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Schuld (“Nach-Lese” vom 5. Dezember)

Woher kommt der Terror, und wer ist schuld? In der Nach-Lese des seit Paris Geschriebenen schimmert immer wieder eine fast masochistische Selbstkritik durch. Da wird unserer Gesellschaft buchstäblich zugeschrieben, sie sei mitverantwortlich, wenn sie angegriffen wird. »Die Terroristen von Paris lebten in den Vorstädten. Das erklärt zwar nicht alles. Doch die Politik bekommt die Probleme in den Vierteln nicht in den Griff. Droht das auch in Deutschland?«, fragt die »Frankfurter Allgemeine Zeitung«.
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Die »Süddeutsche Zeitung« findet in ihrer Ursachenforschung das »größte Problem« in »geschlossenen Milieus mit ausgeprägtem Kränkungspotenzial«. – Apartes Wort. Kränkungspotenzial habe ich auch, sogar ausgeprägtes. Wer nicht? Wir binden uns aber keine Sprengstoffgürtel um oder schießen mit Kalaschnikows.
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Passend zum Kränkungspotenzial finde ich, in der »Welt« nachlesend, ein Interview mit dem Gerichtspsychiater Reinhard Haller über »die ungeheure Kraft der Kränkung«. Auch Haller sieht in »persönlichen Verletzungen den häufigsten Auslöser für Gewalt und Terror«, aber er relativiert: Manchmal schaffe die Kränkung auch »große Kunst«. Doch wenn es als Antrieb von großen Verbrechen bis zu großer Kunst alles erklärt, verliert das Kränkungspotenzial sein Überzeugungspotenzial.
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»Der Amokläufer von Emsdetten gab als Grund für seine Tat an, dass seine Klasse vor acht Jahren auf Schülerreise in Rom war und keiner mit ihm aufs Zimmer wollte« (Haller). – Aber ähnliche Kränkungen erleb(t)en wir doch alle, auch gehäuft.  – »Es sind komplexe Umstände, die einen jungen Menschen zur Radikalisierung und Gewalt treiben« (FAZ). – Einspruch! Mich stört das »und«. Zwar wird der eine in bevorzugte, der andere in benachteiligte Verhältnisse hineingeboren, zwar leiden viele Jugendliche unter ihren familiären und sozialen Gegebenheiten, zwar ist in solchen Fällen, die sich leider häufen, auch radikale Abkehr von der Gesellschaft und auch Hass auf sie nachvollziehbar, aber selbst dann hat man immer noch die freie, die entscheidende Wahl: Mit dem Hass leben oder aus Hass morden. Bei aller Verständnisbereitschaft: Schuld sind die Mörder. Punkt.
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Empathie ist der Schlüssel. Einfühlungsvermögen. Wer zu viel für die Täter aufbringt, hat zu wenig für die Opfer übrig. Es muss kein Mangel an Empathie, es kann fehlgeleitete sein. Oder wegtrainierte, wie bei dem norwegischen Massenmörder Breivik, der sogar ein spezielles Antimitleids-Trainingsprogramm absolviert hatte.
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Auch die Terroristen, die aus Hass den Massenmord wählen, haben Gefühle, kennen Mitleid und sogar Barmherzigkeit, sind also durchaus empathisch. Aber ihre Einfühlsamkeit ist selektiv und selbstbezogen. Mitleid mit sich und der eigenen Gruppe, bei gleichzeitigem mitleidlosen Abschlachten der anderen. Vernichtungsbereitschaft im göttlichen oder staatlichen Auftrag, angefacht von psychopathischen Demagogen.
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Das kennen wir ja. »Ein Grundsatz muss für den SS-Mann absolut gelten: ehrlich, anständig, treu und kameradschaftlich haben wir zu Angehörigen unseres eigenen Blutes zu sein und sonst zu niemandem.« Und das schaurigste Wort, aus Himmlers berüchtigter »Posener Rede« zum Massenmord an den Juden: »Dies durchgehalten zu haben, und dabei – abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen – anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht und ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte.« Ein Ruhmesblatt mit dem noch manche Generation nach uns leben muss.
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Warum leidet der eine mit, warum bringt der andere mitleidlos um? Was sind die Wurzeln des Hasses? Das war auch die Lebensfrage des kürzlich verstorbenen Psychoanalytikers Arno Gruen. »Eine Schlüsselerfahrung hatte er auf der Schulbank gemacht: Als eine Lehrerin die Klasse fragte, wer unter ihren Zöglingen bereit sei loszugehen und ihr einen Rohrstock zu besorgen, damit sie alle besser züchtigen könne, schnellten 29 von 30 Zeigefingern in die Höhe« (aus einem SZ-Nachruf). Das erinnert an Stanley Milgram und sein berühmtes Experiment. Er hatte Schüler von Testpersonen überwachen lassen, mit der Maßgabe, ihnen für jeden Fehler Elektroschocks zu versetzen, mit bei jedem weiteren Fehler steigender Intensität. Was die Testpersonen nicht wussten: Die elektrischen Schläge waren nur vorgetäuscht und die »Schüler« Schauspieler, die immer erbarmungswürdigere Schmerzensschreie ausstießen. Testpersonen, die abbrechen wollten, wurden energisch aufgefordert weiterzumachen – was zwei Drittel auch noch taten, als die Stromstöße, was sie wussten, tödlich gewesen wären. – Kann jeder zum Massenmörder werden? Glaube ich nicht. Man hat immer die Wahl.
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In Jonathan Franzens Roman »Unschuld« heißt es: »Und doch: Schuld muss von allen menschlichen Größen die ungeheuerlichste sein.« Welche Strafe wäre die härteste für diese ungeheuerlichste Schuld? Lebenslänglich? Folter? Hinrichtung? Nein, die grausamste Strafe wäre, wenn Mördern wie denen von Paris bewusst würde, was sie angerichtet haben, so dass sie mit-leiden müssten, was Opfer und Angehörige leiden mussten und müssen. Von Empathie überwältigt, würden sie um Hinrichtung betteln.
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Nicht nur, weil ich Gegner der Todesstrafe bin: Ich würde dieses Gnadengesuch ablehnen (gw)
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(www.anstoss-gw.de  gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle