Archiv für Dezember 2015

Reinhold Schmidt: Meinungssubstanz – Doppeldeutigkeit

Ich möchte mich ausdrücklich für Deine Kommentare zur politischen Situation in den Montagsthemen bedanken. Der Blick über den Tellerrand zeichnet den wirklich guten Journalist aus. Und Du bist ein kleiner Leuchturm im Meer der allgegenwärtigen Meinungsmanipulation und Faktenignoranz.

Danke und mach bitte noch lange weiter. (Reinhold Schmidt)

Veröffentlicht von gw am 29. Dezember 2015 .
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Montag, 28. Dezember, 11.15 Uhr

In seiner Mail, deren Auszüge in der “Mailbox” zu finden sind, fragt Dr. Hauschild auch, wie die Resonanz auf meine “Inkorrektheiten” sei. Das gab mir einen Denk-Anstoß, der vielleicht auch andere Leser interessiert:

Die Reaktionen auf meine außersportlichen Inkorrektheiten sind quantitativ leider spärlich, aber fast durchweg zustimmend. Vielleicht habe ich Narrenfreiheit? In Leserbriefspalten geht es jedenfalls erbitterter zu.
Zum Flüchtlingsthema habe ich ja zu einem frühen Zeitpunkt einen Satz geschrieben, der meine befürchtende Meinung immer noch am treffendsten zusammenfasst:
Wir leben in zwei Zeitaltern, einem der Dekadenz und einem der Völkerwanderung; das eine wird das andere beenden.
Ich fürchte aber, das, was ich damit meine, wird nicht richtig verstanden, sonst hätte ich mächtig Ärger bekommen. Es hat mit Gesinnungs- und Verantwortungsethik zu tun. In der Dekadenz, die an sich nichts Schlimmes ist (so wie ich sie verstehe, als Über-Reife einer Kultur; Sparta zum Beispiel war nicht dekadent, sondern archaisch brutal – da lebe ich lieber in der Dekadenz), blüht doch noch etwas, nämlich die Gesinnungsethik. Die lässt uns alle Mühseligen und Beladenen und überhaupt alle, die nicht unseren Lebensstandard haben und zu uns kommen wollen, um unsere in Jahrzehnten erarbeiteten und in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen erkämpften sozialen Wohltaten mitzugenießen, in illusionärer christlicher Barmherzigkeit nicht nur willkommen heißen, sondern sogar auffordern, zu uns zu kommen – wir schaffen das! Die Verantwortungsethik verlangt aber eher australische Verhältnisse und ist, wenn man vom Ende her denkt, wie angeblich die Kanzlerin, barmherziger als der – wieder einmal – deutsche Sonderweg. Von daher fürchte ich, dass nach der Völkerwanderung das kommt, was nach Hellas und Rom gekommen ist.

Schwierig, schwierig. Man sieht es auch an den hypotaktischen Satzungetümen. Zur Entspannung empfehle ich “Ohne weitere Worte”, die Kolumne steht jetzt ebenfalls online. Nur im Blog mit weiteren Worten: In OWW steht heute auch ein Beispiel von gequirltem Quark, von überquirltem sogar und bewusst an das vorherige Zitat von den Kulturposen gestellt. Dazu fallen mir jetzt die Tukur-Tatorte ein, aber zum gestrigen kann ich nichts sagen, denn ich habe ihn gezielt vermieden in der Ahnung, dass Tukur seinem Affen noch mehr Zucker geben wird als im Zirkus-Tatort. Aber vielleicht habe ich mich ja getäuscht und es war großartig.

Veröffentlicht von gw am 28. Dezember 2015 .
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Dr. Hans-Ulrich Hauschild: Unter uns Dumpfbacken (Montagsthemen)

Da gibt es heute kurz etwas zu kommentieren, lobend, erstaunt, bewundernd. Vielleicht das aber auch nur, weil ich die Dinge um die sog. Flüchtlingspolitik etwas arg dunkel sehe. Wie, sagen manche, man kann gar nicht dunkel genug schauen? Jawohl, so ist es. Und Ihre gar nicht ironischen mathematischen Anmahnungen bestätigen dies. Ausweislich der These von der »geistigen Brandstifterschaft« sind schon solche Fragen, wie Sie sie gestellt haben, genau in diese Kategorie einzuordnen. Denn: eine Anfrage an den Anteil der Migranten an den Verbrechensziffern ist politisch nicht erlaubt gegen Strafe der Bezichtigung eben als Brandstifter. Oder als Dumpfbacke, wie Schäuble, die Dumpfbacke – warum, sage ich gleich – gestern oder wann auch immer mitgeteilt hat. Jeder, der Fragen stellt, Einwände hat, und seien sie auch noch so fundiert, ich weiß, wovon ich rede, ist eine Faschist, Rassist oder eben wenigstens eine Dumpfbacke und ein Brandstifter. Schäuble sollte still sein, denn sein »Isch over« gegen griechische Rentner, Kranke, Alte, Sozialhilfeempfänger, die gewagt haben zu fragen, wie und wovon sie denn angesichts der deutschen Sparpolitik leben sollen, war nichts anderes als die dumpfbackige Bedienung von Vorurteilen und Stimmungen genau jener Klientel, die er jetzt sich vorgenommen hat. (Dr. Hans-Ulrich Hauschild/Gießen)

Veröffentlicht von gw am 28. Dezember 2015 .
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Ohne weitere Worte

Kluges, Originelles, Peinliches, Schräges, Dümmliches, Erhellendes oder sonstwie Inter-essantes, gesucht und gesammelt in der deutschen Medienlandschaft.
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Was hat Pep Guardiola Ihnen vermittelt? – »Als er nach München kam, hat er mir gleich ein paar Szenen vorgespielt und gesagt: Schau, diese Szene kann nicht sein als Abwehrspieler, diese Szene auch nicht …« – Was waren das für Szenen? – »So eine Art ›Best of dumme Fouls‹.« (Jérôme Boateng im Interview der Süddeutschen Zeitung)
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Eine der großen Lehren, die Guardiola aus seiner Zeit als Trainer in Barcelona gezogen hat, ist die Tatsache, dass er dort in seinem vierten Jahr jeden Zauber verlor. Das hat etwas mit der Intensität zu tun, mit der er seine Spieler beansprucht. (…) Erneuerung hat Guardiola zum Prinzip erhoben, nicht nur, was die Startelf betrifft, bei der er in 134 Spielen 132-mal eine andere Aufstellung als im Spiel zuvor wählte. Er hat sich, möglicherweise gemäß seinem Prinzip, selbst ausgetauscht, bevor es zu spät ist. (Marc Hujer im Spiegel)
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Mich nerven Fußballtrainer wahnsinnig, die im Kampf um Kataloniens Unabhängigkeit symbolische Listenplätze besetzen oder in Literaturhäusern Gedichte vortragen. Das sind Gesinnungsinszenierungen, Kulturposen, bei denen vor allem Fußball-Feuilletonisten in so hemmungs- wie grundlose Verzückung geraten. (»pek« in der Frankfurter Allgem. Sonntagszeitung; Überschrift: »Unerträglicher Guardiola«)
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Das Motto der neuen adidas-Kampagne (…) lautet: »Be the difference«. Pardauz! Make a difference (…) – so hätte noch der Modernist gesprochen, der in der Abweichung die Innovation begreift. (…) Das Wort Hose (die des Trikots zum Beispiel) vermittelt uns eine entsprechende Vorstellung nicht dank seiner Hosenhaftigkeit, sondern weil es nicht Dose oder Rose heißt. Sinn ist also nur ein Flackern zwischen den Begriffen, und dieses Flackern nun soll Daseinsmaxime des Rezipienten (nüchternes Wort für: Fan) sein. (…) Und das ausgerechnet von einem Turnschuhverkäufer. (Daniel Haas in der Zeit)
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Den Rekord, mit drei verschiedenen Vereinen die Champions League gewonnen zu haben, erwirbt man nicht nebenbei. Ebenso aber gilt: Die Langstrecke der Klubmeisterschaften ist nicht Ancelottis Stärke. (…) Vielleicht denkt man beim FC Bayern ja, die Meisterschaft sei garantiert, und holt den charmanten Ancelotti für die big points in der Königsklasse. (Paul Ingendaay in der FAS)
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Es ist, als fürchte man nach den mystischen Höhenflügen mit dem asketischen Katalanen Guardiola, mit dem stämmigen Italiener wieder auf dem Boden der Tatsachen zu landen. Also bei der Einsicht, dass (…) das, was neuerdings in Deutschland als »Philosophie« eines Trainers (…) verkauft wird, mit dem Begriff Taktik eigentlich auch ganz gut bedient wäre. Einer wie Ancelotti könnte die Aufregung um Spielsysteme und Trainerpersönlichkeiten als Wichtigtuerei entlarven. (Birgit Schönau in der Zeit)
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Die Bundesliga (…) wird allerdings mit einem Carlo Ancelotti definitiv wieder ein erträglicherer Ort sein. (»pek«/FAS)
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Als er später in Stuttgart begann, stellte ihm der VfB den ehemaligen Italien-Profi Andreas Brehme zur Seite. Schon die erste Ansprache rief babylonische Zustände hervor. Trapattoni wies auf das nötige Gleichgewicht von Angriff und Abwehr hin, Brehme übersetzte: »Männer, wir sind in der Vorbereitung – achtet auf euer Gewicht.« (Philipp Selldorf in der SZ)
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Ich bin in Rostock aufgewachsen. Hier auf dem Platz haben wir uns 1989 zu den Montagsdemonstrationen getroffen. Davor waren wir in der Kirche, in der Joachim Gauck als Pfarrer tätig war. Er hat in seinen Predigten dann immer zu Friedfertigkeit aufgerufen und zur Akzeptanz derer, denen man von außen schon den Staatssicherheitsdienst ansah; wir nannten sie nur »die Schlapphut-Gang«. Dass Joachim Gauck eines Tages Bundespräsident werden würde, hätte ich damals natürlich nicht gedacht. (Devid Striesow in der SZ-Serie »Fotoalbum«)
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Als Beweis dafür, wie angeschlagen Gabriel angeblich ist, gilt jetzt das Ergebnis vom Parteitag. Die Wahrheit ist: Kein Chefredakteur würde bei einer geheimen Abstimmung 74 Prozent der Stimmen bekommen, außer natürlich beim Spiegel. (Jan Fleischhauer in seiner Spiegel-Kolumne »Der schwarze Kanal«) (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Veröffentlicht von gw am 28. Dezember 2015 .
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Ungetwittert

Der Naturwissenschaftler glaubt, dass er weiß. Der Fromme weiß, dass er glaubt. Sie lesen die erste “Bild”-Schlagzeile im Jenseits:

 

ALLES GANZ ANDERS! 

Veröffentlicht von gw am 28. Dezember 2015 .
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Baumhausbeichte - Novelle