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Montagsthemen (vom 30. November)

Als ich gestern begann, den Sportsamstag  nach- und für die »Montagsthemen« vorzubereiten (der Sonntag gab  nicht viel her), taperte ich durch klamme Nässe zum Briefkasten, barg die diesmal nicht nur anregende, sondern auch angeregnete Sonntagszeitung und legte sie zum Trocknen auf die Heizung. Von dort blinkten mir Olympische Ringe entgegen und der Anreißer für den FAS-Sportteil: »Hamburg stimmt ab. Doch wer soll die Spiele bezahlen?« – Na, wer schon. Das weiß ich auch mit noch schlaftrunkenem Kopf: Ich natürlich. Wie immer.
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Klingt nach wutpopulistischem Mecker-Opa. Ist aber einfach nur wahr. Und dennoch kein Olympia-Statement. Bekäme Hamburg die Spiele, würde ich mich freuen und notfalls mit dem Rollator hintapern. Wenn ich noch fit genug sein sollte, sogar mit dem Rad. Und dann die olympischen Sportstätten abradeln. Abgemacht! Zu lesen, so Gott, Sie und die Redaktion wollen, im Sommer 2024. Wäre ein schöner Abschied nach  52 Kolumnenjahren, die bekanntlich Hundejahren entsprechen. Menschlich also 364. Etwa  so viele Ja-Stimmen braucht Hamburg noch. Gestern ging’s nur um die erste.
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Bitte nicht abschweifen, Kolumnen-Methusalem! Außerdem hast du in Düsseldorf gesehen, was passiert, wenn die Konkurrenz deutlich jünger, schneller, größer, frecher und hungriger ist, längere Arme hat, kein sorgfältig ausgewähltes Opfer ist, unorthodox zu Werke geht und nicht wie im langweiligen Lehrbuch des Klitschko-Boxens. Immerhin bekommt Klitschko das, was anderen Methusalems verwehrt bleibt: eine neue Chance. Reset statt Exit.
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Komplett habe ich das Trauerspiel nicht gesehen, denn ich musste immer wieder von RTL zu Eurosport zappen (sorry, ZDF, dein Sport-Studio hatte keine Chance bei meinem Daumen), wo die superschweren Gewichtheber live um die WM-Titel kämpften. Sensationell. Der heroische Kampf des Deutschen Amir Velagic mit sechs gültigen Versuchen und durchweg Bestleistungen (433/195/238), die grandiose Leistung des Russen Alexej Lowtschew (475/WR/211/264/WR), der im letzten Versuch um 16 Kilogramm steigerte, von 248 auf den Stoß-Weltrekord von 264 … o, ich spüre, je begeisterter ich bin, desto mehr Leser springen ab. Wirklich so langweilig, diese Randsportart?
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Na ja, was Randsport ist, entscheiden andere. Vor allem das Fernsehen und seine Senderechte. Da wird randständiger Nischensport schnell zum Knüller. Jetzt erobert sogar Skeleton Sendeminuten in Tagesschau und heute-journal. Skeleton, jenes einstige Jet-Set-Vergnügen, das Gunter Sachs in St. Moritz eingeführt hatte, an dem wir aber schon viel früher als der Ur-Playboy als spielende Jungs auf der »Todesbahn« am Friedhof (ja, wirklich!) unseren angstbibbernden Spaß hatten: per »Bauchplatscher« den steilen Hang hinunter. Rufen sie auch heute noch »Bahn frei, Kartoffelbrei!«, wenn sie in ihren Ganzkörperkondomen loslegen? Die ja ihren nicht nur wind-schlüpfrigen Sinn haben, so wie die Rodler im Doppel aufeinander über die Bahn rumpeln.
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Aber Fußball geht immer noch vor. Auch bei Sigmar Gabriel. Der setzte Prioritäten und kam zwar nach Bremen, aber nicht zum Juso-Kongress in die Messehalle, sondern als Werder-Fan zum Nord-Derby ins Weserstadion. Freude hatte er daran nicht, aber viel masochistischer wäre es gewesen, sich bei und von den Jusos in den Senkel stellen zu lassen. Gabriel heißt nicht Merkel und könnte sich nicht wie diese stoisch von einem Pöbelpopel auf dem Podium abkanzlern lassen. Sie hat es regungslos über sich ergehen lassen. Gabriel hätte gegen kritische Jusos wild zurückgeschlagen, dabei Kanzlerreife gezeigt wie Kohl 1991 in Halle, den nur ein Absperrgitter davon abhielt, einen Eierwerfer eigenhändig zu zerquetschen. Merkel kochte vor Wut, blieb aber äußerlich cool. Doch wehe, wenn Seehofer irgendwann ihre Hilfe braucht. Merkel hat ein Elefantengedächtnis und trainiert schon seit langem fleißig an einer Variante der Martial Arts. Dabei wird dem aggressiven Gockel, sobald er eine Schwäche zeigt, in der stählernen Raute buchstäblich der Hahn zugedreht.
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Zurück zum Fußball. Die Eintracht verliert und verdient dennoch Respekt, bei Stevens in Hoffenheim steht nicht die Null, sondern es fallen sechs, und Bayern München steckt in einer katastrophalen Krise: Nur 2:0 gegen die Berliner Mauer – wenn die Mauerspechte derart gehämmert und gemeißelt hätten, stünde sie immer noch.
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Na ja, witzig geht anders. Haben Sie Thomas Müllers Tor gesehen? Nein, das war nicht witzig, das war ein typischer Müller. Witzig geht so: Als die Dortmunder lamentierten, in jeder anderen Liga, in Spanien, England oder Italien, wären sie Tabellenführer, sagte Müller nur: »Wir auch.« (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle