Archiv für Dezember 2015

Montag, 28. Dezember, 11.15 Uhr

In seiner Mail, deren Auszüge in der „Mailbox“ zu finden sind, fragt Dr. Hauschild auch, wie die Resonanz auf meine „Inkorrektheiten“ sei. Das gab mir einen Denk-Anstoß, der vielleicht auch andere Leser interessiert:

Die Reaktionen auf meine außersportlichen Inkorrektheiten sind quantitativ leider spärlich, aber fast durchweg zustimmend. Vielleicht habe ich Narrenfreiheit? In Leserbriefspalten geht es jedenfalls erbitterter zu.
Zum Flüchtlingsthema habe ich ja zu einem frühen Zeitpunkt einen Satz geschrieben, der meine befürchtende Meinung immer noch am treffendsten zusammenfasst:
Wir leben in zwei Zeitaltern, einem der Dekadenz und einem der Völkerwanderung; das eine wird das andere beenden.
Ich fürchte aber, das, was ich damit meine, wird nicht richtig verstanden, sonst hätte ich mächtig Ärger bekommen. Es hat mit Gesinnungs- und Verantwortungsethik zu tun. In der Dekadenz, die an sich nichts Schlimmes ist (so wie ich sie verstehe, als Über-Reife einer Kultur; Sparta zum Beispiel war nicht dekadent, sondern archaisch brutal – da lebe ich lieber in der Dekadenz), blüht doch noch etwas, nämlich die Gesinnungsethik. Die lässt uns alle Mühseligen und Beladenen und überhaupt alle, die nicht unseren Lebensstandard haben und zu uns kommen wollen, um unsere in Jahrzehnten erarbeiteten und in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen erkämpften sozialen Wohltaten mitzugenießen, in illusionärer christlicher Barmherzigkeit nicht nur willkommen heißen, sondern sogar auffordern, zu uns zu kommen – wir schaffen das! Die Verantwortungsethik verlangt aber eher australische Verhältnisse und ist, wenn man vom Ende her denkt, wie angeblich die Kanzlerin, barmherziger als der – wieder einmal – deutsche Sonderweg. Von daher fürchte ich, dass nach der Völkerwanderung das kommt, was nach Hellas und Rom gekommen ist.

Schwierig, schwierig. Man sieht es auch an den hypotaktischen Satzungetümen. Zur Entspannung empfehle ich „Ohne weitere Worte“, die Kolumne steht jetzt ebenfalls online. Nur im Blog mit weiteren Worten: In OWW steht heute auch ein Beispiel von gequirltem Quark, von überquirltem sogar und bewusst an das vorherige Zitat von den Kulturposen gestellt. Dazu fallen mir jetzt die Tukur-Tatorte ein, aber zum gestrigen kann ich nichts sagen, denn ich habe ihn gezielt vermieden in der Ahnung, dass Tukur seinem Affen noch mehr Zucker geben wird als im Zirkus-Tatort. Aber vielleicht habe ich mich ja getäuscht und es war großartig.

Veröffentlicht von gw am 28. Dezember 2015 .
Abgelegt unter: Blog – Sport, Gott und die Welt | Kommentare deaktiviert für Montag, 28. Dezember, 11.15 Uhr

Ungetwittert

Der Naturwissenschaftler glaubt, dass er weiß. Der Fromme weiß, dass er glaubt. Sie lesen die erste „Bild“-Schlagzeile im Jenseits:

 

ALLES GANZ ANDERS! 

Veröffentlicht von gw am 28. Dezember 2015 .
Abgelegt unter: Blog – Sport, Gott und die Welt | Kommentare deaktiviert für Ungetwittert

Sonntag, 27. Dezember, 6.35 Uhr

Zuerst bei „Bild“ nachgeschaut. „Liverpool langsam wie ein Klopp-Team“. Wie bitte? Was soll das? Sooo langsam waren Klopp-Teams doch wirklich nicht! Es dauert ein Momentchen, bis die Sandmännchen im Kopf verschwunden sind.

Manche Doppeldeutigkeit klärt sich langsamer. Oder gar nicht. Dass Angela Merkel „Person des Jahres“ ist, wird gefühlt von 99 Prozent der deutschen Medien groß gefeiert. Bei nur einem Prozent spielt die Reihenfolge eine Rolle: Zweiter ein terroristischer Massenmörder, Dritter ein Durchgeknallter.

„Gefühlt“ – das Wörtchen benutze ich auch manchmal. Kam wann auf? Kann nicht lange her sein. Eigentlich ein schönes kurzes Wort für etwas, das einen Nebensatz ersetzt, also fast ein … ein … ein … Sandmännchen, raus aus dem Kopf! … mir fällt das Wort nicht ein. Ein Stilmittel halt. („Feuer!“ statt „Dort brennt ein Haus!“, „Hilfe!“ statt „Helft mir doch bitte, ich habe ein großes Problem“ usw.)

…….

Zwei Minuten später: Das Dingens hat mir keine Ruhe gelassen. Bin „gefühlt“ in das gw-Archiv gestiegen und habe es gefunden. Ich wusste ja, dass ich schon mal über das Dingens geschrieben habe, mit „Feuer!“ als Beispiel. Und da hab ich es, das Dingens: die Ellipse. Vor vier Jahren geschrieben:

Paradebeispiel eines elliptischen Satzes ist die im akuten Notfall nicht unangebrachte Verkürzung von »Hier brennt ein Feuer, rufen Sie bitte schnellstmöglich die Feuerwehr, damit sie den Brand löscht« zum Ausruf: »Feuer!« 

Wo war ich? Doppeldeutigkeit und  Medien. „Lügenpresse“. Auch so ne Ellipse. Vor allem ein bösartiger Kampfausdruck, falsch, verzerrend – aber mit einem wahren Kern. In den Meldungen der Nacht gelesen: Straftaten gegen Flüchtlinge 2015 vier Mal so hoch wie im Vorjahr. Was sagt uns das? Zunächst mal nichts. Ohne Zusatzinformation reine Stimmungsmache. Die wäre es auch bei der Meldung Straftaten von Flüchtlingen vier Mal so hoch wie im Vorjahr. „Gefühlt“ belegt das eine wie das andere nur das Gefühl der einen oder anderen. Sachlichen Gehalt erführe eine solche Meldung nur mit der Zusatzinformation, wie hoch die Zahl der Flüchtlinge im Vergleich zum  Vorjahr ist.

Der kleine, aber wesentliche Kern des bösen falschen Worts von der „Lügenpresse“ wäre ein Thema, das ich mir für eine der nächsten Kolumnen vornehmen sollte. Wäre aber sehr schwierig. Im Moment fällt mir als Beispiel – leider, natürlich – Doping ein, bzw. Lance Armstrong, der altböse Feind, dessen Teilnahme an einem Hobbylauf in den Medien sportmoralisch gegeißelt wurde. Dazu rumort im Sandmännchen-Kopf die Antibabypille (weia, welch ein Satz – so warm, dass die Stilblüten blühen!). Noch mal bitte ich um einen Moment (und nehme ihn mir ungefragt) … ich habe vor Weihnachten doch schon einen Satz notiert, als ich von der aktuellen Geschichte gehört und „Antibabypille“ nachgeschlagen hatte … hier ist er:

Im Grunde ist die Pille ein Steroid wie Anabolika / Vergrößerung des Stirnlappens, des Kleinhirns und des Hippocampus typisch.

Daraus ist zu folgern, dass … ach, nicht jetzt. Die Sandmännchen. Außerdem sollte ich mir langsam Gedanken über die „Montagsthemen“ machen. was steht denn auf dem Zettel? Ach ja, ganz oben sogar „Armstrong/Anti-Baby-Pille“. Nee, nicht heute. Was noch? „Leser-Ping-Pong“, „Verschränkung, Lauf, Flow“, „Schwanitz/alte Kolumne“, „der/das Narrativ vom „Narrativ“, „taz und „fast“ / „Spiegel-Titel zwischen den Jahren“. Das war’s auch schon. Hat aber schon geholfen, die Aufzählung. Montagsthematisch klärend. Bis dann.

Veröffentlicht von gw am 27. Dezember 2015 .
Abgelegt unter: Blog – Sport, Gott und die Welt | Kommentare deaktiviert für Sonntag, 27. Dezember, 6.35 Uhr

Dienstag, 22. Dezember, 16.50 Uhr

Soeben die WBI-Auflösungskolumne samt Titel korrigiert: Aus 22 wurden 21, denn Manfred Stein hatte den Online-Text schon gelesen und darin seinen Namen unter den „Dreiern“:

Drei Punkte habe ich aber nicht. Den Namen Ellie Goulding habe ich noch nie gehört, da wäre ich auch im Leben nicht drauf gekommen. Anderen gleichaltrigen Mitratern meinen Respekt! Ich hatte mich für Christine Neubauer entschieden. Die singt zwar nicht, aber das  mit dem „Resonanzkörper“ leuchtete mir ein. Bis zur nächsten Runde. Ich wünsche Ihnen schöne Feiertage.

Fair geht vor! Respekt! Wie bei Ingrid Wittich würde ich auch Manfred Stein am liebsten Ehren-Punkte geben.

Die nächsten „gw“-Kolumnen (Zeitungsdaten): Montagsthemen (28.), Ohne weitere Worte (29.), Sport-Stammtisch (2.), danach wie üblich.

