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Altes vom Schweinemarkt (35 – 25 – 15 – 5 vom 17. Dezember)

In der Serie »35 – 25 – 15 – 5« veröffentlichen wir Texte aus »gw«-Kolumnen der Jahre 1980/90/00/10. Diesmal verdient die Folge aber nicht ihren gewohnten Titel, denn wir sind 1980 im »Schweinemarkt« und in der »Tele-Diktatur der Werbe-Heuchler« hängen geblieben – Verschrobenes, Verrücktes und fast Vergessenes vom Dezember 1980 (zum besseren Verständnis kursiv vor- und nachkommentiert).
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(»Werbung am Mann«: Die damaligen Fernseh-Monopolisten ARD/ZDF hatten mit dem Deutschen Sportbund einen Globalvertrag ausgehandelt. In ihm verpflichteten sich Einzelverbände des DSB, den Öffentlich-Rechtlichen gegen ein Jahreshonorar von 2,4 Millionen DM werbetrikotfreien Sport anzubieten. Bandenwerbung strikt verboten, und Sportler mussten, sobald sie das Stadion oder die Halle betraten, alle Logos auf Trikot und Sporttasche überkleben. Wehe, ein Logo war noch zu sehen – Sperre drohte!) DSB, Sporthilfe und ADR/ZDF arbeiten in einer Werbe-Saubermann-Kampagne Hand in Hand, führen als gewichtigste Gründe für ihr Handeln immer Ethik, Moral und das Wohl des Athleten an, können mit diesen hohlen Argumenten aber nur Hohlköpfe übertölpeln. Die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten kämpfen gegen die Werbe-Konkurrenz dank ihrer eigenen konkurrenzlosen Existenz bisher recht erfolgreich. Nur vor übermächtigem Publikumssport wie Profifußball oder Eiskunstlauf kuschen die Telemacher, schlagen dann aber umso unerbittlicher gegen kleinere Sportarten zu. Die Dummen sind – noch – Sportler und Fernsehzuschauer. Abhilfe schaffen könnten nur zwei überfällige Reformen: Abschaffung des Amateurismus und Einführung des Privatfernsehens, was erfahrungsgemäß (USA) für den sportinteressierten Fernsehzuschauer ausschließlich positive Auswirkungen mit sich bringt. (13. 12. 1980 / Der Amateurismus ist längst abgeschafft, gut so, aber der ungebändigte Kommerz bescherte uns bald das Langzeit-Thema: Die Ware Sport ist nicht der wahre Sport. Und das Privatfernsehen? Da kamen wir immer öfter vom Regen in die . . . Jauche)
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(Ein Bundesliga-Profi kämpfte damals rhetorisch und theoretisch gegen den Kommerz:) Ewald Lienen aus Gladbach gehört im doppelten Sinne zu den Linksaußen der Bundesliga: »Was die Ablösesummen angeht, so bin ich der Meinung, dass dieses Verfahren mit der Menschenwürde nicht zu vereinbaren ist. Freilich passt das eigentlich logisch zu unserer Leistungsgesellschaft. Es gibt Klubs, die knallhart wirtschaftlich argumentieren. Die holen sich junge Spieler, bilden sie aus und verkaufen sie teuer. Das ist wie auf dem Schweinemarkt. Man zieht sich ein Schwein groß, und dann verkauft man es teuer.« (3. 12. 1980 / Ein Jahr später: Lienen, der aus dem »Schweinemarkt« aussteigen und Sozialpädagogik studieren wollte, muss weiter in der Bundesliga spielen: Er hat mit einem Bauherren-Modell (!) eine sechsstellige Summe verloren. Und heute: Lienen trainiert den FC St.Pauli. Es ist die 14. Station seiner Trainer-Karriere im Schweinemarkt Profifußball)
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(Am 30 Dezember 1980 erlebten auch wir in der Sportredaktion Unglaubliches. Es ging um die »Mini-WM« in Südamerika:) Da haben wir uns aber etwas eingebrockt! Während diese Zeilen geschrieben werden, registrieren wir den 1325. Anruf wegen der Fernseh-Übertragungen aus Uruguay. Unser Angebot, sich direkt bei der Sportredaktion zu informieren, nutzen unsere Leser in ungeahntem Ausmaß. Wir (Hauptlast tragen »rt« und »dh«) können aber bis zur Niederschrift dieses Satzes (… registriert wird Anruf 1331) nur mitteilen, dass das Spiel Uruguay gegen Holland mit großer Wahrscheinlichkeit nicht übertragen wird, dass aber gute Chancen für eine Live-Sendung der deutschen Partie gegen Argentinien bestehen. (31. 12. 1980)
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(Einige Tage später das Fazit:) Knapp 2000 Leser nutzten unser Angebot. Leider konnten wir nur den letzten 500 genaue – und vor allem richtige – Auskunft geben, da sich erst kurz vor Spielbeginn um 19 Uhr die plötzliche Wende zugunsten der Übertragung ergab. (7.1.1981 / Welch ein Affentheater! Heute kaum zu glauben, wie ARD/ZDF ihr Monopol regelmäßig zum Sende-Poker missbrauchten und erst wenige Minuten vor dem Spiel das Programm änderten – oder auch nicht. Ich weiß noch, wie genervt der ganze Verlag von uns Sportlern war, weil die Anrufer bis zum Abend alle Telefone im Haus blockiert hatten. Der oben genannte »dh« war einer der Leidtragenden. Unser Ex-Kollege Dag Heydecker ist heute Geschäftsführer bei Mainz 05, und der Schreiber des Sport-Stammtischs zeichnet immer noch als:)  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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