Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Bodo Gemmeker: Schuld und Marseillaise

Schuld sind die Mörder, dem stimme ich zu. Sie schreiben,
wir schießen nicht mit Klaschnikows.

Abgesehen davon, dass mein Freundeskreis und ich zuweilen von
Auspeitschkommandos phantasieren, von denen bestimmte Leute
aufgesucht werden sollten, ist doch die Frage, warum machen wir es
nicht?

Ganz einfach, weil sich unsere gesellschaftliche Situation
schlagartig dramatisch verschlechtern würde.

Es geht in erster Linie nicht um das Kränkungspotential, sondern um
das geschlossene Milieu und um die Hoffnungslosigkeit, weil es
daraus kein Entrinnen gibt. Für diese Menschen bedeuten doch
teilweise eine 8 qm Einzelzelle und 3 Mahlzeiten am Tag eine
Verbesserung ihrer Situation, und genau daran hat die Gesellschaft
Schuld, eine zweite Schuld quasi, da braucht man auf den
Jungfrauenblödsinn gar nicht einzugehen.

Sie stört die Aussage, dass die jungen Menschen zu Radikalisierung und
Gewalt getrieben werden und Sie fordern, dass sie mit dem Hass leben
sollen. Radikalisierung ist vonnöten, um die Situation zu verändern;
um sich politisch ohne Gewalt zu engagieren, wäre Bildung hilfreich,
und genau die ist nicht vorhanden. Mit dem Hass lebenslang zu leben,
ist möglich, aber unerträglich und krankmachend.

Es gibt eine aus den USA stammende psychiatrische Theorie, die
besagt, dass es unter 100 Menschen einen Psychopathen gibt, das
wären in Deutschland 800.000. Das sind Menschen, die genetisch
bedingt kein Mitgefühl entwickeln können. Diese Menschen muss man
aus Situationen fernhalten, in denen sich dies negativ auswirken
kann. Der IS hat also ein großes Rekrutierungspotential. Es gibt
auch die weithin unbekannte Krankheit Alexithymie.

Und genau aus diesen Gründen hat eine Gesellschaft für die Auflösung
von Ghettos, für chancengleiche Bildung und für
Therapiemöglichkeiten zu sorgen, um ihre Schuld zu mindern. (Bodo Gemmeker)

Baumhausbeichte - Novelle