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Sport-Stammtisch (vom 19. Dezember)

Die Christen kennen ihn, die Juden warten noch auf ihn, die Fußballer hatten schon viele von ihnen. Als Heilsbringer werden sie empfangen, aber meist allzu menschlich gegangen, oft sogar in Schimpf und Schande verjagt. Aber nun: Die Übermenschlichung des Pep Guardiola macht ihn auch als Messias einmalig, denn er kam nicht nur als Gesalbter in die Bayern-Welt, sondern verlässt sie auch als solcher, unangetastet, sakrosankt, beweint und beklagt.
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Zur vorzeitigen Heiligsprechung eine sachliche Anmerkung: Bei den einzigartigen Bedingungen im Biotop Bayern muss Guardiola als krachend gescheitert gelten, wenn er in drei Bayern-Jahren kein einziges Mal den weitaus wichtigsten der Triple-Titel seines Vorgängers aufweisen kann. Dann blieben ihm nur die Titel von des Triples Gnaden (Messi, Iniesta, Xavi).
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Die Woche der Trainer begann mit einer herrlichen Szene bei »Sky« zwischen Studiogast Winnie Schäfer und dem zugeschalteten Armin Veh. Zusammenfassung in Sandkasten-Sprache: Du kriegst mein Förmchen nicht! – Ich will dein Förmchen gar nicht! – Ich kann dich nicht leiden! – Ich kann dich erst recht nicht leiden! – Blödmann! – Selber Blödmann!
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In Paderborn ist Stefan Effenberg als Promi aus der großen, weiten Welt empfangen worden, den es zur Verblüffung und Freude der Einheimischen ausgerechnet in ihre Provinz-Idylle verschlagen hat. Nach einer Niederlagenserie ahnen die Westfalen aber, was sich hinter dem bunten Schein verbergen könnte. Effe suspendiert drei Spieler – ein bekannter Aktionismus von scheiternden Egomanen, die Schuld nur bei anderen suchen.
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Thorsten Legat eifert Effenberg in Remscheid nach. Im selben Bundesland, nur ein paar Klassen tiefer, kündigt er nach einer Heimniederlage gegen Landesliga-Schlusslicht Wülfrath an, drei Spieler (»Bazillen«) sogar »absolut« zu suspendieren. Ein Legat ist aber auch selbstkritisch sogar sich selbst gegenüber: »Ich habe mich beirren lassen von meiner Kompetenz.«
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Die Kernkompetenz von Effenberg und Legat liegt ja auch anderswo. Legat geht demnächst ins Dschungelcamp, und für »Die Geissens« auf RTL 2 war gestern Effenberg neben Nina Moghaddam, Jo Weil oder Monica Ivancan als kongenialer Gast angekündigt. Thema der Sendung laut »Hörzu«: »In Dirndl und Lederhosen empfangen Carmen und Robert ihre Gäste zum exklusiven Alpenpokern. Doch bevor es an den Pokertisch geht, verbringen die Damen einen Tag mit Shoppen und Spa.«
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Shoppen und Spa, ist das wah(r)? Ich weiß es nicht, ich habe die Sendung noch nie gesehen. Apropos: Selbst die großen Feuilletons verabschieden Stefan Raab nach 25 Jahren auf dem Bildschirm mit Applaus. Ob berechtigt, kann ich nicht beurteilen, da ich in diesem Vierteljahrhundert keine einzige Minute Raab gesehen habe. Der Grund ist unsachlich und ungerecht, da rein physiognomisch-allergischer Art.
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Physiognomisch ähnelte Jürgen Klopp zu Beginn seiner Trainerkarriere Harry Potter, zumindest nannte »Bild« ihn so. Lang ist’s her. Jetzt schimpfte ihn ein Spieler von West Bromwich Albion »Idiot«, weil Klopp sich bei Liverpools Remis wie ein solcher aufgeführt habe. Der gab sogar hinterher zu: »Manchmal braucht es mehr als ein paar Sekunden, um sich zu beruhigen. Das ist manchmal bei mir so.« Klopp ist erkennbar gereift. Zum gleichen Sachverhalt meinte er in Potter-Zeiten: »Aus der Erektion heraus fallen manchmal auch härtere Worte.« Das gefällt mir immer noch fast so gut wie Mario Baslers herrliche Schote über  ausländischer Mitspieler: »Ich lerne nicht extra französisch für die Spieler, wo diese Sprache nicht mächtig sind.«
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Beinahe hätte ich vergessen, den denkwürdigen Auftritt von Franz Beckenbauer bei »Sky« zu würdigen. Alle reden nur vom Disput Veh/Schäfer, doch der Clou war, wie der Kaiser seine alten Kleider herunterriss und nackt in der Runde saß. Es ging darum, ob man seine Schuld (wie Hummels) zugeben sollte. Beckenbauer verneinte vehement. Als ein Großer sei man nie schuld, Schuld habe man keinesfalls zuzugeben, sondern immer nur die anderen zu beschuldigen, sonst verliere man seinen Nimbus. Bei Beckenbauers Eigentoren hat eben Maier gepennt … oder Niersbach gepatzt.
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Falls Sie in dieser Kolumne Schreibfehler finden, bin nicht ich schuld, sondern irgend ein Zauberer aus Korrektorat oder Redaktion. Ich habe mich leider beirren lassen von meiner Kompetenz. Und falls Sie grammatische Fehler zu entdecken glauben, haben sie sich sowas von getäuscht! Was kann ich denn für die Leser, wo diese Sprache nicht mächtig sind? (gw)
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(www.anstoss-gw.de  gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle