rufen … Sie ahnen es.
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Und sonst? Anke Engelke wird 50, Udo Jürgens ist seit einem Jahr tot, und im Jahr 2015 wurden beim »Tatort« 111 Tote gezählt. Was mich wundert, denn so viele gibt es doch schon in einem einzigen Schweiger-»Tatort«. Aber das ist ein anderes Thema. (gw)
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(www.anstoss-gw.de gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle