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Sonntag, 29. November, 11.10 Uhr

Montagsthemen mit Freude geschrieben, lief gut. Traum des Kolumnisten: Dass die Leser genauso viel Freude daran haben.

Nun kann ich wieder an die Kolumne fürs Feuilleton denken, für nächsten Samstag. Thema habe ich schon abgeändert: von “Gewalt” zu “Schuld”. Ich schreibsele seit Tagen daran herum, die Fragmente würden jetzt schon eine ganze Zeitungsseite füllen. Jetzt kommen weitere Notizen ins Unreine hinzu:

 

“Das größte Problem: geschlossene Milieus mit ausgeprägtem Kränkungspotenzial” (SZ). Apartes Wort, dieses Kränkungspotenzial. Habe ich auch, ausgeprägt. Binde mir aber keinen Sprengstoffgürtel um (Selbstanweisung: Nicht ins Spöttische abgleiten, dazu ist das Thema zu ernst)

 

Oder, gerade in Franzens Wälzer “Unschuld” gelesen und gleich notiert: “Und doch: Schuld muss von allen menschlichen Größen die ungeheuerlichste sein.”

 

Passend zum Kränkungspotenzial ein Welt-Interview mit dem Gerichtspsychiater Reinhard Haller über “Die ungeheure Kraft der Kränkung” (Schlagzeile), der in “persönlichen Verletzungen den häufigsten Auslöser für Gewalt und Terror” sieht. “Manchmal schaffen sie aber auch große Kunst.” (da einhaken, denn: Gekränkt wird jeder, der eine mehr, der andere weniger. Es kommt darauf an, wie und ob man sich gekränkt fühlt und wie man damit umgeht. Man hat immer die Wahl)

Haller definiert “Kränkung”: “Die Wissenschaft hat sich damit gar nicht beschäftigt, die hat sich nur mit dem Trauma auseinandergesetzt, also mit dramatischen Lebensereignissen. Eine Kränkung ist viel subtiler, sie breitet sich langsam aus, und dann reicht schon eine Kleinigkeit, um nach Jahren eine Katastrophe auszulösen.”

 

Da ich auch über Empathie schreiben will, notiere ich auch diese Passage:”Stephen Hawking sagt, die Empathie wird das Entscheidende für das Überleben der Menschheit sein, alles andere können Computer ja schon besser als wir.” (Empathie ist Einfühlsamkeit. Einfache Stufe der Empathie: die der  Willkommensbeseelten. Mit dieser Art Empathie steht man immer auf der richtigen, der guten Seite. Nächste, schwierige Stufe der Empathie: Das vorausfühlende  Einfühlungsvermögen in die Köpfe von Flüchtlingen und Aufnehmenden in zwei, fünf, zehn Jahren, und was deutscher Willkommens-Extremismus im Land und in Europa angerichtet haben wird)

 

Wenn Sie wüssten, was noch alles auf den Material-Zetteln steht! Ich fürchte, das Thema wird mich überfordern. Ich muss es ja auch in eine zeilenbegrenzte Kolumne einpassen, also argumentationsverkürzt. Und das bei diesem heiklen Thema. Vielleicht ziehe ich auch den Schwanz ein und schreibe aus dem Stegreif eine harmlose Sprach-Kolumne.

 

Baumhausbeichte - Novelle