Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Sonntag, 22. November, 6.20 Uhr

Meine Meldung der Nacht kommt aus der “Infobox” der Deutschen Presseagentur (dpa). Schlagzeile der Sensationsnachricht: Schnee – Fester Niederschlag aus Eiskristallen. Aha! Wusst’ ich’s doch, dass dieses komische weiße Zeug kein Regen ist! Jetzt will ich es aber genau wissen und lasse mich gründlich informieren:

Schnee ist fester Niederschlag aus meist verzweigten Eiskristallen. Sie kommen in vielfältigen Variationen vor, sind aber immer sechseckig. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt fallen meist lockere Flocken aus miteinander verbundenen Kristallen, die mehrere Zentimeter groß sein können. Ist es kälter, fallen Schneesternchen, Eisnadeln oder Eisplättchen. Von der winterlichen Romantik wird Schnee zur Gefahrenquelle, wenn er festgefahren auf dem Asphalt die Straße zur Rutschbahn macht. Auch geschmolzener Schnee kann Glätte verursachen, wenn er auf der Straße wieder anfriert.

Ist Schnee in unseren Breiten solch ein seltenes Phänomen geworden, dass er uns verklickert werden muss? Oder gehört die dpa-Meldung zur Begrüßungskultur für all die Menschen, in deren Heimatbreiten Schnee tatsächlich ein schier unbegreifliches Phänomen ist?

Kleiner Spott, harmlos und nicht böse gemeint. Vielleicht kürze ich ihn und stecke ihn in den Schluss der “Montagsthemen”. Ebenfalls  für diese und nicht für die nächste Kolumne, die  dienstäglichen “Ohne weitere Worte”-Zitate, notiere ich hier im Stein(es)bruch schon mal Sätze aus Kolumnen von taz und Frankfurter Rundschau …

… oh, ich unterbreche, Breaking News von einem mittelhessischen Hügel: Soeben fährt der Streuwagen vorbei, sein Blinklicht flackert durchs Zimmer. Draußen ist es zwar trocken (hab ich beim Reinholen der FAS recherchiert), aber kalt, vielleicht ist es irgendwo glatt oder es fällt in Nachbarorten sogar ein fester Niederschlag aus Eiskristallen! Brave Buben schon an der Arbeit. Wie ich. Obwohl das, was ich tue, keine Arbeit ist, sondern privilegiertes Hobby eines Ruheständlers, der keine Rosen züchtet oder Briefmarken sammelt, sondern sich kolumnistisch beschäftigt. “Kolumnistisch”? Mein Schreibprogramm meldet mir das Wort rot als Fehler. Was ist daran falsch? Schlägt es mir zur Verbesserung “kommunistisch” vor? Nee, es lässt mich vorschlagslos zurück. Ende der Breaking News

Sie passen aber hübsch zu den Zitaten, in denen sozialistische Relikte auftauchen, die ich nicht “Ohne weitere Worte” ins Blatt stellen möchte, obwohl der Zitatenkolumne vorsichtshalber die Bemerkung vorangestellt wird, es folgten Kluges, Originelles, Peinliches, Schräges, Dümmliches, Erhellendes oder sonstwie Interessantes, gesucht und gesammelt in der deutschen Medienlandschaft. Diesmal müsste zumindest Verbohrtes von Sozialismusnostalgikern hinzugefügt werden.

“Der französische Präsident Francois Hollande (…) rief auch den ‘europäischen Bündnisfall’ aus. Paris ist ja ‘die Stadt des Ehebruchs’, das jedenfalls behaupteten die Terroristen in ihrem unbestätigten Bekennerschreiben, vielleicht echauffiert sich der Hobby-Vespa-Fahrer Hollande auch deswegen so. (…) In Hannover, wo die aufklärungsbereite Polizei samt Bundesinnenminister womöglich Massenvernichtungswaffen vermuteten und den unerheblichen Freundschaftskick (…) kurzerhand absagten. Eine Politik der vorauseilenden Angst, die die aktuelle Stimmungslage nutzt, um den Überwachungswahn nach den ganzen NSA-Skandalen endlich auch legal durchzusetzen.” Schreibt Rene Hamann in der taz-Kolumne “Der rote Faden” (wenigstens ein ehrlicher Name). Darauf muss man erst mal kommen: Das Länderspiel wurde nicht wegen akuter Terrorgefahr abgesagt, sondern um den “Überwachungswahn legal durchzusetzen”.  Das fing ja schon früh an, am 11. September 2001, als Xavier Naidoo “kontrollierte Sprengungen” beobachtet hat. Wahrscheinlich von schwulen Juden, die davon ablenken wollten, dass Deutschland kein freies Land ist. Aber wir Reichsdeutschen lassen uns nicht für dumm verkaufen!

Naidoo ist ein Thema für sich. Nicht dass dumme Zeug, was er schon in Liedern und anderswo verzapft hat, das gehört für mich zur Meinungsfreiheit, die auch für Schwachsinn gilt. Der echte Skandal ist auch ein Grundübel unserer Zeit: Dass die ARD, ein quasi staatlicher Sender, einen Sänger im Namen Deutschlands auftreten lassen wollte, der solches Zeug verzapft. Passt so was von gut in meine Argumentation von der Dekadenz, in der wir leben.

Aber weiter im Zitaten-Text, diesmal leider aus der Kolumne von Michael Herl in der Frankfurter Rundschau: Der 11. September sei nicht mit Paris zu vergleichen: “Das World Trade Center, das waren zwei Türme, die die Macht der westlichen Welt fast schon provokant symbolisierten. Sie standen für Reichtum, Protz und Prunk, also gleichermaßen für Unterdrückung, Ausbeutung und ungleiche Verteilung. Die Schaltzentrale dieser Ungerechtigkeit war das Pentagon in Washington. Beide wurden Ziel der damaligen Attentate. der Coup gelang. (…) Es war fast ein wenig Disneyland, die Terroristen schlugen die US-Amerikaner mit ihren eigenen Waffen. Showbizz at ist best. Umso armseliger die Jungs in Paris. (…) Mit einem Sprenggürtel die Kontrollen einer Massenveranstaltung passieren zu wollen, ist dilettantisch. (…) Der Rest war rohe, tumbe Gewalt. Eine Musikhalle und mehrere Cafes mit Kalaschnikows stürmen, dafür bedarf es keiner blühenden Fantasie. (…) Es waren keine Anschläge auf Symbole des Kapitalismus, sondern auf  ’weiche Ziele’, wie es heißt, also auf uns. Und die Täter waren keine kalten Killer, sondern junge Menchen aus unserer Mitte.”

Ach, die armen Kerle! Wir sind also selbst daran schuid, wenn sie uns wegbomben. Herl schließt mit einem besonders ekligen Vergleich, indem er unsere rechten Dumpfbacken, die ja empörenderweise ebenfalls Meinungsfreiheit für sich beanspruchen, mit den Massenmördern von Paris gleichsetzt: “Die einen rennen auf die Straße und brüllen ‘Ausländer raus’, die anderen lassen sich von irgendwelchen Predigern verblenden und werfen Bomben. Ihre Gründe sind die gleichen. Und das sollte uns beschämen.” Anzunehmen ist, dass der, der sich zuerst schämen sollte, das nicht tun wird.

Ui, die Zeit rast. Schon halb acht. Ich fürchte, das Thema wird für die “Montagsthemen” zu komplex.  Rein müssen aber die Deppen von Gelsenkirchen. Und ein bisschen was Positives. Aber jetzt duftet es schon nach Kaffee, dem einzigen der Woche. KKK im Kommen.

Baumhausbeichte - Novelle