 

Veröffentlicht von gw am 22. Dezember 2015 .
Abgelegt unter: Blog – Sport, Gott und die Welt | Kommentare deaktiviert für Dienstag, 22. Dezember, 16.50 Uhr

Sonntag, 20. Dezember, 6.30 Uhr

Meldungen der Nacht: Anke Engelke wird 50, Udo Jürgens ist seit einem Jahr tot, beim „Tatort“ gab es 2015 111 Tote … nein, nicht zwei Millionen und ein paar (manchmal buchstäblich) zerquetschte, sondern … im Jahr 2015 gab es 111 Tote. Ich weiß nicht, ob in dieser Statistik schon der nächste Schweiger-„Tatort“ berücksichtigt ist. Wahrscheinlich zählen die Tele-Statistiker noch und kommen mit Schweigers Leichen doch noch auf die zwei Millionen und die Zerquetschten.

Als ich die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung reinhole und auf die Titelseite blicke, blinkt Minibruchteile einer Sekunde lang der mitleidige Gedanke auf: Das hat der arme Kerl aber wirklich nicht verdient! „Gabriel erklärt Austritt beim Parteitag“ lese ich da, zwar auf Seite 1, aber nur als kleiner Zweispalter, sogar nur in der Unterzeile, über die das Blatt auch noch die hämisch zustimmende Schlagzeile stellt: „Wann sonst?“ Bevor sich die Gedanken in die Hirnkurven legen und zum Beispiel fragen können, warum diese Hammer-Meldung so klein und so spät kommt, blinkt die Entwarnung auf und erleuchtet mich: „Gabriel erklärt Auftritt beim Parteitag“. Ach so.

Gabriel, früher Siggi Pop, hat mit der SPD mehr seinen Schaff als Merkel mit der CSU. Als er noch Siggi Pop (wirklich wahr: Pop-Beauftragter der SPD) war und auch später noch irrlichterte, stand er in meiner Hitparade ganz unten. Als ich dann über seine Kindheit und den üblen Vater las, änderte sich das, mittlerweile ist er unter meinen Top Ten bis Five, auch weil er nicht mehr zuckt und zappelt. Womöglich teilt er aber bald das Schicksal jener Menschen aus dem Sport, die Lieblinge meiner Kolumnen wurden, denen ich aus Sympathie ganze Serien widmete … und die prompt kläglich, krachend oder langsam und schließlich fast unbeachtet scheiterten. Eine schwarze Serie, über deren Hintergrund ich oft nachgedacht habe. Reiner Zufall? Oder weckt bei diesen öffentlichen Personen meine Sympathie, dass ich unbewusst das latente Scheitern in ihnen spüre? Was meint Berti dazu? Oder Jan? Oder Torsten? Oder … die Reihe ist noch lang.

Noch ein Blick auf die FAS-Titelseite: „Mythos Stradivari  – Warum klingt die eine Geige gut, die andere mäßig?“ Was weiß denn ich? Ist mir auch egal. Was aber hier aufblinkt: Zuerst „Mythos“, denn dieses Wort lässt in mir sofort ein Bild aufleuchten: Wir zwei in einer Taverne an der Paralia, Tisch direkt am Strand, die Sonne geht hinter dem Meer unter, und wir trinken unser Feierabend-Bier in der Ägäis. Marke „Mythos“. Nie und nirgends sonstwo habe ich solch ein herrliches Bier getrunken. Ein einziges Mal habe ich versucht, in Deutschland ein „Mythos“ zu trinken. War sehr, sehr enttäuschend. Beim „Mythos“ schmeckt wohl nicht das Innedrin in der Flasche so gut, sondern das Drumherum: Griechenland, Ägäis, die Inseln, der Strand, das Meer, der Sonnenuntergang. Ach ja.

Zweites Aufblinken: „Stradivari.“ Versetzt mich in die Kindheit. Als mein Vater mit einer Geige nach Hause kam. Einer Amati. Amati und Stradivati … quatsch, lieber Herr Freud:…  Stradivari seien die berühmtesten Geigenbauer der Welt gewesen. Die Amati, die Stradi-Vati auf den Kachelofen legte (es war Sommer), sei viele tausend Mark wert. Ich staunte andächtig und vergaß die beiden Wörter nie: Amati und Stradivari.

War ich ein Kind aus besseren Kreisen? Gar ein Millionärssöhnchen? Sollte ich auf der Amati Geige spielen lernen? Schön wär’s gewesen. Oder vielleicht auch nicht, wenn man den Lebensweg so manches Millionärssöhnchens miterlebt bzw. mitgelesen hat. „Meine“ Amati hatte der Vater, dessen Beruf mir als Kind sehr peinlich war (Gerichtsvollzieher), gepfändet und ihres Wertes mit nach Hause genommen, um sie nicht aus den Augen zu lassen.

So. Wieder einmal ungeordnet und spontan mit müdem Kopf wach- und warmgeschrieben, ohne dass Verwertbares für die „Montagsthemen“ rausgesprungen wäre. Oder? Nachher mal nachlesen. Aber jetzt rumort es im Haus. Gleich gibt’s KKK. Mit viertem Ka? Schaumerma.

Veröffentlicht von gw am 20. Dezember 2015 .
Abgelegt unter: Blog – Sport, Gott und die Welt | Kommentare deaktiviert für Sonntag, 20. Dezember, 6.30 Uhr