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Die olympische Idee (“Anstoß” vom 10. Dezember)

Nach dem Hamburg-Desaster lamentiert DOSB-Chef Alfons Hörmann: »Die olympische Idee und Deutschland passen im Moment wohl nicht zusammen.« Im Medien-Echo hallt es hämisch zurück, die olympische Idee habe Deutschland längst verlassen. Von allen Seiten wird sie also bemüht, diese olympische Idee. Aber was beinhaltet sie überhaupt? Die »Jugend der Welt«? »Dabei sein ist alles«? Freundschaft, Fairness, Völkerverständigung?
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Wir schicken einen modernen Olympioniken auf die Suche, beamen ihn zurück ins klassische Griechenland, zur Geburtsstätte der Olympischen Spiele. Schon beim Olympischen Ur-Eid stutzt er. Stimmt es, dass der Sieg alles, die Teilnahme nichts ist? Gibt es tatsächlich keine Silber- und Bronzemedaillen? Ist der griechische Begriff für den Trainer eines Olympioniken (»paidotribes«, »Knabenschinder«) nicht nur Nomen, sondern auch Omen?
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Wenn unser Athlet die Antworten verkraftet hat, die allesamt »Ja« lauten, muss er auch noch erfahren, dass sein Sport  schon damals bei den Dichtern und Denkern  verpönt ist. Euripides: »Es gibt zahllose Übel in Griechenland, doch nichts ist schlimmer als das Pack der Athleten.« Die aber – only the winner takes it all – scheffeln Geld: »Wer hier siegt, kann das übrige Leben süße Ruhe haben« (Pindar).
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Als unser Athlet sogar sieht, dass auch im alten Olympia Betrug belohnt wird, fühlt er sich ideenmäßig fast wie zu Hause. Schon damals musste man also nur clever und prominent genug sein, um damit viele Jahre durchzukommen, länger jedenfalls als Lance Armstrong. Wie Pelops, der ein olympisches Wagenrennen gegen König Oinomaos gewann, weil er dessen Lenker bestach. Zur Belohnung wurde er als Namensgeber der »Insel des Pelops« (Peloponnes) sogar unsterblich.
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Unser Sportler beginnt zu ahnen, dass die urolympische Idee vom allein seligmachenden Sieg, dieser Lizenz zum Geldscheffeln, sehr wohl zum modernen Sport passt, und dass sie mit ihrer Menschenschinderei und erfolgreichem Betrug, der die Mittel heiligt, nicht daran denkt, uns zu verlassen. Auch als wir den Olympioniken ins alte Rom weiter beamen, fühlt er sich dort sofort olympisch heimisch. Die neuen Herren der Welt lieben Wettkämpfe nach olympischem Vorbild (»certamina graeca«), mit Pelops’ Wagenrennen als populärster Disziplin. Es gibt Fan-Klubs, fanatisch und rivalisierend, die sich durch ihre Kutten unterscheiden und abgrenzen, es gibt Wettbüros, Ausschreitungen sowie Abwerbungsversuche der besten Wagenlenker – ein Circus Maximus, in dem sich selbst die extremsten Bundesliga-Ultras wohlfühlen würden.
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Beim nächsten Zeitsprung wollen wir die ersehnte hehre olympische Idee aber erhaschen, denn Pierre de Coubertin hat sie doch in edler Einfalt und stiller Größe vorbildlich neu definiert. Oder? Nun ja, als in Zeiten tiefer deutsch-französischer Feindschaft (Turnvater Jahn hatte auf der Hasenheide schon mobil gemacht) deutsche Archäologen in Olympia die antiken Sportstätten gefunden hatten, wuchs im Franzosen Coubertin der nackte Neid: »Deutschland hat das ausgegraben, was vom alten Olympia noch vorhanden war. Sollte Frankreich nicht die alte Herrlichkeit wiederherstellen?« Der Nationalismus stand also Pate bei Neuzeit-Kind Olympia.
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Letzter Versuch: Worin sonst als in Hymne und Fackellauf könnte die beschworene olympische Idee stecken? Aber als unser teleportierter Sportler erkennt, dass beide vom Nazi-Propagandaministerium für die Spiele 1936 erfunden und das Olympische Dorf gleich im Anschluss an die Spiele zum Ausbildungslager für Infanteristen umfunktioniert wurde, springt er entsetzt mit einem Riesensatz zurück in die sportliche Gegenwart und verzichtet auf nostalgisch glorifizierte olympische Ideen. Sie helfen uns nicht weiter, neue Ideen sind gefragt.
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Ich bin nicht gegen Olympia an sich, sondern für eine radikale Reform. Das aber wirkt  realitätsfremd, denn statt der wahre Sport der Gegenwart zu sein, was zumindest ansatzweise möglich gemacht werden könnte, raste Olympia zuletzt immer schneller in Richtung Ware Sport, crasht dort und überlebt demoliert allenfalls als gigantischer Circus Maximus für und von Potentaten, die sich das leisten können und wollen. Vielleicht hatten die Hamburger ja die bessere olympische Idee. (gw)
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(www.anstoss-gw.de  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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