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Montagsthemen (vom 23. November)

Ich bin ein Follower. Kein bei Twitter & Co. registrierter, aber ein aktenkundiger. Das »Anstoß«-Archiv belegt meine Vorlieben. Früher für Jay-Jay oder Ulle, heute für Basti, Kloppo und Dirk. Und da freut sich der Follower: Schweinsteiger sorgt für den United-Sieg, Klopps Liverpool stürzt den Spitzenreiter, und Nowitzki führt Dallas in eine Siegesserie – für den dreifachen Fan ein perfekter Auftakt ins Sportwochenende.
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Dann der Dämpfer. Eintracht Frankfurt. Wenn auf etwas Verlass ist, dann auf die regelmäßige Bestätigung: In der Mannschaft steckt das Potenzial für das eine oder andere gute Spiel, aber keine Substanz für die (hier greift das Modewort) Nachhaltigkeit höheren Leistungsvermögens. Woran liegt’s? Am Trainer? An der Führung? An den Spielern? Suchen Sie sich’s aus. Schakong a song guu, reimt der Hesse dazuu.
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Ebenfalls bestätigt sich, dass im Gefolge der Fußball-Fans auch Freunde der Randale ihre Vorlieben ausleben dürfen. Wenn sogar an diesem Spieltag hohle Hools den Kassenbereich eines vollbesetzten Fußballstadions (!) stürmen wollen, dann wundert man sich noch mehr als bisher, wie relativ folgenlos sie davonkommen. »Du!Du!Dastutmandochnicht!«, mehr haben sie kaum zu befürchten.
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Zumal sie auf Verständnis hoffen können. Schuld an der Randale ist nicht der Randalierer, sondern die Gesellschaft, gegen die er randaliert. Über diese postideologische Sponti-Nostalgie könnte man noch schmunzeln angesichts von Alltagsnormalos, die am Samstag erst ihr Auto und dann Fressen polieren. Wenn aber krude Überwachungs-Verschwörungstheorien gebastelt oder sogar die Untaten von Massenmördern relativiert werden, will ich sie nicht »Ohne weitere Worte« in die morgige Zitaten-Kolumne stellen, obwohl dieser vorsichtshalber immer die Bemerkung vorangestellt wird, es folgten nicht nur »Kluges und Originelles«, sondern auch »Peinliches und Dümmliches«. Doch diesmal müsste zumindest »Verbohrtes« hinzugefügt werden.
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Kennen Sie den wahren Grund, warum das Länderspiel in Hannover abgesagt wurde? Die »taz« weiß es: Die Politik »nutzt die aktuelle Stimmungslage, um den Überwachungswahn nach den ganzen NSA-Skandalen endlich auch legal durchzusetzen«. Eine Verschwörungstheorie fast auf dem Niveau von Xavier Naidoo. Der hat ja schon am 11. September 2001 »kontrollierte Sprengungen« beobachtet. Wahrscheinlich von schwulen Juden, die davon ablenken wollten, dass Deutschland kein freies Land ist.
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Naidoo. Thema für sich. Mich stört nicht, was er in Liedern und anderswo von sich gibt. Das gehört zur Meinungsfreiheit, die auch Schwachsinn toleriert. Der echte Skandal ist aber ein Grundübel (Stichwort: Dekadenz) unserer Zeit: Dass die ARD öffentlich-rechtlich einen Sänger im Namen von und für Deutschland auftreten lassen wollte, der solch irres Zeug verzapft.
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Die hessische Szene- und Kultur-Ikone Michael Herl behauptet in der »Frankfurter Rundschau«, der 11. September sei nicht mit Paris zu vergleichen: Das World Trade Center stand »für Unterdrückung, Ausbeutung«, »die Terroristen schlugen die US-Amerikaner mit ihren eigenen Waffen. Showbizz at ist best. Umso armseliger die Jungs in Paris.« Die wollten »mit einem Sprenggürtel die Kontrollen einer Massenveranstaltung passieren«, das war »dilettantisch« und »rohe, tumbe Gewalt«. Aber »eine Musikhalle und mehrere Cafes mit Kalaschnikows stürmen«, das »waren keine Anschläge auf Symbole des Kapitalismus, sondern auf ›weiche Ziele‹, wie es heißt, also auf uns. Und die Täter waren keine kalten Killer, sondern junge Menchen aus unserer Mitte.«
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Ach, die armen Kerle! Herl schließt mit einem besonders unangenehmen Vergleich, indem er rechte Dumpfbacken, die ja empörenderweise ebenfalls Meinungsfreiheit für sich beanspruchen, mit den Massenmördern von Paris gleichsetzt: »Die einen rennen auf die Straße und brüllen ›Ausländer raus‹, die anderen lassen sich von irgendwelchen Predigern verblenden und werfen Bomben. Ihre Gründe sind die gleichen. Und das sollte uns beschämen.«
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»Uns«? Auch ich schäme mich manchmal hinterher, wenn ich tags darauf lese, was ich geschrieben habe. Aber das beschämt mich, nicht uns. Wie geht es Ihnen, Herr Herl?
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In diesem Zusammenhang: Ich versichere, meine Kolumnen immer eigenhändig verfasst und nie blanko unterschrieben zu haben als:  (gw)
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(www.anstoss-gw.de  gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle