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Sonntag, 29. November, 6.40 Uhr

Ungemütlich da draußen. Nass und  klamm und dunkel. Auch die FAS hat beim Reinholen was abgekriegt. Trocknet jetzt neben mir vor sich hin. Blick rüber. Oben Olympische Ringe, daneben der Anreißer für den Sporttteil: »Streit um Olympia. Hamburg stimmt ab. Doch wer soll die Spiele bezahlen?« Na, wer schon. Ich natürlich. Wie immer. Wer sonst? Blöde Frage, blöde Antwort, ich weiß. Klingt nach populistischem Mecker-Opa. Ist aber einfach nur wahr. Ist aber kein Olympia-Statement. Bekäme Hamburg die Spiele, würde ich mich sogar freuen und notfalls mit dem Rollator hintapern.

Sigmar Gabriel kam nicht nach Hamburg, sondern zum Spiel gegen Hamburg nach Bremen ins Weserstadion, um seine Werder-Mannschaft verlieren und immer weiter absinken zu sehen. Das war aber sicher nicht so masochistisch, wie in die Bremer Messehalle zu gehen und sich beim Juso-Kongress in den Senkel stellen zu lassen. Er heißt ja auch nicht Merkel und könnte sich nicht wie diese von einem Pöbelpobel auf dem Podium  abkanzlern lassen. Sie hat es stoisch über sich ergehen lassen. Gabriel hätte wild zurückgeschlagen, dabei Kanzlerreife gezeigt wie Kohl 1991 in Halle, den nur ein Absperrgitter davon abhielt, einen Eierwerfer eigenhändig zu zerquetschen. Merkel kochte vor Wut, blieb aber äußerlich cool. Doch wehe, wenn Seehofer irgendwann ihre Hilfe braucht.

Aus den Meldungen der Nacht: Cate Blanchet lobt Deutschland für seine Flüchtlingspolitik und schimpft auf ihr eigenes Land. Denn  Australien hält Bootsflüchtlinge außerhalb des Landes in Lagern wie in Papua-Neuguinea oder im mikronesischen Nauru fest. Die Regierung in Canberra bezahlt für die Unterhaltung der Lager. (Quelle: dpa). Wer bei uns so etwas erwägtt, wird gleich in die Schublade gesteckt, in der die rechtspopulistischen Dumpfbacken stecken. Sind die Australier böse und wir gut? Mein IWT dazu: Australien hat eine sehr viel anständigere, humanere Historie als wir. Kein Grund, uns zu überheben, sondern um zu überlegen, ob wir uns an demokratisch gereiften Ländern orientieren sollten oder nur an uns, wie so oft in der Geschichte mit bösem Ende. In einem Welt-Interview mit dem Schriftsteller Michael Kleeberg lese ich: “Ich zucke aus historischen Gründen immer zusammen, wenn Deutschland große Visionen zur Errettung der Welt ausbrütet.”  Frage: “Wie wird Deutschland die Millionen arabischer Flüchtlinge verkraften? Könnte es ihm gar gelingen? Wäre das nicht ein deutsches Märchen? - Antwort:  ”Nein, es könnte nicht gelingen, Millionen zu verkraften. Und nein, ich will auch keine deutschen Märchen, sondern ein wenig deutsches Hirn und deutsche Vernunft zur Abwechslung.”

Bevor auch die, die noch keinen Roman von Kleeberg gelesen haben, den Mann in eine Schublade stecken, suche ich eine Textstelle, die ein für mich unvergessliches Bild von Empathie ist. Moment, ich schreibe ja in Echtzeit, muss den Text beenden und ins Archiv klicken …. Wieder da. Habe meine Rezension vom August 2010 auf “meiner” Bücherseite gefunden (auch eines meiner Babys, lebt immer noch, aber ohne mich). Ich beame  den kompletten Text in den Blog:

