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Sport-Stammtisch (vom 28. November)

Glaubt eigentlich irgendjemand, es sei schon einmal eine große Sportveranstaltung vergeben worden, ohne dass Bestechungsgelder geflossen seien? Als ich die Frage vor fünf Jahren erstmals stellte, hätte ein Teil meiner Antwort die Bevölkerung nur verunsichert. Heute dagegen weiß jeder: Wenn man an der Beschichtung kratzt, bleibt auch an Teflon etwas hängen.
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Vor fünf Wochen glaubte ich noch, an dem glatten Sebastian Coe bliebe nie etwas hängen, zu clever sei der »Sir«, um nicht immer weiter unbehelligt durch- und hochschlüpfen zu können. Ich listete auf: Als Superläufer von Nike gesponsert, machte ihn der US-Gigant später zum Senior Advisor. 2021 feiert Nike 50. Geburtstag. Als Geschenk findet die WM 2021 in Eugene statt, dem Nike-Stammsitz. Zum Zeitpunkt der »Wahl« (ohne Ausschreibung, par ordre du mufti) war Coe IAAF-Vizepräsident. In seinem »Brot«beruf im Sportmarketing sorgte er unter anderem dafür, dass Baku die grotesken Europaspiele bekam – womöglich, dachte und schrieb ich, sei das eine weitere Stufe auf der Karriereleiter des heutigen IAAF-Präsidenten, der als Favorit auf die spätere Nachfolge von IOC-Präsident Thomas Bach gelte.
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Aber die Zeiten ändern sich, und die oberen Sprossen auf Coes Karriereleiter sind angesägt: Der Präsident des Weltverbandes gibt notgedrungen den Job bei seinem Gold-Esel Nike auf, räumt ein, dass die Baku-Umstände »fehlerhaft« waren, und in Sachen Eugene 21 ermittelt sogar die französischen Polizei. Bach hat einen Widersacher weniger. Überhaupt lichten sich die Reihen im Olymp der Funktionäre. Schon die alten Griechen wussten, dass die Götter dort oben allzu menschlich sind.
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Nicht obwohl, sondern weil überall das Teflon zerkratzt ist, könnte Hamburgs Olympiabewerbung morgen in die Pfanne gehauen werden (sorry, schiefes Bild aus der Küche). Dirk Seifert von NOlympia frohlockt daher: »In den letzten Monaten sind die Zustimmungswerte ja deutlich gesunken. Würden wirtschaftlich Interessierte und Macht-Eliten nicht mit Millionen Euro schweren Werbekampagnen für das Ja werben, wäre das vermutlich noch viel deutlicher.«
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Die Elbphilharmonie war mit 77 Millionen veranschlagt und wird 2016 etwa 800 Millionen gekostet haben. Die Olympiabewerbung ist mit 11,2 Milliarden veranschlagt … kleine Rechenaufgabe aus dem Bereich einfacher Gleichungen: Wenn sich 77 zu 800 verhält wie 11,2 zu y, wie groß ist dann y? Zusatzfrage aus dem Bereich böswilliger Unterstellungen: Wieviel von »y« flösse in die Pflege der Landschaft?

Oha! Die »Pflege der Landschaft« muss Spätgeborenen wohl erläutert werden, denn bei diesem Suchwort listet das Internet  eine ellenlange Trefferliste aus dem Natur- und Agrarbereich auf. Selbst mit dem Zusatz »Kohl« kommen erst diverse Tipps zum Anbau von Weißkohl, bevor man fündig wird: »Die Flick-Affäre bezeichnet einen in den 1980er Jahren aufgedeckten politischen Skandal um verdeckte Parteispenden des Flick-Konzerns. Laut Flick-Manager Eberhard von Brauchitsch dienten sie einer Pflege der politischen Landschaft.«
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Eine Hand wäscht die andere. Aber nicht jede Hand gibt sich der anderen. Vor allem dann nicht, wenn die eine dem muslimischen Fußballer Barazite vom FC Utrecht gehört und die andere einer Reporterin. Skandal! Zürnen die »sozialen Netzwerke«. Was’n Quatsch! Sage ich. Dass Barazite Frauen aus religiösen Gründen nicht die Hand schüttelt, war bekannt, der Verein hatte es ihm schon vor einem Jahr erlaubt und verkündet, ohne öffentliche Aufregung. Auch die Reporterin wusste davon. Sie reagierte gelassen, denn sie hatte Barazite die Hand nach einem Interview nur irrtümlich aus höflicher Gewohnheit reichen wollen.
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Also kein Skandal. Nur Heuchelei. Auch vom Fußballer. Der darf, so die Abmachung mit seinem Verein, seinen Glauben ausleben, solange er die sportlichen Abläufe nicht stört. Und so kommt es, dass Barazite der Physiotherapeutin nicht die Hand gibt, von ihr aber Hand an sich legen lässt.
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Im Fußball gelingen Toleranz und Integration besser als anderswo, weil hier die praktische Vernunft zum Erfolg führt: Wichtig is auf’m Platz. Ob ein Spieler vor dem Anpfiff Gott, Allah oder den heiligen Abrakadabra anruft, ob er nach dem Abpfiff in die Teestube, in die Disco oder ins Bett geht, allein, zu zweit oder zu dritt – wichtig ist nur, ob er (Binse, aber wahr) »der Mannschaft hilft«, durch seine individuelle Klasse und/oder seinen aufopfernden Teamgeist. Wem er die Hand gibt, ist seine Sache. Wenn er sie Frauen nicht gibt, stellt er nicht diese, sondern sich bloß. Und wer mir die Hand nicht gibt, dem will ich sie erst recht nicht geben.
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Ich heiße jeden willkommen, der die Abläufe nicht stört. Erst wenn er, im Namen Gottes oder Wemauchimmer, unsere Mannschaft schwächt, sabotiert und den gemeinsamen Erfolg mutwillig gefährdet, fliegt er gnadenlos raus. Selbst wenn er tausend Tore schösse. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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