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Mein Name ist Blond (“Mein progressiver Alttag” im Gießener Seniorenjournal vom 12. Dezember 2015)

Gestern habe ich in der Apotheken-Umschau geblättert. Keine gute Idee. Seitdem fühle ich mich  als schlapper Greis unter hyperaktiven Temperamentsbolzen. Die alten Jungs und Mädels wirken fit und hipp, als könnten sie jeden Moment das Altersheim demolieren wie einst Pete Townshend von den Who sein Hotelzimmer. In der Werbung für Treppenlifte machen die Best-ager-Models sogar den Eindruck, als führen sie nicht mit dem Oldie-Aufzug in den ersten Stock, sondern direkt ins Berghain, um dort 30 Stunden durchzutanzen – was die jungen Szenetypen nur mit ein paar Linien Koks als Durchhaltemittel schaffen, während wir uns mit Globuli und allenfalls einem Biss in die Ginsengwurzel begnügen.
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Ich möchte es in diesen Tagen nicht Terror nennen, aber ich fühle mich zumindest drangsaliert von diesem neuen Gesellschaftsvertrag, der aus uns Alten die neuen jungen Wilden machen will. Was ist so schlimm daran, in aller Ruhe und Gelassenheit das Jungseinwollen denen zu überlassen, die jung sein müssen? Sooo schön ist das nämlich gar nicht. Wer des Langzeitgedächtnisses noch mächtig ist, kann sich gut an Schwierigkeiten, Peinlichkeiten, ja auch an Armseligkeiten und Verletzungen frühester Jahre erinnern. Und wer noch weiß, wie kribbelig man wurde, wenn scheinbar alle anderen auf der Piste von einer Party oder Pinte zur nächsten unterwegs waren, während man selbst als weltweit einziger Jugendlicher zu Hause bleiben musste und alles verpasste, was das Leben lebenswert machte, der lehnt sich froh und gemütlich im Sessel zurück und sieht still und zufrieden zum siebenundzwanzigsten Mal einen Fernsehfilm über die bedrohte Welt der Eisbären.
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Ich jedenfalls bin froh, nicht mehr jung sein zu müssen. In diesen empfindlichen Jahren hat jeder sein Päckchen zu tragen. Ich sogar mehrere. Zum Beispiel meine Haare. Rot waren sie. Nicht rotblond, sondern richtig rot. Zwar färben sich heutige Jugendliche die Haare auch mal knallrot und finden’s geil, aber früher hatte man sich als rothaariger Bub oft zu Tode geschämt, denn niemand hatte Erbarmen, sondern alle ihre helle Freude an dummen Sprüchen. »Schon widder en Fuchs un kei Flint!« »Guck ema, das Streichholz – uff’m Kopp rot, sonst käsweiß.« Und, in der Pubertät besonders peinlich: »Dein Vadder hat wohl Rost im Colt gehabt!«
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Heute wäre eine Glatze die Alternative, auch die ist hipp und in, und wer die richtige Kopfform hat, dem steht sie besser als jede Frisur. Damals war die Glatze aber noch keine modische Option, außerdem hätte sie mir nicht geholfen, sondern mein zweites Trauma zur Geltung gebracht. Bei der täglichen Begutachtung des unattraktivsten Menschen der Welt (ich wusste ja nicht, dass sich jeder zweite Junge vor dem Spiegel ähnlich fühlte) glaubte ich erkannt zu haben, dass ich ohne Haare aussehen müsste wie ein Neandertaler.
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Heute ist mir meine Frisur genauso gleichgültig wie Kopfform und Farbe der Haare. Die weichen zwar zurück, doch sehe ich im Spiegel keinen Neandertaler, sondern einen Homo sapiens sapiens, sogar einen besonders weis(s)en, denn zum Trost des Alterns gehört auch: Aus rot wird blond. Mein Name ist Blond. Hellblond. Zusatz-Bonus: Die optische Verwandlung in einen weisen silberhaarigen alten Herren verbirgt den Knaben, der in ihm steckt und der, behauptet man bzw. frau, an sittlicher Reife die Kindischkeit nie hinter sich gelassen hat.
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Erinnern Sie sich, dass ich in einem früheren progressiven Alttag über meinen Großzehenschiefstand geklagt habe? Beide großen Zehen bedrängten jeweils den  gerade gewachsenen Zeh daneben (wie nennt man den? Zeigezeh?), was lästig und auch unangenehm war, denn der Scheppe schabte am Nachbarn, schob sich langsam über ihn, so dass ich die Zehen mit der Hand auseinander drücken musste, bevor ich den Schuh über sie ziehen konnte. Ich hatte die glorreiche Idee, zur Abhilfe ein gewisses rein weibliches Utensil orthopädisch zweckzuentfremden und zwischen die Zehen zu stecken, doch das zu tun und vor allem in dieser Kolumne zu beschreiben, wurde  von meiner einzigen vorgesetzten Stelle  strikt verboten. Ein Jahr später kam dann von ihr selbst der entscheidende Tipp: Ein  grobkammähnliches Plastikteil mit vier Zinken, das ebenfalls (fast) ausschließlich vom weiblichen Geschlecht benutzt wird und mir geholfen hat – ein Zehenspreizer, den Frauen beim Lackieren der Fußnägel benutzen. Aber selbst diesen  benötige ich mittlerweile nicht mehr, denn, offenbar ein weiterer Vorteil des Alters: Die Zehen haben unterdessen ihre scheppe Hyperaktivität eingestellt, scheinen sogar ein bisschen gerader zu werden.
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Zusammen mit ihnen konnte ich auch wieder gerader gehen, als ich jüngst in meiner zweiten Heimatstadt unterwegs war (als Gießener darf man es kaum zugeben, aber ich tu’s: Wetzlar). Dort wurde ich urplötzlich an ein weiteres Jugendtrauma erinnert: meine Körpergröße. Ich litt an ihr, sie machte den unsicheren Pubertären nicht nur noch linkischer, sondern er fiel durch sie immer dann unangenehm auf, wenn er es am wenigsten wollte, denn er ragte wie eine Leuchtboje aus der Gruppe heraus, einen ganzen – und auch noch rothaarigen! – Kopf größer als die anderen.
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An einer Straße in Wetzlar hing ein Verkehrsschild bis über den Bürgersteig, ungefähr in einer Höhe von 1,90 m. In meiner Längenverzweiflung schwor ich, mich sofort umzubringen, falls ich eines Tages mit dem Kopf dagegen stoßen sollte. Da war ich 14. Mit 15 wuchs buchstäblich die Gefahr. Mit 16 wäre es soweit gewesen, denn ich wuchs weit über die Todesmarke hinaus. Doch da ich selbst in jugendlichster Verzweiflung nie lebensmüde war,  trickste ich mich aus, indem ich unter dem Verkehrsschild schiefer ging als meine großen Zehen später wurden.
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Jetzt sah ich das Schild wieder, es schien dasselbe zu sein, auf gleicher Höhe wie damals. Und ich ging stolz und aufrecht darunter durch. Was mich damals glücklich gemacht hätte, würde ich heute allerdings nicht unbedingt zu den Vorteilen des Alterns zählen. Aber wenn’s sonst nichts ist als Schrumpfung, genieße ich meinen progressiven Alttag. In aller Ruhe und Gelassenheit.

Baumhausbeichte - Novelle