Michael Kleebergs außergewöhnlich intensiver neuer Roman      Die Ibisse des Gebeutelten      Ich saß oben auf meinem Bradley und sah zu, in die Sonne hinein, wie die sieben Ibisse die Hälse reckten und die Schnäbel nach oben hielten, und wie die Schnäbel sich öffneten, als bettelten sie die Sonne an. Ich habe zweien meiner Männer befohlen, sie abzuschießen.   So endet eine der eindrucksvollsten Szene in Michael Kleebergs neuem Roman, der nicht minder beeindruckend und dramatisch beginnt: Der US-Soldat David Cote bricht im amerikanischen Hospital von Paris vor den Augen der Französin Hélène zusammen. Sie ist dorthin gekommen, weil sie hofft, mit Hilfe der modernen Reproduktionsmedizin ein Kind bekommen zu können, er leidet nach der »Operation Desert Storm« an einem schweren Kriegstrauma.   Die beiden aus unterschiedlichen Gründen seelisch Versehrten begegnen sich wieder, lernen sich kennen und mögen, erzählen einander von ihren Lebensschmerzen und den Strategien, diese aushalten zu können.   Die Ibisse. Warum wurden sie erschossen? Schon als der erste die Oberfläche des Sees erreichte, konnte man sehen, dass etwas nicht stimmte. Aber da war es bereits zu spät. Eigentlich hätte es eine Gischtwolke geben müssen, tausend in der Sonne funkelnde Tröpfchen. Aber als der Körper aufkam, ging da nur eine schwarze, teerige Welle hoch, die die Vögel bespritzte, und sie wurden ruckartig gebremst, als seien sie in schlierigen Klebstoff getaucht. Es war kein See, Es war ein Ölteich.   Flüchtende Iraker hatten Ölquellen geöffnet, die glatte, glänzende Oberfläche des tödlichen Sees verlockte die Ibisse zu einer unverhofften Rast.   Natürlich versuchten die Ibisse sofort

wieder hochzufliegen. Aber das ging nicht. Die Schwungfedern waren schon verklebt. Dann begannen sie die Hälse zu drehen und versuchten sich das Gefieder zu putzen. Und nun hatten sie das Öl auch am Schnabel, am Kopf.   Es gibt noch einige andere ähnlich dichte, beklemmende Szenen in dem schmalen 200-Seiten-Roman, der sich viel vorgenommen und aufgeladen hat: Krieg, auch der Krieg der modernen Medizin, der amerikanische »Glauben an die Lösung aller Probleme durch technischen Fortschritt, an die Überwindung von Natur und Schicksal durch den Menschen« (Kleeberg im Interview), auch moderne US-Lyrik spielt eine wichtige Rolle, wie auch die Stadt Paris und nicht zuletzt ein mysteriöser Dritter, der Ich-Erzähler im Roman. Fast tollkühn, dieses Zusammenbringen scheinbar unzusammenhängender Thematiken. Von der Konstruktion her ein Trapezakt, verzichtet Kleeberg klugerweise auf stilistische Artistik, denn »es war schnell klar, dass diese Geschichte nicht erlaubt«, zusätzlich auch noch »ein Feuerwerk schriftstellerischer Virtuosität« (Kleeberg) abzubrennen.   Dann konnten wir sie hören. Ibisse geben normalerweise keine Geräusche von sich. Aber jetzt reckten sie die Hälse weit nach oben und die gebogenen Schnäbel zum Himmel empor wie Versinkende und krächzten. Sie begannen langsam zu ersticken.   Ein erstickendes Gefühl auch, dies lesen zu müssen, zu dürfen.    Kleeberg hat vielleicht zu viel gewollt, aber er hat auch viel erreicht.   Ein bemerkenswerter, ein intensiver, ein außergewöhnlicher Roman. (gw)      Michael Kleeberg: »Das amerikanische Hospital« (DVA – 19,95 Euro – ISBN 978-3-421-04390-0)

 

Das müsste für den Moment reichen. Auf dem Zettel für die Montagsthemen stehen noch viele Stichworte. Auswahl: Eintracht gar nicht so schlecht / Stevens, Null muss stehen, sechs Tore / Zappen: Klitschko und Heben (ja, das will ich in der Kolumne ausformulieren, wie ich zwischen Klitschko und dem Weltrekord hin und her gezappt habe) / Viel Zeit für Skeleton in den ARD/ZDF-Nachrichtensendungen: Bauchplatscher, Bahn frei, Kartoffelbrei! (same procedure as every winter; oder wird das zu langweilig, da muss ich mich ja ständig wiederholen) / Olympia, FAS (siehe oben) / Kroos-Interview, Selbstvetrauen, dazu auch Zorniger mit dem Überselbstvertrauen / Marsaillaise, warum wir sie nicht singen sollten und warum sie auch Zidane nicht singt (Marsail…leise!) / Klitschkos Gegner ist 12 Jahre jünger, schneller, größer, hungriger, hat längere Arme, ist kein sorgfältig ausgewähltes Opfer, boxt unorthodox, nicht wie im langweiligen Lehrbuch des Klitschko-Boxens – so einer kann eigentlich gar nicht gegen einen verlieren, der als Boxer im 40 Lebensjahr steht / Letzte Notiz: Sehr gutes Emrich-Interview, ebenfalls in der Welt, aber als Montagsthemchen zu komplex; wird zur Wiedervorlage abgelegt. Und jetzt endlich KKK.

 

 

Baumhausbeichte - Novelle