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Sport-Stammtisch (vom 5. Dezember)

Hamburgs Bevölkerung schmettert eine Bewerbung ab, bevor sie ins sowieso fast aussichtslose Rennen geschickt wird, und schon jammern die Enttäuschten über den Tod des Sports in Deutschland. Da gleichzeitig über dessen drohenden globalen Exitus geklagt wird, weil es nach den Großpotentaten der Fußballverbände auch immer mehr Kleinfürsten aus exotischen FIFA-Ländern an den Kragen geht, müsste der Sport nach dem Prinzip der doppelten Verneinung besonders vital weiterleben. Zumindest hat der wahre Sport andere Existenzsorgen als die von IOC und FIFA repräsentierte Ware Sport.
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Unabhängig von der sportlichen Seite zeigt ein Volksentscheid auch die Problematik von direkter Demokratie auf, denn sie ist von der Tagesform der Wähler abhängig. Wie wankelmütig diese ist, hat man bei Klitschko gesehen. Seine Tagesform war derart schlecht, dass nicht mal das in diesem Geschäft bewährte Rezept der Stimmenmanipulation zur Anwendung kommen konnte.
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Warum wird Meinungsfreiheit immer nur dann gefordert, wenn es um die eigene Meinung geht? Wehe, eine Schiedsrichterin stellt einen Fußballer vom Platz, und der schimpft im Affekt: »Ich finde, Frauen haben im Männerfußball nichts zu suchen.« Nun steht er am politisch korrekten Pranger. Mich wundert nur, dass Bibiana Steinhaus, die wunderbar souverän reagiert hatte, als sie, von Guardiola angetatscht, dessen Hand wie eine lästige Fliege wegwischte, die Ohren nicht auf Durchzug gestellt, sondern einen Sonderbericht geschrieben hat. Düsseldorfs Zweitligaprofi Demirbay bekam eine saftige Vereinsstrafe aufgebrummt, gegen ihn ermittelt der DFB-Kontrollausschuss, er musste sich wortreich entschuldigen – das volle Programm also.
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Ich bin natürlich nicht Demirbays Meinung, denn im Männerfußball fehlen Frauen durchaus. Als Cheerleaderinnen. – Für alle, die diesen saublöden Witz allzu ernst nehmen, schließe ich mich dem reuigen Fußballsünder an und weine dessen Krokodilstränen mit: »Mir tut es extrem leid. Diesen Satz hätte ich niemals schreiben dürfen, denn er entspricht nicht meinem Frauenbild«.
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Meinungsfreiheit ist ein seltsam Ding. Es gibt sogar den Pragmatismus, eine Sparte der Philosophie, die behauptet, echte Meinungsfreiheit existiere gar nicht. Das Recht auf freie Meinungsäußerung sei lediglich ein Konstrukt der Gesellschaft, die bestimme, was man frei äußern dürfe. Aber das ist ein zwar aktuelles, aber ganz anderes Thema.
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Mich wundert nicht, dass dieser Fall derart viele Schlagzeilen macht. Auch die Aufregung um Rudi Völlers »Pisser« und das 1000-Euro-Urteil gegen einen Altlinken, der einem schimpfenden Blockwart-Typen einen ironischen Hitlergruß gezeigt hat, wundert mich nicht. Das ist nun einmal die deutsche Welt. Mich wundert nur die seltsam unaufgeregte Reaktion in – mit Grund! aufgeregten Zeiten auf den Spinner, der im Stadion auf den Platz rennen und Thomas Müller umarmen konnte. So sicher sind also unsere Bundesliga-Stadien!
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Man solle nicht alle realistisch möglichen Szenarien beschreiben, heißt es. Da ist etwas dran, daher spare ich mir und Ihnen die Auswüchse meiner Phantasie in Sachen Terror und Stadion. Maximilien de Robespierre, quasi der Erfinder des Terrors, benutzte in der Französischen Revolution den »Terreur« (= Schrecken) zur Erzeugung von »Angst, vor der die Leute Angst haben« – und wenn wir ständig Angst haben, hat der Terror sein Ziel erreicht.
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Statt Angst will ich daher schwarzen Humor verbreiten, also mit Entsetzen Scherz treiben. Haben auch Sie aus Solidarität die Marseillaise mitgesungen? Gegen ihren Text wirkt sogar unsere verpönte erste Strophe wie eine Friedenshymne: »Zu den Waffen, Bürger! Formt Eure Schlachtreihen, Marschieren wir, marschieren wir! Bis unreines Blut unserer Äcker Furchen tränkt!«
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Nicht nur deswegen singe ich nicht mit. Ich halte mich an den großen Zinedin Zidane, der einmal gesagt hat: »Ich werde nie die Marseillaise grölen.«
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Warum auch grölen, wenn’s Marseil-leise heißt? (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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